Fachtagung im Hanse-Wissenschaftskolleg Wissenschaftler stellen ihr Makroplastik-Projekt mit Holzdriftern vor

Jörg-Olaf Wolff (v.l., Projektsprecher), Peter Südbeck (Leiter der Nationalparkverwaltung niedersächsisches Wattenmeer), Karin Lochte (Lenkungsgremium Trilaterale Wattenmeerzusammenarbeit und Sprecherin der Deutschen Allianz Meeresforschung), Hans Michael Piper (Präsident der Universität Oldenburg) und Björn Thümler (Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur) tauschten sich bei der Fachtagung über Makroplastik in der südlichen Nordsee aus. Foto: Niklas GolitschekJörg-Olaf Wolff (v.l., Projektsprecher), Peter Südbeck (Leiter der Nationalparkverwaltung niedersächsisches Wattenmeer), Karin Lochte (Lenkungsgremium Trilaterale Wattenmeerzusammenarbeit und Sprecherin der Deutschen Allianz Meeresforschung), Hans Michael Piper (Präsident der Universität Oldenburg) und Björn Thümler (Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur) tauschten sich bei der Fachtagung über Makroplastik in der südlichen Nordsee aus. Foto: Niklas Golitschek

Delmenhorst. Fast vier Jahre haben sie erforscht, welche Wege Plastiktüten und anderer Müll in der Nordsee nimmt. Nun haben Wissenschaftler der Universität Oldenburg im Delmenhorster HWK die Ergebnisse vorgestellt – und zeigten sich von so mancher Erkenntnis selbst verblüfft.

Jörg-Olaf Wolff und sein Team haben eine ganz neue Erkenntnis gewonnen. „Die Nordsee kann im Uhrzeigersinn zirkulieren“, erklärte der Organisator und Sprecher des Projekts „Makroplastik in der südlichen Nordsee“ am Mittwochmorgen bei einer Tagung im Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst.

Eigentlich dreht sich der Nordseestrom entgegen des Uhrzeigersinns. Doch bei starken Ostwinden sei eben – wenn auch selten – eine Umkehrung möglich: „Wir konnten zeigen, dass es in den letzten 40 Jahren fünf Mal passiert ist.“ Für die Wissenschaftler des Instituts für Biologie und Chemie des Meeres (ICBM) sowie des Instituts für Umweltwissenschaften (IBU) der Universität Oldenburg sei diese Erkenntnis durchaus „verblüffend“ gewesen. Denn mit ihrem Projekt wollten sie nachvollziehen, wie sich Plastikmüll im Meer verteilt, wo er herkommt und wie sich das vermeiden lässt. Dafür haben sie vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur eine Förderung von 1,4 Millionen Euro erhalten.

65.000 Holzdrifter

Fast 65.000 Holzdrifter – jeder mit einer Identifikationsnummer versehen - sowie einige GPS-Drifter haben die Wissenschaftler dafür seit Projektbeginn im Jahr 2016 zu verschiedenen Jahreszeiten und an verschiedenen Stellen um Elbe, Weser, Ems, Offshore und an den Küsten ausgesetzt. Auf diesen Holzdriftern stand ein Vermerk, dass Fundort und -zeit auf einer Homepage eingetragen werden sollten. Dadurch ließ sich die Route nachverfolgen und eben auch das Phänomen der umgekehrten Fließrichtung feststellen: Während die meisten Drifter ihren Weg entlang der dänischen Westküste hin zum Skagerrak zwischen Schweden und Norwegen und dann weiter Richtung Norden fanden, wurden im März 2018 auch einige Holzdrifter an der englischen Ostküste gefunden. „Das ist eine Erkenntnis, die es so noch nicht gab“, bilanzierte Wolff.

Insgesamt sei die öffentliche Beteiligung weit größer gewesen als eingangs erhofft. „Mehr als 50 Prozent der Holzdrifter wurden uns gemeldet“, sagte der Projektsprecher, gerechnet habe man mit maximal 20 Prozent. Letztendlich lasse sich sagen, dass der Müll aus den Flüssen oft auch in diesen bleibe, ebenso an den Küsten – doch ein Teil lande eben auch im Meer. So befänden sich in den Ozeanen derzeit rund 100 Millionen Tonnen Plastikmüll, bis zu zehn Prozent des jährlich produzierten Plastiks komme jährlich hinzu.

Ein greifbares Projekt

Björn Thümler, Minister für Wissenschaft und Kultur, lobte das Projekt als „greifbar, es regt zum Nachdenken an“. Er berichtete von Seevögeln, die mit diesem Plastik für den Nestbau nutzen, sich später darin verfangen – und sterben. Fische, die das Plastik fressen, würden später auf den Tellern der Menschen landen – und damit das zersetzte Plastik auch in deren Mägen. „In zehn bis 20 Jahren wird es mehr Plastik als Fische im Meer geben, das ist dramatisch“, mahnte Thümler. „Das vergiftet uns selber und unsere Umwelt.“

Plastik zu recyclen sei zwar eine nette Idee, doch müsse man daran arbeiten, dass Plastik in diesen Massen gar nicht erst entstehe. „Die Konsumenten müssen sich verändern und andere Möglichkeiten wählen“, riet er beim Obstkauf etwa zum Stoffnetz statt der Plastiktüte. Supermärkte könnten Ersteres kostenlos anbieten und auf Zweiteres höhere Preise ansetzen, um das Verhalten zu beeinflussen. „Man muss das über das Portemonnaie machen“, zeigte er sich überzeugt.

Thümler lehnt Besteuerung ab

Also eine Steuer? Da winkte Thümler ab, das würde der Verbraucher als Geldmacherei des Staates verstehen. „Eine zusätzliche Steuer schreckt eher ab“, sagte er. Jeder müsse für sich selbst erkennen, dass er einen Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten könne. „Wir müssen einen direkten Bezug herstellen.“ Bei einigen ist das den Wissenschaftlern mit ihrem Makroplastik-Projekt gelungen. Nun wollen auch sie sich auf die weitere Lösungssuche begeben.


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