Azubis in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg Immer mehr Geflüchtete machen vor Ort eine Ausbildung

Langsam aber stetig werden aus Geflüchteten immer häufiger Auszubildende in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg. Symbolfoto: Sven Hoppe/dpaLangsam aber stetig werden aus Geflüchteten immer häufiger Auszubildende in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg. Symbolfoto: Sven Hoppe/dpa

Delmenhorst / Landkreis Oldenburg. Immer mehr Flüchtlinge starten in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg eine Ausbildung. Allerdings stehen sie noch immer vor Problemen mit der Fachsprache ihres Ausbildungsgangs. Trotzdem wissen viele, wie sie ihre Chefinnen und Chefs überzeugen.

Sie kommen langsam aber stetig: Insgesamt 848 Auszubildende sind am ersten August in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg in ihr Berufsleben gestartet, darunter auch 26 Geflüchtete. Ihr Anteil ist zwar gering, hat sich aber in den vergangenen Jahren stetig erhöht. Das zeigen Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Handwerkskammer in Oldenburg. Deutlich wird auch: Geflüchtete haben noch immer schwer mit der deutschen Sprache zu kämpfen – wissen aber trotzdem, ihre Chefinnen und Chefs zu überzeugen.

Gastgewerbe, Verkauf und Metallbau gefragt

Die berufliche Marschrichtung ist schon einmal klar: Werden Geflüchtete (dazu zählen Zuwanderer aus Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien) in Delmenhorst und im Landkreis Oldenburg zum Azubi, dann starten sie am ehesten im Gastgewerbe, als Verkäufer oder als Fachlageristen, wenn es um Berufe in Industrie und Handel geht. Im Handwerk ist das Berufsbild des Anlagenmechanikers für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit weitem Abstand am gefragtesten. Es folgt das des Elektronikers, des Metallbauers und des Frisörs. So teilen es die entsprechenden Kammern mit. 

Mehr Verträge werden 2019 noch folgen

Seit 2017 haben bis heute insgesamt 116 Geflüchtete in der Stadt und im Landkreis einen Ausbildungsvertrag unterschrieben, 69 im Handwerk, 47 bei IHK-Betrieben. Zusammengezählt, schaffen es Landkreis-Betriebe besser, Geflüchtete zu binden: 71 Verträge gab es im Landkreis, 45 in Delmenhorst. Die Zahlen für 2019 sind noch übersichtlich: insgesamt elf Verträge in Delmenhorst, 17 im Landkreis. Aber: Sie liegen damit bereits jetzt auf dem Niveau des gesamten Jahres 2017 (zusammen 25 Verträge; 2018: 63). Dass im laufenden Ausbildungsjahr noch mehr neue Azubis hinzukommen werden, davon gehen Bettina Doneit, Willkommenslotsin von der IHK, und Wolfgang Jöhnk, Geschäftsbereichsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer, fest aus. Denn für viele Betriebe verschiebe sich der Beginn des Ausbildungsjahres: "Selbst zum Oktober sind noch Vertragsabschlüsse möglich", sagt Doneit. Auch das hiesige Kreishandwerk könnte aktuell, rund zwei Wochen nach dem 1. August, noch 16 Stellen ab sofort besetzen (Stand: 19. August).

Hilfestellung für die Zeit vor der Ausbildung

Insgesamt haben für dieses Ausbildungsjahr zum 1. August noch 274 junge Menschen keine Ausbildung im Bereich der Agentur für Arbeit in Delmenhorst gefunden. Geflüchtete aber auch einheimische Jungen und Mädchen können sich bei der Agentur für bestimmte Programme anmelden, die die Jugendlichen auf die Ausbildung vorbereiten, falls Hilfe notwendig ist. 
  • Die Einstiegsqualifikation (EQ) ist ein mehrmonatiges Praktikum in einem Betrieb, das zum Beispiel Sprachkenntnisse erweitert. Die EQ hilft, den Beruf kennenzulernen oder gibt den Jugendlichen die Gelegenheit, sich den Chefs zu zeigen.
  • Eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) hilft dabei, den Schulabschluss nachzuholen, vermittelt Praktika und bietet Hilfe bei der Berufsorientierung. Sie erstreckt sich über ein Jahr.
Die Agentur berät Ausbildungswillige unter Telefon (08 00) 4 5555 00. 

Sprache bleibt in der Ausbildung ein Stolperstein

Auszubildende nehmen also künftig weiter zu. Aber es zeigt sich auch: Sprache war, ist und bleibt ein Schlüsselproblem. Doneit: "Es ist für Flüchtlinge schwer, den Anforderungen der Fachsprache der dreijährigen Berufe gerecht zu werden." Besonders beim Textverständnis und beim Schreiben von Texten seien sie im fachsprachlichen Unterricht "massiv überfordert". Für die IHK teilt Doneit darum mit, dass Geflüchtete gerne Ausbildungsberufe wählen, für die eine zweijährige Ausbildungszeit ausreicht. Diese enthalten weniger theoretische Inhalte. Die Durchfallquote bei Geflüchteten sei im schriftlichen Bereich hoch. Wie hoch, dazu gebe es noch keine Angaben, sagt Doneit.

Schulische Vorbildung unzureichend

Die Einschätzung der IHK kann die Handwerkskammer nur bedingt teilen. Die Abbrecherquote von Geflüchteten liege auf dem Niveau aller Auszubildenden des ersten und zweiten Ausbildungsjahres, teilt Wolfgang Jöhnk mit. Und die Trendberufe seien sämtlich dreijährig während der Ausbildung. Allerdings bestehen 25 Prozent der Flüchtlinge im Handwerk ihre Abschlussprüfung nicht, 15 Prozent sind es hingegen bei einheimischen Azubis. Neben "sehr deutlichen" sprachlichen Defiziten in der Berufsschule weist Jöhnk auf eine "unzureichende schulische Vorbildung" hin. Jöhnk: "Hier kann nur durch zusätzlichen berufsbezogenen Sprachunterricht und eine hohe Lernbereitschaft des Auszubildenden ein Ausbildungserfolg erzielt werden."

Probleme mit der Fachsprache, in der Praxis sehr fähig

Die Einstellung unter Geflüchteten ist also eine elementare Voraussetzung, um Defizite bei der Sprache und bei der Bildung auszugleichen. Dazu passt: Laut Doneit gibt es in der Fachpraxis aus Sicht der Ausbildungsbetriebe kaum Probleme. "Im Gegenteil, die Ausbilder sind sehr zufrieden." Wie viele Geflüchtete aber ihre Ausbildung am Ende tatsächlich bestehen, ist schlecht zu sagen. Es gibt schlicht kaum aussagekräftige Angaben, da die meisten Geflüchteten erst ab 2015 ins Land kamen und noch im laufenden August Abschlussprüfungen abgenommen werden. Aus den Äußerungen Doneits und Jöhnks wird aber klar: Offenbar schaffen es viele junge Geflüchtete, die Betriebe von sich zu überzeugen – wenn ihre Einstellung stimmt.


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