Arbeitsmarkt im April Korrektur nach Datenpanne: Delmenhorster Arbeitlosenzahl zieht merklich an

Nach einer Datenpanne mussten Deutschlands Jobcenter Millionen an Datensätzen neu überprüfen. In Delmenhorst hat das einen Anstieg der Arbeitslosenquote zur Folge. Foto: Frederik GrabbeNach einer Datenpanne mussten Deutschlands Jobcenter Millionen an Datensätzen neu überprüfen. In Delmenhorst hat das einen Anstieg der Arbeitslosenquote zur Folge. Foto: Frederik Grabbe
Frederik Grabbe

Delmenhorst. Die Arbeitslosenzahl in Delmenhorst ist deutlich gestiegen. Dahinter steht zum Teil allerdings eine Datenpanne in Deutschlands Jobcentern. Reihenweise waren Daten falsch erfasst worden. Das hat auch Folgen hiesige Zahlen.

Eine Datenpanne der Jobcenter in Deutschland hat Folgen für die Arbeitslosenzahlen in Delmenhorst. Wie Karin Kayser, Geschäftsstellenleiterin der Agentur für Arbeit in der Stadt, am Dienstag mitteilte, waren Ende April 3681 Männer und Frauen in Delmenhorst arbeitslos, in Ganderkesee waren es 606. Das bedeutet für Delmenhorst eine Zunahme von 144 Arbeitslosen im Vergleich zum März, in Ganderkesee waren es 35 mehr. In der Stadt Delmenhorst stieg die Arbeitslosenquote von 9 auf 9,4 Prozent – dieser Trend ist gerade für das Frühjahr ungewöhnlich.

Zehntausende Arbeitslose falsch erfasst

Hinter dem Anstieg steht teilweise ein Datenabgleich innerhalb der Jobcenter im Bundesgebiet, bestätigte der Geschäftsführer des Delmenhorster Jobcenters Frank Münkewarf auf Nachfrage. Mitte April hatte der Bundesrechnungshof die Bundesagentur für Arbeit auf Erfassungsfehler im großen Stil bei Hartz-IV-Empfängern, zum Beispiel bei der Statusangabe 'arbeitslos' und 'arbeitssuchend', aufmerksam gemacht. Bundesweit seien 115.000 Arbeitslose nicht als solche erfasst worden. Daraufhin mussten die Jobcenter ihre Zahlen neu prüfen – auch in Delmenhorst.

Delmenhorster Jobcenter arbeitet Fälle ab

"Es handelt sich dabei zum Beispiel um händische Fehler in der Erfassung", sagte Münkewarf. "Manchmal liegt es daran, dass im IT-System ein Haken nicht richtig gesetzt wurde." Mitarbeiter seien sensibilisiert worden. Nach Angaben der dpa müssen Jobcenter-Mitarbeiter bei der Erfassung umfangreiche Regeln beachten. Münkewarf wies auf häufige Wechsel in der Jobcenter-Belegschaft hin, infolgedessen müssten oft neue Kräfte neu eingearbeitet werden. Das Delmenhorster Jobcenter arbeite jetzt eine Liste ab, rund 150 Fälle seien bislang bearbeitet, so Münkewarf.

Gute Aussichten für Männer in Außenberufen

Was die weitere Entwicklung des Arbeitsmarkts im April angeht, so sprach Kayser von einem "Männerfrühling": Im Frühjahr steige saisontypisch die Nachfrage in den Außenberufen wie im Landschaftsgartenbau, in Gärtnereien oder auf dem Bau, so Kayser. Diese Entwicklung betreffe häufig Männer. So verzeichnet die Arbeitsagentur einen Rückgang von -3,7 Prozent (-23) bei männlichen Arbeitslosen. Bei den Frauen stieg die Zahl hingegen um 2,9 Prozent (+12). Generell lasse sich die Fachkräftenachfrage auf andere Felder übertragen, sagte die Geschäftsstellenleiterin. So wurden seit Jahresbeginn insgesamt 629 neue Stellen gemeldet, 15 Prozent mehr als zum April des Vorjahres. Gleichzeitig sind in dieser Zeit 752 Arbeitsstellen abgemeldet worden, 26 Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr Stellen und mehr Abmeldungen offener Stellen bekräftigten den Bedarf der Betriebe, so Kayser.

Arbeit in Delmenhorst (hier aufklappen)

Grundsätzliche Daten zum Bereich des Jobcenters Delmenhorst
Mehr als 10.000 Delmenhorster erhielten 2016 Leistungen der Grundsicherung, eine „hohe Zahl“, wie das Arbeitsmarkt- und Integrationsprogramm 2017/2018 festhält. Arbeit oder eine Ausbildung zu finden sei „unter realen Marktbedingungen“ nur schwer zu realisieren – und wenn, nur auf lange Sicht. Im Juli 2016 hatten 71 Prozent aller Jobcenterkunden keinen Berufsabschluss, nur 11 Prozent wiesen marktnahe Bewerberprofile auf.  
Unter ihnen ist die Zahl der Alleinerziehenden mit 1059 „hoch“, wie es in dem Papier heißt. Aufgrund der geringen Quote an Berufsabschlüssen und der schwierigen Betreuungssituation liege ein „besonderes Augenmerk“ auf Alleinerziehenden.
Von 7500 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten sind 5000 im Langzeitleistungsbezug, 3300 sind seit länger als vier Jahren ohne Arbeit.
Tiefstwerte in den vergangenen fünf Jahren wurden bei den Zahlen der Leistungsempfänger (7619) und Bedarfsgemeinschaften (5413) erreicht (2011: 7300; 5197). Grund ist laut Integrationsprogramm der Flüchtlingszuzug.
Die Beschäftigungsquote in der Stadt liegt bei 54 Prozent, drei Prozent unter dem Bundesschnitt. Auch wenn im vergangenen Jahr die Arbeitslosigkeit abgebaut werden konnte, liege dies an arbeitsmarktpolitischen Instrumenten, also Maßnahmen des Jobcenters. Exemplarisch steht dafür die Zahl der Unterbeschäftigten von 5840 (Januar 2017: 14,4 Prozent, Januar 2016 13,5 Prozent).
Schwierig sei der Delmenhorster Arbeitsmarkt auch wegen der enormen Pendleranzahl. Gegengerechnet 6700 Menschen pendeln täglich aus der Stadt, um woanders einer Arbeit nachzugehen.

Konjunktur steht vor einer Schwächephase

Möglich ist aber, dass die Aussichten für Arbeitnehmer nicht so rosig bleiben: Mittlerweile habe sich das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Einrichtung der Bundesagentur für Arbeit, anderen Prognosen angeschlossen, wonach der Arbeitsmarkt angesichts des anstehenden Austritts Großbritanniens aus der EU oder drohender Zölle durch die USA vor einer "Schwächephase" stehe. "Die Konjunktur wird deutlich an Schwung verlieren. Der Abbau der Arbeitslosigkeit wird sich verlangsamen", sagte Kayser.

Immer weniger Bewerber aus Ausbildungsstellen

Trotz eines "Felds an Unsicherheiten" könnten die Aussichten für gut ausgebildete Kräfte gut stehen: Denn in den nächsten Jahren werden immer weniger frisch Ausgebildete nachkommen. Das lässt sich bereits jetzt aus Angaben zum Ausbildungsmarkt herauslesen: 603 Bewerber auf Ausbildungsstellen zählte die Agentur in Delmenhorst seit vergangenem Oktober. Fast 100 weniger als zum April 2017. Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen stieg in dem Zeitraum hingegen von 269 auf 305. Weniger Bewerber kommen also auf mehr Stellen. 

Arbeitsmarkt

Lage in Niedersachsen und Bremen
Die Arbeitsagentur in Niedersachsen sieht den Arbeitsmarkt weiter in guter Verfassung. Die Arbeitslosenzahl ist saisontypisch gesunken. Im April waren 215 025 Frauen und Männer arbeitslos, das waren 6059 weniger als im März. Die Arbeitslosenquote lag damit bei 5,0 Prozent. Am stärksten ging die Arbeitslosenzahl bei den unter 25-Jährigen zurück. 77 890 freie Stellen sind derzeit gemeldet. Bärbel Höltzen-Schoh, Chefin der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen der Agentur, appellierte an Arbeitgeber, sich mehr für Menschen mit Behinderung zu öffnen. Im Land Bremen ist die Arbeitslosigkeit im April ganz leicht auf 34 818 Männer und Frauen ohne Arbeit gesunken (-38). Die Quote lag damit bei 9,7 Prozent. Trotz des hohen Bestands macht die Agentur in Bremen und Bremerhaven eine hohe Personalnachfrage aus: 7731 offene Stellen verzeichnete sie, das sind fast elf Prozent mehr als vor einem Jahr. Joachim Ossmann, Chef der Agentur im Land Bremen, hält fest: „Wer gut qualifiziert ist, hat meist gute Chancen. Deutlich schwieriger ist die Situation allerdings für Menschen mit geringen Qualifikationen.“ fred



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