Ein Bild von Marco Julius
17.04.2019, 09:23 Uhr KOLUMNE

Quergedacht: „Schönheit! – Gesund bist Du ja!“

Von Marco Julius


Nieste einer früher im Großraumbüro, so fand sich immer ein anderer, der sogleich „Aufwischen!“ rief oder „Schönheit! – Gesund bist Du ja!“. Foto: Patrick Pleul/dpaNieste einer früher im Großraumbüro, so fand sich immer ein anderer, der sogleich „Aufwischen!“ rief oder „Schönheit! – Gesund bist Du ja!“. Foto: Patrick Pleul/dpa

Delmenhorst. In der neuen Folge unserer gesundheitsfördernden Kolumne„Quergedacht“ geht es um Theo Waigel – und darum, was zu tun ist, wenn andere niesen

Zugegeben, der Autor dieser Zeilen hat lange nicht an Theo Waigel gedacht. Jenen Mr. Augenbraue, der aus einer Zeit stammt, als außerehelichen Affären nicht nur in der CSU noch verpflichtend waren, um als waschechtes Mannsbild zu gelten. Der Waigel Theo nun, von 1989 bis 1998 Bundesminister der Finanzen, der wird bald 80. Ein Buch hat er deshalb geschrieben. Das will natürlich vermarktet werden, wer wüsste das besser als ein Ex-Finanzminister. Deshalb ist die Augenbraue Waigels gerade wieder häufiger zu sehen.

Und so denkt man an früher. War da nicht alles besser? Selbst die außerehelichen Affären? „Komme mir niemand mit der guten alten Zeit“, sagt aber Waigel selbst. Früher, da hätten eine Theologie der Angst und eine Pädagogik der Schläge geherrscht. Oder waren es eine Theologie der Schläge und eine Pädagogik der Angst? Sei es drum. Früher, da war eben tatsächlich nicht alles besser.

Was Knigge zum Niesen sagt

Nehmen wir das Niesen. Nieste einer früher im Großraumbüro, so fand sich immer ein anderer, der sogleich „Aufwischen!“ rief oder „Schönheit! – Gesund bist Du ja!“. Oder gar „Verreck dran!“. Auch ein „Zerreißen soll es Dich – und Deine Brieftasche soll mich treffen!“ war hin und wieder als Reaktion auf einen kräftigen Nieser zu vernehmen. Heute, so sagt es ein Nachfahre Knigges, sind solche oft nur halb im Scherze formulierten Aufforderungen natürlich längst nicht mehr statthaft. Selbst ein lautstarkes „Gesundheit!“, gebrüllt von einem Ende des Büros ans andere, so betont es der Knigge, hat zu unterbleiben. Stattdessen möge sich der Niesende mit einem „Entschuldigung!“ an seine Bürogemeinschaft wenden, sobald er nach der Niesattacke wieder Luft zum Atmen hat. Schließlich beeinträchtigt das orkanartige Niesen das Gehör, und zwar stets das der anderen. Und das jetzt, in der Heuschnupfenzeit, an einem beliebigen Bürotag etwa 2753 mal am Tag.

Ob Waigel, wie es in Bayern Brauch ist, einem Niesenden erwidert „Häif‘ da Gott!“ (sinngemäß: „Gott möge dir helfen!“), ist nicht bekannt. Zum Geburtstag aber, da sei ihm ein herzhaftes „Gesundheit!“ zugerufen. Ganz egal, was früher war.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN