Arbeitszeiten in der Kritik Gewerkschaft sieht Delmenhorster Gastro-Fachkräfte am Limit

Es fehlen Fachkräfte: Das Gastgewerbe hat ein Image-Problem, sagt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Foto: Marc Tirl/dpaEs fehlen Fachkräfte: Das Gastgewerbe hat ein Image-Problem, sagt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Foto: Marc Tirl/dpa

Delmenhorst. Ein waschechtes Image-Problem attestiert die Gewerkschaft dem Gastro-Gewerbe. Gastronomen und Hoteliers kämpfen auch in Delmenhorst mit dem Fachkräftemangel, sehen aber den Gesetzgeber in der Pflicht.

Gute Nachrichten für das Hotelgewerbe in der Region: Das Oldenburger Land verzeichnete im Jahr 2018 rund 770.000 Übernachtungen von Gästen aus dem In- und Ausland. 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr – und 57 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. In der Stadt Delmenhorst, auch das zeigt die Statistik, gab es 2009  46.151 Gästeübernachtungen, im vergangenen Jahr waren 57.570, also 11.000 Übernachtungen mehr als vor zehn Jahren. Das teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten Bremen-Weser-Elbe (NGG) mit. Die NGG beruft sich dabei auf Angaben des Statistischen Bundesamtes, das die Beherbergungszahlen bundesweit ausgewertet hat. NGG-Geschäftsführer Dieter Nickel spricht von einer „starken Bilanz, die jedoch nur mit dem starken Engagement der Beschäftigten überhaupt möglich ist“. 

Gewerkschaft sieht "waschechtes Imageproblem"

Denn Nickel sagt auch: "Allein in Delmenhorst beschäftigt das Gastgewerbe nach Angaben der Arbeitsagentur rund 800 Menschen. Allerdings fehlen hier zunehmend Fachkräfte – auch, weil die Branche ein waschechtes Image-Problem hat."  Nickel macht dafür einen Hauptgrund aus: immer extremere Arbeitszeiten. Zwar gehöre das Arbeiten am Abend oder am Sonntag für Hotelfachleute und Kellner fest zum Job. „Aber in den vergangenen Jahren sind die Schichten deutlich länger und die Erholungszeiten kürzer geworden. Das macht nicht jeder ewig mit“, sagt der Gewerkschafter.

"Nach einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin steigt das Unfallrisiko nach der achten Arbeitsstunde exponentiell an. Und wer oft im Schichtdienst arbeitet, der hat ein erhöhtes Risiko, am Herzen oder an Diabetes zu erkranken", sagt Nickel. 

Dehoga fordert mehr Flexibilität

Er kritisiert vor allem die Forderungen von Unternehmern aus der Branche, das Arbeitszeitgesetz zu lockern. „Geht es nach dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga), dann sollen 13-Stunden-Arbeitstage bald zum Normalfall werden. Aber hier steht die Gesundheit der Beschäftigten auf dem Spiel. Nicht umsonst gibt es gesetzliche Grenzen“, betont Nickel. Das Arbeitszeitgesetz schreibt bislang eine Regelarbeitszeit von acht Stunden täglich vor. In Ausnahmefällen kann sie auf zehn Stunden ausgedehnt werden. Der Dehoga fordert seit Längerem, das "Arbeitszeitgesetz an Lebenswirklichkeit" anzupassen. Eine Forderung, der sich auch Tarik Cirdi als DEHOGA-Stadtverbandsvorsitzender Delmenhorst und Betreiber des Riva anschließt. "Wir sind in der Gastronomie durch den Gesetzgeber gehandicapt", sagt er. "Wir brauchen dringend mehr Flexibilität. Schon jetzt sind Betriebe gezwungen, ihre Öffnungszeiten zu komprimieren, wenn sie nicht ihr Personal verbrennen wollen."

"In unserer Branche ist es nunmal so, dass wir arbeiten müssen, wenn andere feiern."Olaf Thomsen


Olaf Thomsen, Geschäftsführer des Hotel Thomsen an der Bremer Straße, spricht sich für eine flexiblere Regelung der Arbeitszeiten aus. "In unserer Branche ist es nunmal so, dass wir arbeiten müssen, wenn andere feiern. Und das kann dann auch mal länger dauern. Da sind die zehn Stunden schnell erreicht – und das auch an Feiertagen."  Den Fachkräftemangel könne man aber nicht allein an den Arbeitszeiten festmachen. "Viele wollen Abi und Studium, in Schweiß kommen und sich die Finger schmutzig machen, das will aber keiner." Gerade Personal für die Küche zu finden, werde zunehmend schwieriger. Auch Cirdi sorgt sich um den Nachwuchs: "Wir haben in unserer Branche die niedrigste Zahl von Auszubildenden seit 1976. Viele von den Auszubildenden brechen die Lehre sogar ab." 

Fachkräfte "am Limit"

„Die guten Übernachtungszahlen und steigende Umsätze zeigen, wie groß der Einsatz der Beschäftigten in der Gastronomie und Hotellerie ist“, sagt Nickel. In Delmenhorst arbeiteten gerade gelernte Fachkräfte „längst am Limit“. Die dürfe man nicht mit „Horror-Arbeitszeiten“ verprellen. Schon jetzt falle es der Branche schwer genug, Schulabgänger für eine Ausbildung zu gewinnen.

Die NGG warnt davor, das Gastgewerbe zum „Vorreiter für ausufernde Arbeitszeiten“ zu machen. "Bei einer aktuellen Branchenumfrage der Gewerkschaft gaben 81 Prozent der Befragten an, ihre Arbeitsbelastung habe in den letzten Jahren zugenommen. Fast jeder Zweite muss demnach in der Freizeit für den Betrieb einspringen", berichtet Nickel.

Arbeit am Feiertagen und am Wochenende

In der Hotellerie und Gastronomie liegt die Quote der Wochenendarbeiter bei 86 Prozent, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ermittelt. Hinzu komme die Arbeit auf Abruf, von der im Gastgewerbe jeder Vierte betroffen ist. „Wenn der Chef per WhatsApp in letzter Sekunde die Dienste verteilt, dann können Beschäftigte ihren Alltag kaum planen“, kritisiert Nickel.

Statt längere Arbeitszeiten zu fordern, sollten Hoteliers und Gastronomen aus Sicht Nickels die Branche attraktiver machen: „Das fängt bei einer guten Ausbildungsqualität an und reicht bis zur Bezahlung nach Tarifvertrag. Und wenn das Personal Spaß an der Arbeit hat, dann kommen die Gäste auch gern wieder.“





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