Studentenproteste 1969 Studenten holen sich vor Delmenhorster Kaserne eine blutige Nase

März 1969: Demonstranten des Republikanischen Clubs ziehen durch die Lange und die Bahnhofstraße. Foto: dk-ArchivMärz 1969: Demonstranten des Republikanischen Clubs ziehen durch die Lange und die Bahnhofstraße. Foto: dk-Archiv

Delmenhorst. Zwei Mitglieder des Republikanischen Clubs verteilten im März 1969 Flugblätter vor der Kaserne in Adelheide. Was dann geschah, wirft ein Licht auf die Stimmung im Land vor 50 Jahren.

Delmenhorst Berlin, Frankfurt, München – die großen Universitätsstädte waren in den 1960er Jahren die Hochburgen der Studentenbewegung in der Bundesrepublik. Aber auch in Delmenhorst rumorte es, herrschte Protest- und Aufbruchstimmung unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen, wie Sönke Ehmen und Zeitzeuge Hans-Hermann Precht im vergangenen Jahr in „Von Hus un Heimat“ ausführlich geschildert haben. Eindrucksvolles Beispiel dafür war der von Gymnasiasten organisierte Protest gegen Fahrpreiserhöhungen im Februar 1968.

Linke Szene macht von sich reden

Ein Jahr später machte die linke Szene an der Delme gar landesweit von sich reden. Keine geringere Publikation als das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete über einen Vorfall, der sich am ersten März-Wochenende 1969 vor der Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst-Adelheide zugetragen hat.

Debatte mit Soldaten gewünscht

Was war geschehen? Der 20-jährige Wolfgang Nieklasen und Student Volker Waack, 22, beide Mitglieder des Republikanischen Clubs Delmenhorst und Kriegsdienstverweigerer, verteilten am Sonntagabend vor der Kaserne Flugblätter an die aus dem Wochenende zurückkehrenden Panzergrenadiere. Sie luden die Soldaten zu einem Gesprächskreis zwei Tage später ein, in der Stadion-Gaststätte sollte über die Themen Kriegsdienstverweigerung, Abrüstung und passiver Widerstand debattiert werden.

Herr in Zivil droht

Nieklasen, der im Wichernstift seinen Zivildienst ableistete, und Waack hatten sich schwierige Adressaten ausgesucht, wie die im „Spiegel“ beschriebenen folgenden Szenen bewiesen. Ein „Herr in Zivil“, der mit seinem Auto aus der Kaserne gefahren kam, hielt neben den beiden Zettelverteilern, sprang aus dem Wagen und herrschte sie an: „Flugblätter könnt ihr woanders verteilen.“ Noch deutlicher fiel dann seine Aufforderung aus: „Verschwindet hier, oder ihr kriegt Senge“, gefolgt von der Ankündigung: 

„Wenn ich wiederkomme, dann könnt ihr euch im Krankenhaus wiederfinden.“


Schnell sollte sich zeigen, dass das keine leere Drohung war: Eine halbe Stunde später hielt erneut ein ziviles Auto vor der Kaserne – der Halter stellte sich als Unteroffizier heraus –, drei Männer in Zivil stiegen aus, schritten auf Nieklasen und Waack zu und ließen sich von ihnen Flugblätter geben. Unvermittelt schlug einer der Männer Nieklasen mit der Faust ins Gesicht und schleuderte den jungen Aktivisten zu Boden. Im Krankenhaus wurde ein gebrochenes Nasenbein diagnostiziert. 20 Soldaten hätten, so wird Nieklasen zitiert, zugesehen, keiner habe sich gerührt. Nicht viel besser erging es Waack, wie das Magazin berichtete: „Ihn jagten die Schläger über die Straße, traktierten ihn zu zweit, als er schon zu Boden gegangen war, und ließen erst von ihm ab, als er sich in die Wache flüchtete, um Asyl zu erbitten.“

Auch Drohungen gegen Bundeswehr

Diese Episode ist ein beredtes Beispiel für die angespannte Atmosphäre, die zum Ende der 60er Jahre in der Bundesrepublik zwischen der kritischen Jugend und dem Teil der Bevölkerung herrschte, der größeren gesellschaftlichen Veränderungen ablehnend gegenüberstand. Dazu passt, dass in einem dk-Artikel auch über üble anonyme Drohungen gegen die Bundeswehr berichtet wurde.

„Nieklasen und seine Leute“, so der „Spiegel“, hatten auch innerhalb der Kasernenmauern Sympathisanten. Denn in ihrer Beratungsstelle „Hexenhäuschen“ im Wichernstift erschienen schon seit Langem wehrmüde Soldaten. Diese berichteten etwa darüber, dass ein Wehrpflichtiger, der nach der zweiten Instanz immer noch nicht als Kriegsdienstverweigerer anerkannt war, 50 Mark Disziplinarstrafe zahlen musste, weil er, so der Vorwurf der Vorgesetzten, mit absichtlich kreischender Stimme als letzter Mann des Zuges „Lied durch“ gerufen hatte.

Schlägertrupp aus Bremen angekündigt

Die geplante Versammlung in der Stadion-Gaststätte sagten Nieklasen und seine Mitstreiter ab: Der Wirt gab an, ein anonymer Anrufer habe angedroht, mit einem Schlägertrupp aus Bremen den Republikanischen Club aufzumischen. Auf Nachfrage des dk sagte er dann unverblümt: „Ich wollte sie nicht mehr haben.“ Wenige Tage später, am Freitag, 7. März 1969, zogen rund 50 Demonstranten mit Transparenten durch die Innenstadt und verteilten 2000 Flugblätter. Darauf stellten sie die Frage: 


„Hat die Bundeswehr keine Argumente mehr, dass sie jetzt anfangen muss, um sich zu schlagen?“



Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN