Unfallnothilfe Delmenhorst Nicht jeder ist für die Katastrophe gemacht

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Sie haben Geld für Einsatzwesten und Alarmempfänger: Die ehrenamtlichen Notfallseelsorger Matthias Maskow, Ruby Blume-Runge, Nele Schomakers, Udo Dreyer, Klaus Döring von der LzO und Kriminaldirektor Jörn Stilke vom Lions Club (von links). Foto: Birgit StamerjohannsSie haben Geld für Einsatzwesten und Alarmempfänger: Die ehrenamtlichen Notfallseelsorger Matthias Maskow, Ruby Blume-Runge, Nele Schomakers, Udo Dreyer, Klaus Döring von der LzO und Kriminaldirektor Jörn Stilke vom Lions Club (von links). Foto: Birgit Stamerjohanns

Delmenhorst. Rund um die Uhr ist die Notfallseelsorge einsatzbereit. Die Helfer müssen zum Teil in tragischen Situationen eine Stütze sein. Dass das nicht staatlich gefördert wird, sorgt auch für Frust.

Einmal ist Pastor Udo Dreyer selbst derjenige gewesen, der Beistand brauchte. Sein Sohn war aus dem Fenster gefallen, die Sanitäter vor Ort machten ihre Arbeit, recht schnell war klar: Der Junge hat großes Glück gehabt. Und trotzdem: „Die Hand des Helfers auf meiner Schulter spüre ich immer noch“. Beistand ist in Krisensituationen eine unermessliche Hilfe. Damit der schnell vor Ort ist, unterstützen die LzO und der Lionsclub die Notfallseelsorger mit insgesamt 1500 Euro. Das Geld wird für Einsatzwesten und Alarmgeräte benötigt.

Die Helfer müssen bei Einsätzen Einiges ertragen

Pastor Dreyer selbst hat schon um die hundert Einsätze als Notfallseelsorger hinter sich. Er weiß, wie Menschen reagieren, für die sich von einer Sekunde auf die andere alles ändert, weil ein Angehöriger plötzlich stirbt. Verkehrsunfälle, Morde, Suizide - Dreyer und seine Kollegen haben schon vieles erlebt und müssen bei Einsätzen Einiges ertragen. „Es gibt drei Reaktionen auf eine Todesnachricht“, so der Pastor aus Hude, „Sich totstellen, Flucht oder Kampf.“ Unmittelbar nach der schlimmen Nachricht herrsche stets Unglaube – „Das kann doch nicht sein“ ist ein Satz, den die Notfallseelsorger oft hören. Manchmal werden die Helfer angegriffen, weil die Angehörigen nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Verzweiflung. „Menschen erkennen sich in Schockphasen selbst nicht mehr wieder und ihr Verhalten ist ihnen oft auch peinlich“, wissen Pastor Dreyer und seine Kollegen. Dann gelte es, dem Betroffenen dabei zu helfen, wieder zu sich selbst zu finden.

80 Schulstunden stehen nicht alle durch

In Delmenhorst arbeiten derzeit zwölf Notfallseelsorger, drei weitere befinden sich in Ausbildung und hospitieren bei Einsätzen. Nicht nur die Kirche bietet Schulungen für Notfallseelsorger an, auch beispielsweise das DRK oder die Johanniter. In rund 80 Schulstunden befassen sich die Ehrenamtlichen mit dem, was da während eines Einsatzes auf sie zukommen kann. „Wir lernen, wie man sich in bestimmten Situationen verhält und üben anhand von Fallbeispielen“, sagt Matthias Maskow, der zusammen mit der Delmenhorster Pastorin Nele Schomakers Teamleiter der Notfallhelfer ist. Nicht alle, die mit der Ausbildung beginnen, stehen sie auch bis zum Ende durch. Es braucht eben die richtige Dosis an Empathie, Distanz und Selbstwahrnehmung, um Menschen zu helfen, über die die Katastrophe hereinbricht. Nicht jeder ist dafür gemacht. „Früher konnten nur Pastoren, Pfleger und Leute aus dem Rettungsdienst als Notfallseelsorger arbeiten, das ist zum Glück nicht mehr so“, sagt Udo Dreyer. Die Fähigkeit, Menschen in Krisensituation beizustehen, habe nichts mit dem Beruf zu tun.

Seelsorger arbeiten immer zu zweit

Ruby Blume-Runge zum Beispiel arbeitet eigentlich in der Bremer Gesundheitsbehörde. Einmal im Monat hat die Ingenieurin sieben Tage lang Rufbereitschaft. „Ich habe das Alarmierungsgerät dann immer bei mir“, so Blume-Runge. Wenn ein Einsatz von der Leitzentrale kommt, macht sich die Delmenhorsterin auf den Weg. Die Seelsorger arbeiten immer zu zweit. Oft begleiten sie die Polizei, wenn eine Todesnachricht überbracht werden muss. „Die Notfallseelsorger sind auch für die Beamten eine große Hilfe“, erklärt Jörn Stilke, Leiter der Polizeidirektion Delmenhorst, „,denn die Polizisten können sich nach dem Überbringen der schlimmen Nachricht nicht weiter um die Angehörigen kümmern.“ Ruby Blume-Runge ist zu ihrem Ehrenamt gekommen, weil ein befreundeter Pastor sie angesprochen hat. „Der fand, ich sei empathisch und das könne etwas für mich sein.“ Seit 2016 ist sie nun als Notfallseelsorgerin unterwegs. „Ich habe das Gefühl, ich beherrsche das gut und kann etwas Soziales tun“, so Blume-Runge. Im vergangenen Jahr haben sie und ihre Kollegen rund 20 Einsätze gehabt. Die meisten davon in Privathäusern, wo jemand unerwartet gestorben ist.

Fehlende Hilfe vom Staat „ein Unding“

Die Notfallseelsorger arbeiten alle ehrenamtlich, sind auf Spenden und Unterstützung durch die Kirche oder Verbände angewiesen. Ein Umstand, den Udo Dreyer kritisch sieht: „Es ist eigentlich ein Unding, dass die Notfallseelsorge kein Geld vom Staat bekommt“, so der Pastor, „schließlich leisten wir Erste Hilfe für die Seele.“ Die Delmenhorster Notfallseelsorger können noch weitere Ehrenamtliche gebrauchen. Udo Dreyer jedenfalls weiß, warum er die Kriseneinsätze nicht nur schwer, sondern auch interessant findet: „Man kommt ganz nah heran an die Menschen“, so der Pastor, „in einer Katastrophe wird das Leben plötzlich sehr hellsichtig.“


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