Fachtag zu Teilhabegesetz in Delmenhorst Lebenshilfe und Awo rücken Beteiligung in den Fokus

Rücken mit einem Fachtag gemeinsam die Beteiligung von Menschen mit Behinderung in den Fokus: (v. li.) Dr. Barbara Stumper, wissenschaftliche Referentin der Awo, Lebenshilfe-Geschäftsführer Erwin Drefs, Angela Plümer, Prokuristin der Awo Kinder, Jugend & Familie Weser-Ems, und Dr. Edith Aschenbrenner, pädagogische Leitung Kinder und Jugend der Lebenshilfe. Foto: Sonia VoigtRücken mit einem Fachtag gemeinsam die Beteiligung von Menschen mit Behinderung in den Fokus: (v. li.) Dr. Barbara Stumper, wissenschaftliche Referentin der Awo, Lebenshilfe-Geschäftsführer Erwin Drefs, Angela Plümer, Prokuristin der Awo Kinder, Jugend & Familie Weser-Ems, und Dr. Edith Aschenbrenner, pädagogische Leitung Kinder und Jugend der Lebenshilfe. Foto: Sonia Voigt

Delmenhorst. Der Mensch ist nicht behindert, er wird behindert: Darauf legen Lebenshilfe und Awo bei der Umsetzung des Teilhabegesetzes Wert.

Eine große Herausforderung, aber auch neue Chancen für Menschen mit Beeinträchtigung erwarten die Lebenshilfe Delmenhorst und Landkreis Oldenburg sowie der Bezirksverband Weser-Ems der Arbeiterwohlfahrt (Awo) bei der Umsetzung des neuen Bundesteilhabegesetzes (BTHG). Der gemeinsam organisierte Fachtag "Beteiligung denken" am Donnerstag, 14. Februar, in der Markthalle, zu dem sich neben Menschen mit Behinderung und Vertretern verschiedener Wohlfahrtsverbände auch Verwaltungsmitarbeiter aus den Sozial- und Gesundheitsämtern angemeldet haben, soll den Grundstein für eine "neue gemeinsame Sprache" und Denkweise legen.

Abbau von Barrieren im Fokus

Wesentlich an der über ein Jahrzehnt lang vorbereiteten Gesetzesreform ist das neue Verständnis von Behinderung. "Alle bisherigen gesetzlichen Regelungen fußen auf der Einschätzung, dass die Behinderung im Menschen liegt", erklärt Lebenshilfe-Geschäftsführer Erwin Drefs. Das neue Gesetz spricht hingegen nicht mehr von Menschen, die behindert sind, sondern von Menschen die Beeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit Barrieren behindern können. Das entspreche der schon lange gehegten Auffassung der Verbände, freut sich Drefs. Es gehe also künftig noch mehr "um den Abbau von Barrieren" anstelle der früheren "Defizitorientierung".

Gleiche Diagnose kann sich unterschiedlich auswirken

Statt also von der Diagnose eines Gesundheitsproblems nach alten Standards auszugehen, wird genauer auf dessen Folgen geschaut. "Wenn ein Kind eine komplexe Sprachstörung hat, kann sich das im Alltag ganz unterschiedlich auswirken", gibt Dr. Barbara Stumper, wissenschaftliche Referentin der Awo Kinder, Jugend & Familie Weser-Ems GmbH, ein Beispiel. Je nach Temperament, sozialem Umfeld und weiteren Faktoren, könne die gleiche Diagnose ganz unterschiedliche Auswirkungen haben.

Passgenaue Hilfen versus Bürokratie

Um zu sehen, welche konkreten Hilfen ein Kind oder Erwachsener für eine bessere Teilhabe in Bereichen wie Wohnen, Mobilität oder Kommunikation von verschiedenen Anbietern sozialer Leistungen braucht, müssen die Kommunen mit jedem Menschen mit Beeinträchtigung einen passgenauen Teilhabeplan aufstellen. Die dafür nötige Teilhabekonferenz muss sich in an den umfangreichen Formularen der "Bedarfsermittlung Niedersachsen" (B.E.Ni) orientieren und alle zwei Jahre neu zusammenkommen, um Ziele zu definieren. "Ein enormer Aufwand", sagen die Awo- und Lebenshilfe-Vertreter. Darauf bereitet sich auch die Stadt Delmenhorst seit über zwei Jahren vor, bestätigt Pressesprecher Timo Frers. Mittel für zusätzliches Personal sind im Haushalt eingeplant und die Stadtverwaltung sehe sich "im engen Schulterschluss" mit den Wohlfahrtsverbänden.

Auswirkungen auf Finanzierung noch nicht absehbar

Letztlich gehe es darum, Verbesserungen für die Menschen mit Behinderung zu erreichen, betont Lebenshilfe-Chef Drefs. Und Nachteile zu verhindern, etwa dadurch, dass statt der Hilfe aus einer Hand jetzt existenzsichernde Leistungen, wie Wohnen, von Fachleistungen, wie Sprachförderung, getrennt behandelt werden und immer ein Antrag vorab nötig ist. "Außerdem sind die Auswirkungen auf die Finanzierung und die Zahl der Leistungsberechtigten noch nicht absehbar", sagt Angela Plümer, Prokuristin der Awo Kinder, Jugend & Familie GmbH. Schließlich verursache der hohe bürokratische Aufwand auch Kosten.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN