Der Brexit und die Folgen Brite in Delmenhorst: "Ich fühle mich wie ein Exilant"

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Teatime mit schottischem Tee: Robert und Elfy Graham denken derzeit viel über den Brexit nach. Robert ist Schotte und damit Brite. Für ihn könnte der Brexit Folgen haben.  Foto: Frederik GrabbeTeatime mit schottischem Tee: Robert und Elfy Graham denken derzeit viel über den Brexit nach. Robert ist Schotte und damit Brite. Für ihn könnte der Brexit Folgen haben. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Der Brite Robert Graham liebt alles Schottische – und alles Britische. Der Brexit könnte nun weitreichende Folgen für ihn haben. Er zwingt Graham nun dazu, eine Entscheidung zu fällen, die er nicht fällen will. Er sagt: "Ich fühle mich von meinem Land verlassen."

Robert Graham ist ein Mann, der seine Heimat liebt. In seinem Wohnzimmer zieht gerade ein schottischer Tee in einer blumenverzierten Kanne. Das Sitzpolster eines Stuhl ist mit dem Union Jack bezogen, der Nationalflagge des Vereinigten Königreichs. Und an einer Wand prangt die Arbeit eines Delmenhorster Steinmetzes, der das Wappen des schottischen Graham-Clans, dessen Wurzeln im 11. Jahrhundert liegen, in Stein gemeißelt hat. Seine Heimat bewahrt Robert Graham, 68, mit seiner Leidenschaft für das Schottische, das Britische, die er mit seiner Frau Elfy teilt. 

"Ich fühle mich wie ein Exilant"

Doch der britische Part dieses Heimatgefühls versetzt ihn derzeit in eine verzagte Gemütslage. "Ich fühle mich wie ein Exilant. Ich fühle mich von meinem Land verlassen." Wenn es um den Brexit geht, ist eine komplexe Debatte vorprogrammiert. Mit "mein Land" meint Graham in diesem Fall nicht die schottische Heimat, sondern Großbritannien. Seit dem Brexit-Referendum 2016 fragt sich nicht nur Graham, wie der Austritt des Inselstaats eigentlich vonstatten gehen soll. Vergangene wollte die britische Regierung unter Theresa May nachverhandeln. Brüssel ist dazu nicht bereit. Vieles spricht dafür, dass Großbritannien ohne Austrittsvertrag die EU verlässt.

Viele offene Fragen für hier lebende Briten

Was dieser harte Brexit für im Ausland lebende Briten zur Folge hätte, treibt Robert Graham gerade ein wenig um. "Welchen Status werde ich nach dem Austritt haben? Könnte ich als Brite in Deutschland nach Holland reisen? Erhalte ich noch immer den britischen Teil meiner Rente? Darf ich in Deutschland arbeiten?" Das alles weiß Graham, seit 1996 Delmenhorster, nicht. Zugegeben. So richtig gerne mit diesen Formalitäten befasst er sich nicht. "Für alle Briten ist der Brexit ein elendes Thema, das man lieber meidet." Sicher wäre es wohl leicht für ihn, mutmaßt er, nach 40 Jahren in Deutschland und nach 22 Jahren Ehe mit seiner Frau Elfy die Einbürgerung zu beantragen. Doch das scheint ihm schwer zu fallen. Die Nationalität ändert man ja nicht einfach so. "Und wenn, wäre ich am liebsten Europäer." 

Briten in der Region in Zahlen

Briten in Delmenhorst, Ganderkesee und im Landkreis
  • In der Stadt Delmenhorst leben Behördenangaben zufolge aktuell 44 Briten, in Ganderkesee 21, im gesamten Landkreis Oldenburg 95. 
  • Die Stadt zählte seit 2016 jeweils maximal zwei Einbürgerungen jährlich. Der Landkreis stellt seit dem Brexit-Referendum 2016 ein deutlichen Plus fest: Zwischen 2016 und 2018 gab es 19 Einbürgerungen, zwischen 2005 und 2015 waren es nur vier. 2019 liegen bereits fünf Anträge vor. 
  • Auf einen harten Brexit stellen sich derzeit bezüglich der Aufenthaltsgenehmigungen oder Arbeitserlaubnisse weder der Landkreis noch die Stadt Delmenhorst gezielt ein, heißt es auf Nachfrage. Die Stadt teilt mit, dass die meisten Briten im Stadtgebiet wohl "die Voraussetzungen für ein unbefristetes Aufenthaltsrecht erfüllen würden". fred

Für diese angestrengte Ungewissheit macht der frühere Elektriker die britische Politik verantwortlich. Frust hat sich aufgestaut. "Befürwortern des harten Brexits fehlt in vielen Punkten einfach der Respekt. Graham spricht vom "Backstop", eine Art Versicherung, die eine offene Grenze zwischen Irland und Nordirland nach dem Brexit garantiert, bis ein Austrittsvertrag in trockenen Tüchern ist. Nun gibt es Konservative in der Regierung, die genau das ablehnen. "Käme der Backstop durch eine harte Grenze nicht", sagt Graham, "könnte der Konflikt zwischen Iren und Nordiren wieder aufbrechen. Dieser Aspekt wird teilweise komplett ignoriert." Auch die extremen Emotionen in der Debatte sorgen die Grahams. Elfy Graham (68) sagt: "Die Frage zwischen Pro und Contra Brexit spaltet ganze Familien. Die Politik verletzt ihre Vorsorgepflicht gegenüber ihren Bürgern." 

Konfliktreiche Vergangenheit

Robert Graham spricht zudem von einem komplett anderem Verständnis der EU in Schottland und England. "In Schottland sind viele Straßen, Brücken oder kleinere Museen mit EU-Geld entstanden. Überall steht: Gefördert von der EU. In England ist das anders. Das Gefühl der Ablehnung ist viel größer." Auch von der konfliktreichen Geschichte zwischen England und Schottland spricht Graham – und von der historischen Unterdrückung der Schotten durch die Engländer. Heute findet diese zum Beispiel darin Ausdruck, dass das schottische Parlament die Entscheidungsgewalt aus London übertragen bekommen hat, und auch nur in einigen Bereichen. Graham sagt: "Wir schreien uns seit 300 Jahren an. Aber wir können miteinander leben." 

Würden die gravierenden Konsequenzen eines harten Brexits wirklich von allen Nationen Großbritanniens akzeptiert werden? Schottland würde, meint Graham, sich erst nach langen Jahren von Großbritannien lossagen und zurück in die EU kehren – wenn überhaupt.

Ob er damit recht hat?


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