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Zum Fernsehgucken getötet? Delmenhorster Krankenschwestern sagen im Högel-Prozess aus

Von Ole Rosenbohm

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Schon 2003 äußerte eine Kollegin einen Verdacht, erst 2005  wurde Niels Högel erwischt. Jetzt steht er wegen Mordes an 100 Patienten in Oldenburg vor Gericht. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaSchon 2003 äußerte eine Kollegin einen Verdacht, erst 2005 wurde Niels Högel erwischt. Jetzt steht er wegen Mordes an 100 Patienten in Oldenburg vor Gericht. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Oldenburg. Eine 67-jährige ehemalige Krankenschwester brach fast zusammen, als der Richter ankündigte, sie vereidigen zu wollen. Sie wirkte so überfordert, dass Bührmann ihr den Eid doch ersparte. Außerdem wurden am Donnerstag weitere erschreckende Details bekannt.

Es haben schon einige im Högel-Prozess eine Aussage getätigt, deren Wahrheitsgehalt die Prozessbeteiligten gelinde gesagt skeptisch gesehen haben. Ein Oberarzt des Klinikums Oldenburg etwa, den der Richter genau wie einen Stationsleiter nach dem Auftritt im Prozess um 100 Patientenmorde einen Eid schwören ließ. Aber die Krankenschwester in Rente aus Delmenhorst, die am Donnerstag im riesigen umfunktionierten Festsaal am Zeugentisch Platz nahm, wirkte verloren wie niemand zuvor.

Keine Erinnerung mehr an Verhaftung

Sie verneinte fast alles: Ob ihr die vielen Reanimationen – verursacht durch den Angeklagten Niels Högel – nicht aufgefallen seien? Ob sie nichts vom Gerede unter Kollegen mitbekommen habe? Von den im Abfall gefundenen todbringenden Ampullen? Nicht mal von der Verhaftung Högels 2005? Die Frau mit den verschränkten Armen und den ständig suchenden Augen sagte nicht viel mehr als das: „Mein Gott – es ist doch schon so lange her.“

Geständnis nach einigem Druck

Die Mauer, die sie um sich aufbaute, konnte Richter Sebastian Bührmann nicht durchbrechen. Auch nicht, als er auf die vielen Angehörigen der Toten zeigte, die ein Anspruch auf die Wahrheit hätten. Auch nicht, als er beteuerte, ihr würde kein juristisches Nachspiel drohen – sie müsse nur bei der Wahrheit bleiben. Fast brach sie ein, als die Fragen drängender wurden, sagte dann doch – nach zehn, 20 Sekunden langer Stille und suchendem Blick: Ja, sie hätte den Verdacht gehabt, Högel habe Patienten Schlafmittel gespritzt. Und dass dieser Verdacht weitergeleitet worden sei an die Stationsleitung.

Richter hat Mitleid mit Zeugin

Dann der Eid. Ob sie noch etwas ergänzen wolle, fragte Bührmann. Dann wieder Stille, suchende Augen, die fast erstickte Stimme: „Ich will keinen Eid ablegen.“ Sie wisse nicht, was sie sagen dürfe und was nicht, habe Sorge, plötzlich selber als schuldig zu gelten. Eine Frau am Rande eines Zusammenbruchs. Kurz wirkte Bührmann ratlos, dann sagte er: „Ich werde Sie unvereidigt gehen lassen. Ich sehe Ihren Zustand und Ihre Notlage.“

Verdacht sorgte nicht für Handlung

Er sagte auch, ihre Aussage sei eigentlich gar nicht so wichtig. Deshalb nicht, weil es Kolleginnen gibt, die ganz anders reden und handeln – heute und damals. Wie eine 53-Jährige, die am Donnerstag über die Zustände im Klinikum zu Högels Zeiten aussagte. Sie berichtete, wie sie schon im Frühjahr 2003 einen Verdacht hegte: als Högel einen ihrer Patienten eine Spritze setzte, und kurz danach der Alarm losging. „Ich musste gar nicht auf den Monitor gucken, ich wusste gleich, welches Zimmer es war.“ Ihren Verdacht erzählte sie weiter – und rannte gegen Mauern. „Stell dich nicht so an“, habe der Stationsleiter gesagt, eine Kollegin, eine Schöffin ausgerechnet, sagte ihr, so einen Verdacht zu äußern, sei Rufmord. Und dennoch sollte sie, so die Ansage der stellvertretenden Stationsleiterin ein paar Wochen später, „mal ein Auge haben auf Högel“. Die Ansage beweist: Högel war schon früh verdächtig unter den Kollegen auf der Delmenhorster Intensivstation.

Zur Aufklärung beigetragen

Insgesamt sagten fünf Delmenhorster Krankenschwestern aus. Eine half, den bereits wegen sechs Taten verurteilten Mörder zu überführen, als sie einem gerade von Högel gespritzten Patienten geistesgegenwärtig Blut abnahm, in dem eines der Herzmittel gefunden wurde. Sie fand auch weitere leere Ampullen im Abfall.

Fernsehprogramm wichtiger als Menschenleben?

Högel hat vielleicht gespritzt, um Lob für Reanimationen zu bekommen, um sich darzustellen oder aus Langeweile. Zwei der Schwestern berichteten aber auch, wie Högel während einer Nachtschicht möglicherweise tötete, um fernsehen zu können: Der Patient habe das nämlich nicht gewollt, sagte eine – „und eine halbe Stunde später war er tot“. Högel machte den Toten fertig, schob laut Aussage das Bett aus dem Zimmer, einen Sessel rein und begann im jetzt leeren Zimmer fernzusehen. Kurz zuvor sei der Patient noch richtig gelöst gewesen, da er von einem guten Befund erfahren hatte. Ein Arzt habe ihm sogar ein halbes Glas Bier erlaubt. Es war sein letztes.

Am 21. Februar wird der Prozess fortgesetzt. 


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