„Heilig Abend“ im Kleinen Haus Psychoduell rund um Terror geht unentschieden aus

Von Jasmin Johannsen

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Karge Kulisse, erbittertes Duell: Jacqueline Macaulay (Judith) und Wanja Mues (Thomas) lieferten sich im Kleinen Haus einen Schlagabtausch der Extraklasse. Foto: Jasmin JohannsenKarge Kulisse, erbittertes Duell: Jacqueline Macaulay (Judith) und Wanja Mues (Thomas) lieferten sich im Kleinen Haus einen Schlagabtausch der Extraklasse. Foto: Jasmin Johannsen

Delmenhorst. Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit: Am Dienstag war „Heilig Abend“ im Kleinen Haus in Delmenhorst zu sehen. Das Schauspiel warf viele Fragen auf.

Ist ein Terroranschlag geplant worden? Oder war es wirklich nur ein Gedankenspiel? Und was passiert um Mitternacht? Das sind die zentralen Fragen, die in Daniel Kehlmanns „Heilig Abend“ gestellt werden. Das Schauspiel um eine Terrorverdächtige und ihren Vernehmer wurde am Dienstagabend im Kleinen Haus gezeigt. Durch die politisch hochaktuelle Thematik und das intensive Spiel der Protagonisten wurden die rund 380 Zuschauer in einen aufreibenden Nervenkrieg gezogen.

Psychothriller der Extraklasse

Es ist 22.30 Uhr an Heiligabend, als der Ermittler Thomas (wunderbar spleenig: Wanja Mues) mit dem Verhör von Judith (Jacqueline Macaulay) beginnt. Da bleiben ihm noch 90 Minuten, um zu erfahren, ob sie wirklich einen terroristischen Anschlag um Mitternacht geplant hat. Die perfekten Rahmenbedingungen für einen Psychothriller der Extraklasse, in dem zwei ebenbürtige Gegenspieler aufeinandertreffen.

Unterschiedliche Charaktere

Auf der einen Seite steht Judith, die Philosophieprofessorin in mittleren Jahren mit Cambridge-Studium. Die Hochbegabte aus gutem Elternhaus, die Seminare über die revolutionäre Gewalt gibt und so gar nicht in das Bild einer Terrorverdächtigen passt. Oder etwa doch? Schließlich wurde sie vor vielen Jahren schon einmal in Bolivien verhaftet, als sie Pistolen und Pamphlete über die Grenze schmuggeln wollte.

Auf der anderen Seite Thomas, der staatstreue Ermittler, der es normalerweise mit Dschihadisten zu tun hat. Er setzt alles daran, den möglichen Anschlag zu verhindern, schreckt sogar vor der Androhung von Folter nicht zurück: „Wahrheitsdrogen, Elektroschocks, Waterboarding – wenn Sie wissen wollen, ob wir das wirklich tun, dann machen Sie genauso weiter, Frau Professor.“

Drohszenario perfekt

Und es scheint ja auch, als ob wirklich etwas dahinterstecken würde. Warum sonst sollten Judith und ihr Ex-Mann in einem Gebäude mit Ermittlern festgehalten werden, die keine Dienstnummern haben und sich weigern, Rechtsanwälte einzuschalten. Warum sonst weiß Thomas alles über Judith – von ihrer Kindheit bis zur vergangenen Nacht?

Plötzlich andere Sicht auf Darsteller

Plötzlich ändert sich das Machtgefüge. Judith ist die Überlegene und klagt die Ungerechtigkeit an, die auf dieser Welt herrscht. „Vielleicht ist es manchmal besser, etwas Falsches zu tun, als nichts“, resümiert sie. Und auf einmal scheint der Terroranschlag gar nicht so unrealistisch.

Viele Fragen offen

In Echtzeit verfolgt das Publikum das Verhör – und zwar ganz ohne Pause. Eine gute Idee, denn gerade dadurch wird die Spannung gehalten. Was um Mitternacht passiert, bleibt ungewiss. Die Auflösung ist allerdings auch gar nicht nötig. Stattdessen wirft Star-Autor Kehlmann hochaktuelle Fragen auf: Ist Folter in einer Notsituation gerechtfertigt? Wie viel von unserer Freiheit wollen wir für eine scheinbare Sicherheit aufgeben? Und wie kann unsere Gesellschaft gerechter werden? Reichlich Anregungen zum Nachdenken, die das Publikum wohl noch länger beschäftigen werden.


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