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Unterlagen zu spät übergeben Oldenburger Klinikchef muss sich im Högel-Prozess verteidigen

Von Ole Rosenbohm

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Seit Oktober steht Niels Högel wegen 100-fachen Mordes vor dem Landgericht Oldenburg. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaSeit Oktober steht Niels Högel wegen 100-fachen Mordes vor dem Landgericht Oldenburg. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Oldenburg. Im Högel-Prozess traten Mittwoch zwei Zeugen aus Delmenhorst auf. Im Blickpunkt stand aber die Aussage des Vorstandsvorsitzenden des Oldenburger Klinikums.

Untätigkeit wirft Dr. Dirk Tenzer niemand vor. Noch bevor 2014 die Polizei ihre Sonderkommission zu den unfassbaren Vorwürfen gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel gebildet hatte, war der Chef des Klinikums Oldenburg tief drin im Fall. Tenzer, damals erst eineinhalb Jahre im Amt, hatte nach ersten Medienberichten über mutmaßliche Morde in seinem Haus ein Gutachten in Auftrag gegeben, überdies interviewte er höchstselbst Mitarbeiter. Wer auch immer die Vorgänge von 1999 bis 2002 einschätzen konnte, hatte zu „vertraulichen Gesprächen“ in seinem Büro gesessen. Tenzer, der Aufklärer?

Protokolle und Akten erst spät übergeben

Die Ermittlungsbehörden sehen ihn skeptischer. Denn Tenzer soll, so der fast offen geführte Vorwurf, in erster Linie um das Bild seines Hauses besorgt gewesen sein. Am zehnten Tag des Prozesses vor dem Landgericht Oldenburg um 100 angeklagte Morde an Patienten in den Klinikums Oldenburg und Delmenhorst bis Mitte 2005 musste sich der 46-Jährige also verteidigen: warum eine Tenzer seit 2014 bekannte Liste über Reanimationsfälle auf Högels Station erst 2016 während einer Durchsuchung im Klinikum an die Staatsanwaltschaft übergeben wurde. Warum die „20 bis 30“ Gesprächsprotokolle mit den Mitarbeitern erst 2018 Ermittlern und Gericht bekannt wurden. Und warum das Klinikum jedem Mitarbeiter einen Anwalt anbietet.

Pflegerin befürchtete Maulkorb

Auch eine am Mittwoch vor Tenzer aussagende ehemalige Pflegerin hatte von diesem Angebot gehört. Sie verzichtete, auch weil sie über eine Ex-Kollegin gehört hatte, dass der Anwalt bestimme, „was man sagen darf und was nicht“. Ein Maulkorb? Mindestens sei ein solches Vorgehen sei höchst ungewöhnlich, sagte Richter Sebastian Bührmann, der Verdacht einer versuchten Einflussnahme lege nahe.

Erst bei Durchsuchung an Liste erinnert

Tenzer bestritt den Maulkorb. Ein Zeugenbeistand sei arbeitsrechtlich vorgeschrieben. Zudem habe er aus Fürsorge gegenüber seinen Mitarbeitern gehandelt, von denen offenbar nicht wenige fürchteten, selbst beschuldigt zu werden. Überdies hätte das Klinikum nichts vorgegeben, lediglich die Rechnung bezahlt. Und die zurückgehaltene Liste, auf der Högel deutlich die meisten Reanimationsfälle – 18 – gesammelt hatte? Hätte zu wenig Aussagekraft gehabt, um sie als relevant zu bezeichnen, sagte Tenzer. Erst mit der Durchsuchung 2016 habe er sich an sie wieder erinnert.

Handeln für Richter nicht nachvollziehbar

Der Klinikchef verteidigte auch seine Mitarbeitergespräche: Nie habe er einen Hehl daraus gemacht, zudem habe ja Vertraulichkeit zugesichert. Nicht nachvollziehbar, fand das Bührmann: Eine Juristin, die ja die Gespräche begleitet hatte, hätte eine Vertraulichkeit „im Leben nicht“ zusichern dürfen. Am Ende gab Tenzer zu, was Prozessbeobachter empfinden: Manche Mitarbeiter seien den Ermittlungsbehörden „zurückhaltender als mir gegenüber“ aufgetreten.

Högel lehnt neuen Gutachter ab

Niels Högel will sich nicht vom neu eingesetzten Gutachter Henning Saß befragen lassen. Psychiatrie-Professor Saß muss sich damit in Beurteilung von Schuldfähigkeit sowie möglicher Gefahr für die Allgemeinheit (hier droht Högel Sicherheitsverwahrung) allein auf Prozess-Erkenntnisse und Akten stützen. Der bisherige Gutachter Konstantin Karyofilis ist erkrankt.


Delmenhorster Zeugin verweigert Aussage

Zurückhaltend waren auch die Delmenhorster Zeugen. Die einstige stellvertretende Stationsleiterin verweigerte gar die Aussage. Sie darf das, gegen sie läuft ein Verfahren in dieser Sache. Und ein Pfleger gab sich ebenfalls defensiv. 2005 hatte er in einem Abfalleimer in einem Zimmer eines gerade verstorbenen Patienten vier todbringende Ampullen entdeckt. Sie konnten nur von Högel stammen. Die leeren Ampullen übergab er der stellvertretenden Stationsleiterin, äußerte ihr gegenüber einen Verdacht, nannte auch den Namen Högel. Aber es passierte nichts, auch der Pfleger wurde offenbar nicht mehr tätig, selbst dann nicht, als Högel nach mindestens drei weiteren Morden überführt wurde. Viel mehr wusste er nicht mehr. „Es ging im wahrsten Sinne um Leben und Tod“, sagte Bührmann. „Warum ist da nichts hängengeblieben?“



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