Unternehmen in Delmenhorst Atlas-Bürokräfte sollen bei der Kran-Produktion anpacken

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Volle Auftragsbücher: Der Bagger- und Kranhersteller Atlas hat Probleme, Lieferfristen einzuhalten. Im Bild verrichtet Geselle Kevin Pschenitschni Elektrikarbeiten.Foto: Melanie HohmannVolle Auftragsbücher: Der Bagger- und Kranhersteller Atlas hat Probleme, Lieferfristen einzuhalten. Im Bild verrichtet Geselle Kevin Pschenitschni Elektrikarbeiten.Foto: Melanie Hohmann

Delmenhorst/ Ganderkesee. Damit mehr Bagger und Krane vom Band laufen, hat die Unternehmensleitung des Kran- und Baggerherstellers Atlas Briefe an Mitarbeiter geschickt. Darin fordern sie auch Bürokräfte zur Mehrarbeit auf. Die IG Metall macht deutlich, was sie von der Aktion hält.

Es ist eine Komplikation, die man ein Luxusproblem nennen könnte: Die Auftragsbücher des Kran- und Baggerbauers Atlas sind so dermaßen prall gefüllt, dass das Unternehmen Gefahr läuft, Aufträge nicht rechtzeitig zu erfüllen. Das lässt die Firma in einem Mitarbeiter-Schreiben durchblicken. Darum sollen nun unter anderem auch Bürokräfte in der Fertigung anpacken, um Lieferfristen einzuhalten. Die Gewerkschaft IG Metall stellt die Hintergründe anders dar.

Firma fordert Mehrarbeit von Mitarbeitern

Am Montag hatten einige Teile der Mitarbeiterschaft einen dramatisch klingenden Brief in der Post liegen. Man könnte es fast Hilferuf nennen. An alle indirekten und administrativen Mitarbeiter – das sind bei Atlas zum Beispiel Bürokräfte oder Gabelstaplerfahrer – war das Schreiben gerichtet. Die Produktion bei Atlas liege „hinter dem Plan“, darum sollen die angeschriebenen Mitarbeiter die Produktion um „zwei Stunden am Tag“ unterstützen. Was genau erreicht werden soll, ist konkret benannt: Neun Kräne und sechs Bagger am Tag werden dort zum Beispiel als „unser gemeinsames Ziel“ genannt. Die angesprochenen Mitarbeiter sollen etwa beim Auspacken von Bauteilen oder beim Aufräumen helfen, bei kleineren Hilfsarbeiten oder, wenn die entsprechende Qualifikation vorliegt, bei der Produktion. „Jeder von Ihnen kann seinen Beitrag zu unserem Erfolg beitragen.“ Zudem wird angekündigt, Überstunden anzusetzen und eine zweite Schicht in die Produktion einzuziehen.

Ausnahmesituation soll zunächst drei Monate lang währen

Unterschrieben ist der Brief von US-Investor Fil Filipov, seit 2010 Atlas-Eigentümer. „Wir haben aktuell unglaublich viel Arbeit vor der Brust“, sagt Atlas-Geschäftsführer Brahim Stitou auf Nachfrage unserer Zeitung. „Unser Hauptziel muss es sein, Händler und Kunden zufriedenzustellen und Lieferdaten einzuhalten.“ Stitou spricht auch von einem „schönen Problem“, weil eben so viel zu tun sei, „nicht schön ist es aber, wenn man die Maschinen nicht rauskriegt“. Der aktuelle Gesamtwarenbestand belaufe sich auf rund 60 Millionen Euro. Das sind alles Teile, die darauf warten, in Produkte umgewandelt zu werden, die Atlas wiederum verkaufen kann. Vorübergehend sollen die angesprochenen Mitarbeiter über drei Monate aushelfen, sagt Stitou. Auch Überstunden und die zweite Schicht von 14 bis 22 Uhr sollen vorübergehend eingeführt werden, bis der Rückstand abgearbeitet sei.

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Produktionsengpass ja, aber kein Fachkräftemangel

Was verwundert: Einen Fachkräftemangel sieht der Atlas-Geschäftsführer nicht. 40 bis 50 zusätzliche Mitarbeiter, auch Leiharbeiter, seien in den vergangenen Wochen an den drei Standorten in Ganderkesee, Delmenhorst und Vechta eingestellt worden. 550 Menschen sind laut Stitou derzeit insgesamt bei Atlas beschäftigt. Das Problem scheint eher beim sogenannten Fehlmaterial zu liegen, also bei Teilen, die für die Montage der Bagger und Krane benötigt werden, aber noch nicht geliefert wurden. Stitou: „Die Konjunktur ist 2018 heißgelaufen. Wir selbst spüren die Lieferengpässe unserer Zulieferer.“

IG Metall: Appell an Mitarbeiter ist Nonsens

(Weiterlesen: Neuer Baggerverkauf in Delmenhorst soll Atlas-Standort sichern)

Dieses Problem scheint auch für Thomas Tillmann-Bramkamp, Sekretär der Gewerkschaft IG Metall Oldenburg und zuständig für Atlas, vorherrschend zu sein – „und das betrifft die gesamte Branche, nicht nur Atlas“, sagt der Gewerkschafter. Den jetzigen Appell des Baggerbauers an seine Mitarbeiter kann er darum nicht nachvollziehen. „Was nützt es der Firma, wenn die Bürokraft in der Produktionshalle aufräumt, wenn dem Kollegen die Teile fehlen, um den Bagger zu bauen?“, fragt Tillmann-Bramkamp. Für ihn sei der Hilferuf ein Ausdruck von Aktionismus, wie er für Filipov typisch sei. „Das abgelaufene Geschäftsjahr ist für Atlas nicht gut gelaufen“, sagt Tillmann-Bramkamp. Zum Umsatz will sich Stitou auf Nachfrage nicht äußern. Der Gewerkschafter sagt weiter: „Filipov will zeigen, dass er das Problem schnell lösen kann. Der Appell an die Mitarbeiter zur Mehrarbeit ist aber Nonsens.“


Der US-Investor Fil Filipov gilt hierzulande seit der Atlas-Übernahme 2010 als knallharter, gewerkschaftskritischer Sanierer. 2012 drohte Filipov nach Warnstreiks mit der Schließung des Delmenhorster Werks. Im Sommer 2014 brachte die Geschäftsführung einen Umzug von Delmenhorst nach Vechta ins Spiel, um Unterhaltungskosten zu sparen. Nach Mitarbeiterprotesten begrub Atlas im Januar 2015 die Pläne. Im Krisenjahr 2010 belief sich der Umsatz bei Atlas laut Bundesanzeiger bei 122 Millionen Euro. Im Oktober 2017 lag dieser Stitou zufolge bei 200 Millionen Euro jährlich.

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