Kindheitserinnerungen an Lange Straße Delmenhorster erinnert sich an „Spielwiese Innenstadt“

Von Jasmin Johannsen

Rund um die Werkstatt und den Ausstellungsraum der Buchhandlung Dauelsberg erlebte Heinz Dauelsberg in seiner Kindheit Abenteuer. In der hinteren Bildmitte lugt das ehemalige Polizeigebäude, das spätere Stadthaus, hinter den Bäumen hervor. Foto: Schulte-StrathausRund um die Werkstatt und den Ausstellungsraum der Buchhandlung Dauelsberg erlebte Heinz Dauelsberg in seiner Kindheit Abenteuer. In der hinteren Bildmitte lugt das ehemalige Polizeigebäude, das spätere Stadthaus, hinter den Bäumen hervor. Foto: Schulte-Strathaus

Delmenhorst. Hinterhöfe, Gassen und Geschäfte – so sah der Spielplatz von Heinz Dauelsberg aus. Am Sonntag berichtete der Delmenhorster in der Vortragsreihe „Delmenhorster Lieblingsobjekte“ von seiner Kindheit in der Innenstadt.

„Für mich war es die ganze Welt.“ Denkt Heinz Dauelsberg an seine Kindheit in der Delmenhorster Innenstadt der 1950er Jahren zurück, fallen ihm viele Anekdoten ein – dann wird über die „rote“ Jahnschule und die Spielwarengeschäfte an der Langen Straße gesprochen. Oder über den Polizeipräsidenten, der die Jungs bei ihren Streichen immer im Auge behielt. In eben diese Welt entführte Dauelsberg sein Publikum am Sonntagvormittag im Nordwolle-Museum. Im Rahmen der Vortragsreihe „Delmenhorster Lieblingsobjekte“ berichtete der 72-Jährige von den Schauplätzen seiner Kindheit zwischen Garten- und Langer Straße, zeigte aber auch, wie sich die Gegend um den Marktplatz in den vergangenen 70 Jahren stetig verändert hat.

Innenstadt war Abenteuerspielplatz

Bei einer Rekordbesucherzahl von über 50 Interessierten, drängten sich die Zuhörerinnen und Zuhörer dicht an dicht, als Dauelsberg seine Reise in die Vergangenheit antrat. Der Delmenhorster – Jahrgang 1946 – wuchs als Jüngstes von fünf Kindern im Herzen der Stadt auf. Die Buchhandlung Dauelsberg (1899 vom Großvater gegründet) und das angrenzende Wohnhaus bildeten den Lebensmittelpunkt. Die Geschäfte, Hinterhöfe und Gassen drum herum einen großen Abenteuerspielplatz.

Foto: NOZ MEDIEN

Nach dem Schwimmen blieben Dreckränder am Körper

Mit Erinnerungen an seine Schulzeit in der „roten“ Jahnschule (die heutige Musikschule) begann Dauelsberg seinen Vortrag. „Geturnt haben wir in der Jahnhalle“, schilderte er. Heute kaum mehr vorstellbar, lagen dort damals noch Sägespäne zur Dämmung aus. „Die wurden auch nur selten ausgetauscht“, wusste der Referent. Nicht nur verschwitzt, sondern auch schmutzig sei man nach der Ertüchtigung zuhause angekommen. „Gebadet wurde trotzdem nur einmal in der Woche – und zwar samstags“, amüsierte sich Dauelsberg. Das war selbst der Fall, wenn die Sommertage im Graftbad verbracht wurden und von dem moorigen Wasser richtige Dreckränder am Körper zurückblieben. „Wir hatten dunkle Handtücher, da fiel das nicht so auf.“

Polizeipräsident hatte gute Übersicht

Gespielt wurde oft im „Wäldchen“ oder an der sogenannten „Pibu-Bar“ („Pissbuden-Bar“, aufgrund der angrenzenden öffentlichen Toiletten) gegenüber und neben dem alten Polizeigebäude – einer echten Trutzburg, wie Dauelsberg bemerkte. „Da musste man aber aufpassen: Ganz oben hatte der Polizeipräsident sein Zimmer. Natürlich bildeten wir uns ein, dass er uns die ganze Zeit beobachtet.“ Das konnte besonders prekär werden, wenn die Bande Kondome aus dem Automaten zog, schließlich saß der Vater mit dem Polizeipräsidenten am Stammtisch. „Die eigentliche Verwendung war uns da noch nicht so bewusst. Wir füllten sie einfach nur mit Wasser, ließen sie aus dem höchsten Fenster in unserem Haus fallen und haben dafür einen Heidenärger bekommen“, bemerkte der Vortragende lachend.

Metall gesammelt und bei „De-Ro“ verkauft

Dass Dauelsberg und seine Freunde sich auch sonst nicht an viele Regeln gehalten haben, wurde mehrmals deutlich. „Wir haben überall Metalle gesammelt und bei ‚De-Ro‘ verkauft. Die Pfennige verprassten wir dann bei Kiosk Berger an der Langen Straße.“ Einmal habe er sogar für die kostbaren Metalle das halbe Kinderzimmerfenster zerlegt. „Da gab es viel Prügel – aber auch viel Geld.“

Früher Abrisse nicht kritisch gesehen

In den 1960er Jahren begann sich das Stadtbild seiner Kindheit dann langsam zu verändern. Ausschlaggebend war dabei auch die Firma Dauelsberg selbst. Hatten sie zuvor ihre Buchhandlung noch in einem alten Fachwerkhaus geführt – das bis zum Umzug der jüdischen Gemeinde an die Cramerstraße im Jahr 1928 als Synagoge genutzt wurde – so entstand Anfang der 1970er Jahre der markante Neubau, der auch heute noch die Gartenstraße prägt. „Wir waren wirklich geschichtslos und haben die schönen Fassaden einfach abgerissen.“ Heute würde er so manchen Umbruch bereuen. „Aber damals war das einfach angesagt und modern . Mit dem City Center haben wir uns wie in New York gefühlt.“


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