Stellvertretender Stationsleiter sagt aus Högel-Prozess: Nebenkläger fühlen sich durch Zeugen verhöhnt

Von Ole Rosenbohm

Niels Högel, angeklagt wegen Mordes an 100 Patienten, sitzt  neben seinen Anwältinnen Kirsten Hüfken und Ulrike Baumann im Gerichtssaal. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaNiels Högel, angeklagt wegen Mordes an 100 Patienten, sitzt neben seinen Anwältinnen Kirsten Hüfken und Ulrike Baumann im Gerichtssaal. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Oldenburg. Die Aussage des stellvertretenden Stationsleiter hat am neunten Prozesstag im Fall Niels Högel für Unmut unter den Anwälten der Nebenkläger gesorgt. Richter Bührmann ließ zum zweiten Mal einen Zeugen einen Eid schwören.

Vom Gerede jahrelang nichts mitbekommen, keine Erinnerung an Gespräche über Auffälligkeiten und auch sonst keinen Verdacht gehegt – was am Dienstag im Prozess gegen den wegen hundertfachen Mordes an Patienten angeklagten Krankenpfleger Niels Högel vor dem Oldenburger Landgericht mit der Aussage eines sich im wesentlichen kaum erinnernden Oberarzt des Klinikums Oldenburg begann, hat sich tags darauf mit der Aussage des stellvertretenden Stationsleiters der Högel-Station 211 nahtlos fortgesetzt. Am Ende des Tages erneut: aufgebrachte Nebenkläger-Anwälte, eine offen ihr Misstrauen zum Ausdruck gebende Staatsanwältin und ein Richter, der den Zeugen einen Eid ablegen ließ. 

Högel war "sympathischer Kollege"

Seit 1991 ist der 53-Jährige am Klinikum. Högel erlebte er die vollen zwei Jahre auf der Station. Erinnern kann er sich an einen „sympathischen, netten Kollegen, der gut im Team integriert war“. Keiner habe wahrgenommen, dass er unangenehm aufgefallen wäre. Aber Högel hat in Oldenburg, ist die Anklage überzeugt, Notfälle in Serie provoziert. Mindestens 36 Menschen sollen zu Tode gekommen sein. In Delmenhorst von Ende 2002 bis Mitte 2005 mindestens weitere 64.

Auch er will Reanimationsliste nicht gekannt haben

Der Pfleger, die Stationsleitung war quasi seine Nebenaufgabe, will davon nichts mitbekommen haben, sagte er Mittwoch im umfunktionierten Festsaal der Weser-Ems-Hallen. Er habe auch nichts gewusst von einer Liste, in der die Beteiligung der Pfleger an Reanimationen mitgezählt wurde – angelegt vom Haupt-Stationsleiter, von der Staatsanwaltschaft inzwischen dem Totschlag durch Unterlassen beschuldigt. Die klar meisten Striche machte dieser beim Angeklagten, die Liste übergab er aber erst zwölf Jahre später der Geschäftsführung.

Vieles nicht gewusst

Der Mittwoch aussagende Zeuge will auch an keiner Sitzung über erhöhte Kaliumwerte bei Reanimierten teilgenommen haben, noch nicht mal etwas gewusst haben davon. Ihm sei nie aufgefallen, dass Högel immer als Erster bei Reanimationen war. Niemals sei er von Kollegen angesprochen worden auf Auffälligkeiten um Högel. Vom Fall Arzt, der während einer Raucherpause den Inhalt von Högels Spritze untersucht haben soll, habe er aus den Medien erfahren. Von einer Reanimation im Fahrstuhl, die Högel an seinem eigenen Patienten durchgeführt haben soll, wisse er auch nichts, ebenso vom Verdacht des Chefarztes, der dazu führte, dass Högel die Station verlassen musste.

Nebenkläger fühlt sich verhöhnt

„Mir fällt auf, dass Sie sowieso wenig wissen“, sagte Richter Sebastian Bührmann. Dann lässt er den Eid ablegen. Später meldet sich ein Anwalt der Nebenklage: „Das war schon der zweite Zeuge aus Reich der Ahnungslosen.“ Seine Mandanten fühlten sich verhöhnt durch so einen Auftritt.

Ex-Freundinnen sagen nicht öffentlich aus

Vier weitere Ex-Kollegen Högels sagten an diesem neunten Prozesstag aus: zwei Ex-Freundinnen Högels unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Mann, der auch gut befreundet war mit dem Angeklagten, ihm nach Delmenhorst folgte und dort vier Wochen vor dessen Verhaftung das erste Mal misstrauisch wurde, als Högel erst über einen betagten aber stabilen Patienten ätzte, der am nächsten Tag tot war. Und einer, der heute in München arbeitet. Beide blieben unvereidigt. Die umstrittenen Aussagen des ersten Zeugen wurden durch ihre Aussagen aber immerhin nicht widerlegt.


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