Entzug soll Wende bringen Prozess vor Landgericht: Delmenhorster darf in Klinik

Von Ole Rosenbohm

Ein drogenabhängiger Delmenhorster muss jetzt seine Sucht bekämpfen. Foto: Peter Steffen/dpaEin drogenabhängiger Delmenhorster muss jetzt seine Sucht bekämpfen. Foto: Peter Steffen/dpa

Oldenburg/Delmenhorst. Der Angeklagte aus Delmenhorst hätte tot sein können. Das weiß er. Und das weiß die Gutachterin, die ihn im vergangenen November besucht hatte, um herauszufinden, ob er verhandlungsfähig ist.

Der Angeklagte hätte tot sein können. Das weiß er. Und das weiß die Gutachterin, die ihn im vergangenen November besucht hatte, um herauszufinden, ob er verhandlungsfähig ist. Sie fand den 34-jährigen, stark drogenabhängigen Delmenhorster in einem katastrophalen Zustand vor: zitternd, dünn, krank, Wahnvorstellungen äußernd. Vielleicht war ihr Besuch seine Rettung. Denn kurz danach veranlasste ein von ihr informiertes Gericht die vorläufige Einweisung in eine Entzugsklinik.

Der Berufungsprozess gegen den Mann vor dem Oldenburger Landgericht hatte da am Freitag untergeordnete Bedeutung. Es war im Nachhinein klar, dass das Gericht die Entscheidung, den 34-Jährigen einzuweisen, von einer vorläufigen in eine endgültige umwandeln würde. Rund zwei Jahre kann er jetzt seine Sucht bekämpfen. Wichtig für ihn wird auch die Nachbetreuung sein – bis jetzt scheiterte er nach erfolgreichen Therapien stets im Alltag.

Fast 20 Jahre drogenabhängig

Der Mann ist annähernd 20 Jahre abhängig. Er nimmt Kokain, Heroin und Medikamente. Zuletzt rauchte er sein Koks – und bekam schwere Psychosen davon. Geld hat er nicht. Er muss stehlen für seine Sucht. 15 Mal wurde er schon verurteilt, viele Jahre hat er in Gefängnissen verbracht.

Im aktuellen Fall hatte er elf Monate auf Bewährung für drei Diebstähle in einer Drogerie in Delmenhorst bekommen. Freigesprochen worden vom Amtsgericht Delmenhorst war er für den auch angeklagten Diebstahl eines Portemonnaies in einem Supermarkt mit anschließendem Geldabheben mittels der Bankkarte des Opfers. Die Staatsanwaltschaft wollte den Freispruch aber nicht akzeptieren – deshalb jetzt die Berufungsverhandlung in Oldenburg.

Chance zur Wende

Im Wesentlichen bestätigte das Landgericht das Delmenhorster Urteil. Der Geldbörsendiebstahl war tatsächlich nicht aufzuklären, weil die Fotos schwach und die Zeugen zwei Jahre nach dem Fall ohne Erinnerung waren. Nur die Bewährung strich die Kammer, da sich die Voraussetzungen extrem geändert hatten: Damals absolvierte der 34-Jährige gerade eine Therapie, hatte einen guten Eindruck gemacht. Aber einige Monate später war er wieder rückfällig geworden.

Entscheidend – auch und gerade für den deutlich therapiewilligen Angeklagten – war die Einweisung in die Entzugsklinik nach Paragraf 64. Eine Chance, die ergriffen werden musste: Überließe man ihm seinem Schicksal, sagte die Gutachterin, könne der Angeklagte zu einer Gefahr werden. Bis jetzt finden sich noch keine Körperverletzungen in der Liste seiner Straftaten.


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