„Cold Cases“ werden geöffnet Delmenhorster Polizei sucht neue Spuren in alten Mordfällen

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Oliver Lenz, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, und Todesursachenermittler Dirk Ellwart mit der Akte eines „Cold Cases“. Foto: Kai HasseOliver Lenz, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, und Todesursachenermittler Dirk Ellwart mit der Akte eines „Cold Cases“. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Neue Ermittlungsmethoden könnten nicht gefundenen Mördern aus vergangenen Jahrzehnten zum Verhängnis werden: Wie die Polizei Delmenhorst heiße Spuren in „Cold Cases“ sucht.

In der Nacht zum 7. August 1989 brannte in der Nordwollestraße ein Müllcontainer. Die Feuerwehr löschte – und fand eine verbrannte Säuglingsleiche in dem Container. Der Fall wurde nie geklärt. Bisher.

Januar 2019: Die Polizei nimmt den Fall wieder auf. Und nicht nur diesen. Die Polizei Delmenhorst holt die „Cold Cases“, die zu den Akten gelegten ungeklärten Kapitalverbrechen, wieder aus dem Archiv. Neue Ermittlungsmethoden und ein frischer Blick auf die Taten sollen Opfern zu ihrem Recht verhelfen.

Heute genügen Hautpartikel zur Identifikation

Zwölf Taten aus der Vergangenheit zählt Oliver Lenz, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes und Chef des Kommissariats eins – Mord, Sexualdelikte, Vermisste – auf. Der kurze Überblick über die Taten lässt einem den Atem stocken. Es sind grausame, blutige Fälle, die seine Ermittlungsgruppe wieder angeht. Neben ihm sitzt Dirk Ellwart, Todesursachenermittler und Koordinator der „Cold Cases“-Ermittlungen in Delmenhorst. Über den Fall des Babys erzählt er: Das Baby in dem Container war männlich. Es hatte bei der Geburt gelebt. Vor dem Verbrennen in dem Container war der Junge erwürgt worden. Die Ermittler Ende der 80er forschten nach Frauen, die durch Schwangerschaftsmeldungen als Täterinnen oder Mütter des Babys infrage gekommen wären. Die Mutter des Jungen fand man nicht. Aber zufällig noch ein weiteres Baby, das tot in einer Sporttasche in einem Schrank lag. Dieser Fall wurde geklärt. Der Fall des Babys im Container wird wohl wieder gesichtet.

So berichtete das dk 1989 über den Fall.


Bessere DNA-Analyse möglich

Dabei kommen nun moderne Ermittlungsmethoden zum Einsatz. „Früher brauchte man einen Blutfleck der Größe eines Fünfmarkstücks, um das Blut einem Menschen zuordnen zu können“, sagt er. „Heute genügen Hautpartikel.“ Die DNA-Analyse macht es möglich. Das kann im Fall des Babys zur Ermittlung des Mörders führen. Oder bei einem anderen Fall zu Hinweisen führen: Im April 1982 verschwand eine 14-Jährige, die in der Wilhelm-Rabe-Straße gewohnt hatte. Auch hier könnten DNA-Proben des Mädchens auch nach langer Zeit genutzt werden.

Erfolg auch mit Info-Fragmenten

Eine andere Ermittlungsmethode ist das Sichten von Daten: Wenn man früher umständlich viele Seiten von Akten durchsuchen musste, oder in enger Zusammenarbeit mit KFZ-Meldebehörden oder Einwohnermeldeämtern mühselig nach Hinweisen suchen musste, genügen heute Suchbefehle in Datensätzen. Und das auch, wenn es sich nur um fragmentarische Infos handelt: 

„Wenn ich einen roten Fiat in Delmenhorst suche, habe ich heutzutage in kürzester Zeit eine Liste aller Delmenhorster roter Fiats zusammen“

Mehrarbeit bei allen Ermittlern 

„Cold Cases“ werden derzeit landesweit wieder gesichtet. Alle Polizeiinspektionen finden dabei ihren eigenen Weg der Organisation. Kommissariatsleiter Lenz hatte bei seiner Truppe offen gefragt, wer sich für eine Wiederaufnahme „abgelegter“ Ermittlungen interessieren würde. Ausnahmslos alle Finger seines zwölfköpfigen Teams gingen hoch. Paarweise werden sie die alten Akten durchforsten und darauf abklopfen, wie man mit modernen Mitteln den alten Fall wiederaufleben lässt. Erst wenn sich dann konkrete Ansätze ergeben, werde eine Kommission gebildet. Die Polizisten nehmen sich der Fälle neben der eigentlichen laufenden Arbeit an – aus eigener Motivation und mit Mehrarbeit. Auch dass sie einen unverfangenen Blick auf die Taten haben, könnte neue Ansätze an den Fall hervorbringen, so die Hoffnung. 

Handwerklich sehr gut gearbeitet

Aber die Ermittler sollen sich die Zeit nehmen, die Fälle sorgfältig zu sichten. Erst wenn dann der „Cold Case“ wieder eine heiße Spur hat, wandert er in den klaren Fokus des Kommissariats. Auffallend beim Durchschauen der alten Fälle: Die Kollegen der 70er, 80er oder 90er Jahre haben handwerklich sehr gut gearbeitet – ein aufschlussreicher Blick in die Polizeihistorie. Und man könne auch als junger Ermittler noch etwas lernen.

Die Motivation ist da: „Das ist der einfache Ehrgeiz, einen Täter zu ermitteln“, sagt Ellwart. „Mörder dürfen nicht frei herumlaufen“, sagt Lenz. Er weiß, dass das Töten eines Menschen den Täter sein Leben lang nicht loslassen wird. Ebenso soll die Polizeiarbeit auch Jahrzehnte nach den Fällen nicht ruhen. 


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