Achtlos entsorgter Abfall im Wald Todesfalle Plastikmüll: Hirsche in Harpstedt grausam verendet

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Im Tode vereint: Mit ihren Geweihen haben sich zwei Damhirsche in einem Sisalseil verheddert. Qualvoll sind die Jungtiere durch das Band, mit dem normalerweise Rundballen zusammengebunden werden, zu Tode gekommen. Fotos. Bettina Dogs-PrößlerIm Tode vereint: Mit ihren Geweihen haben sich zwei Damhirsche in einem Sisalseil verheddert. Qualvoll sind die Jungtiere durch das Band, mit dem normalerweise Rundballen zusammengebunden werden, zu Tode gekommen. Fotos. Bettina Dogs-Prößler

Harpstedt. Der Harpstedter Revierförster Eberhardt Guba schlägt Alarm: Weil Menschen ihren Müll achtlos liegenließen, müssen Tiere leiden und elendig zugrunde gehen.

Eberhardt Guba ist kein Mann umständlicher Reden. Er eherrscht das unmissverständliche Wort: „Eine Sauerei“, sagt er, als er auf drei Säcke voll mit Abfall blickt. Kein Tag vergeht, an dem der Leiter der Revierförsterei Harpstedt nicht irgendwo in seinem Wald über Müll stolpert. Er liegt reihenweise in den Gräben, immer wieder an den Parkplätzen oder auch mitten im Revier. Und immer wieder auch in den Körpern unter Qualen verendeter Wildtiere.

Tiere gehen elendig zugrunde

Wie viele seiner Kollegen erlebt Eberhardt Guba regelmäßig, wie massiv gedankenlos in die Natur geschmissener Müll wilden Tieren schadet. Plastikflaschen, in denen Vögel stecken, Rehbeine, in deren Fleisch sich Blechdosen gefressen haben, Glasscherben, die Schnauzen und Pfoten aufschneiden, Pappbecher, die zur Todesfalle werden. Abfall ist nicht nur ein Problem der Ozeane. „Das Problem haben wir auch hier bei uns“, so Guba. Besonders grausam: „Die Tiere gehen elendig zugrunde, nur weil die Leute ihre Sachen nicht wegräumen“, ärgert sich der 62-Jährige. 

„Ein unnötiges Leiden, das nur wegen der Schlampigkeit des Menschen entsteht.“


Einmal, Eberhardt Guba war gerade dabei, eine Schweißfährte für seine Jagdhunde zu legen, stieß er auf zwei junge Damhirsche, deren Geweihe fest aneinander gezurrt waren. Vor den Augen des Revierförsters offenbarte sich ein schrecklicher Anblick: Das eine Tiere hing mit verdrehtem Hals tot am Geweih des anderen, das nicht die geringste Chance hatte, sich von der qualvollen Last zu befreien. „In den Geweihen hatte sich ein Sisalseil verheddert, wie sie zum Festbinden von Rundballen benutzt werden“, erinnert er sich. 

Beim Spielen verknotet

Offenbar hatten sich die Jungtiere beim Spielen miteinander verknotet. „Beim Versuch, sich zu befreien, verhedderten sie sich dann immer mehr ineinander.“ Dem Revierförster, der auch Jäger ist, blieb nichts anderes übrig, als auch den anderen Hirschen zu töten. „Ansonsten wäre er jämmerlich verhungert. All das nur, weil die Leute ihre Sachen nicht vernünftig wegräumen.“

Zahl der toten Tiere unbekannt

Wie viele Wildtiere tatsächlich an den Folgen von achtlos entsorgtem Müll zugrunde gehen, ist unbekannt. Doch immer wieder berichtet der Deutsche Jagdverband von Tieren, die qualvoll verhungert oder erstickt sind, weil sie mit dem Kopf in Einweggläsern steckenbleiben, Schnüre ihre Mäuler umwickeln oder sie sich in Drähten strangulieren.

Immer mehr wilde Müllkippen

In den vergangenen drei Jahren hat der Anteil wilder Müllablagerung im Landkreis Oldenburg deutlich zugenommen. Vor allem Hausmüll, Sperrmüll, Elektroschrott und alte Autoreifen landen laut Landkreis-Pressesprecher Oliver Galeotti illegal in der Natur, nicht mitgezählt die Unmengen an Flaschen, Pfanddosen und Verpackungsresten, die vereinzelt verstreut sind. Rund 35.000 Euro Kosten plant der Kreis in diesem Jahr für die Beseitigung des illegal entsorgten Mülls ein – rund 8000 Euro mehr als im Jahr davor. „Die Hohe Zahl der Sperrmüllablagerungen ist schon verwunderlich, da bei uns im Kreis für die erstmalige Abholung keine Gebühr erhoben wird“, so Pressesprecher Galeotti. „Darüber hinaus haben wir mit unseren Wertstoffhöfen ein sehr komfortables Erfassungssystem.“ Über die Gründe kann er nur spekulieren: „Offenbar ist es einigen Zeitgenossen egal, wo sie ihren Müll entsorgen.“


Einmal konnte Guba einen jungen Hirsch retten, der sich zusammen mit zwei anderen Artgenossen um einen Baum gewickelt hatte. Dieses Mal war eine Stromlitze, wie man sie an Pferdekoppeln findet, zur Todesfalle geworden. Einen halben Meter tief hatten die Tiere die Erde in ihrer Panik aufgewühlt, doch für zwei von ihnen kam die Hilfe zu spät. „Sie waren bereits tot, als ich dazukam.“ Mit einem Seitenschneider gelang es dem Revierförster, den noch lebenden Hirschen freizuschneiden. Seine Fassungslosigkeit über den sinnlosen Tod der anderen beiden Tiere besänftigte das nicht.

Kein Tag vergeht, an dem sich Revierförster Eberhardt Guba nicht um illegal entsorgten Müll kümmern muss. Foto: Bettina Dogs-Prößler


„Jedes Frühjahr stehen wir vor Bergen illegal entsorgtem Müll in unseren Revieren“, sagt auch Professor Dr. Jürgen Ellenberger vom Deutschen Jagdverband. Mit fatalen Folgen: Immer wieder fänden Verpackungsreste und Schnüre den Weg in Vogelnester. „Mit dem Ergebnis, dass Regenwasser nicht abfließen kann und die Jungvögel erfrieren oder ertrinken.“ Oder sich in Schnüren selbst aufhängten.

Hirsch wäre mit vollem Bauch verhungert

Auch Eberhardt Guba puhlt jedes Jahr mehr Plastik aus den Nistkästen der Vögel. Unlängst hat er sogar ein Kunststoffseil aus dem Magen eines Hirschen gezogen, den seine Frau zuvor erlegt hatte. Das Seil hatte sich bereits zu einem faustgroßen Knäuel geballt; wäre der Hirsch nicht geschossen worden, er wäre vermutlich mit vollem Bauch verhungert. Ein weiteres Problem, dass laut Guba zugenommen hat: Regelmäßig findet er Stücke von Silofolie, Plastiktüten und Kunststoffnetze in den Mägen von Damwild wieder. Dort ballt es sich, geht nicht mehr vor noch zurück. Und das Tier geht jämmerlich zugrunde.

Für Revierleiter Eberhardt Guba unbegreiflich: „Nur weil der Mensch zu faul ist, seinen Müll richtig zu entsorgen. Es ist so sinnlos.“


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