Tat in Delmenhorst Totschlags-Prozess gegen Obdachlosen in entscheidender Phase

Von Ole Rosenbohm

Was das Opfer durchgemacht haben muss, schilderte am Donnerstag im Landgerichtssaal in Oldenburg ein Rechtsmediziner – ein schauriger Bericht. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpaWas das Opfer durchgemacht haben muss, schilderte am Donnerstag im Landgerichtssaal in Oldenburg ein Rechtsmediziner – ein schauriger Bericht. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Oldenburg/Delmenhorst. Im Prozess gegen einen Obdachlosen, der im November 2017 in Delmenhorst seine Frau erschlagen haben soll, hat ein Rechtsmediziner am Donnerstag Details zu den Verletzungen geschildert. Zudem erklärte ein Psychiater den Angeklagten für schuldfähig.

Ein gruseliges Bild muss sich den Polizeibeamten dargeboten haben, als sie am Morgen des 4. November 2017 in einer Garage am alten Delmenhorster Güterbahnhof die tote Frau, innerlich und äußerlich verblutet an dutzenden Wunden, ausfindig machten. Was sie durchgemacht haben muss, schilderte am Donnerstag, 10. Januar, im Landgerichtssaal in Oldenburg ein Rechtsmediziner – ein schauriger Bericht.

Über 3,5 Promille

In ihren letzten Stunden war die 51-Jährige stark betrunken – 3,51 Promille hatte sie intus –, sie muss dennoch fürchterlich gelitten haben. Minutenlang, vielleicht eine Viertelstunde, drosch der Täter – nach Auffassung der Staatsanwaltschaft der 30 Jahre alte Angeklagte – auf die Frau ein. Mit Faust, Holz und Hammer. Mindestens 80 Mal, vielleicht auch doppelt so oft. Manche Verletzungen erinnern an solche von schweren Verkehrsunfällen – so konzentriert, so kräftig muss der Täter zugeschlagen haben.

Regungslos alles über sich ergehen lassen, hat die Frau das nicht. Das beweisen die vielen Wunden an Händen und Armen. Sie hat sich schützen wollen, ist sich der Mediziner sicher. Lieber die Hand opfern als den Kopf. Es nutzte nichts. Sie überlebte das Martyrium nur eine knappe halbe Stunde. Vielleicht hätte sie ein Notarzt retten können.

Voll schuldfähig

Der Mann, der das getan haben soll – ihr Lebensgefährte, wie sie aus Polen und wie sie zur Tatzeit obdachlos – war nach dem Vortrag des Mediziners im Mittelpunkt eines psychiatrischen Gutachtens. Wichtigstes Ergebnis des Sachverständigen: Der Angeklagte leide zwar an einer Alkoholabhängigkeit sowie als Folge diverser Enttäuschungen an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, ist aber voll schuldfähig.

Zu seinem Lebensweg äußerte sich an diesem vierten Verhandlungstag auch der Angeklagte, der bisher lediglich die Tat abgestritten, auf Aussagen dazu aber verzichtet hatte. Seine Mutter habe er das letzte Mal mit zehn gesehen, der in Polen im Gefängnis sitzende Vater hatte sich auch kaum gekümmert, aus den Heimen, die er als Jugendlicher besuchte, sei er meist sofort abgehauen. Ein Leben auf der Straße oder im Gefängnis. Mit Anfang 20 wanderte er in Polen für vier Jahre als Einbrecher ein, später noch mal für ein Jahr wegen einer Körperverletzung.

Nach Deutschland kam er 2015. Der Angeklagte nannte sogar das Datum: der 26.10. Mit dabei war schon die Lebensgefährtin. Vielleicht sein Opfer.

Zeugenaussage wiegt schwer

Es wäre alles andere als eine Überraschung, sollte ihn das Gericht wohl kommende Woche Freitag verurteilen. Zu schwer wiegt die Aussage eines Zeugen, gegenüber dem der Angeklagte die Tat zugegeben haben soll, dabei auch Täterwissen offenbart hatte. Und möglich wäre die Tat angesichts der bisherigen Erkenntnisse auch: Der Rechtsmediziner geht davon aus, dass die Frau zwischen 2 und 4 Uhr gestorben sein könnte. Um 4.20 Uhr erschien der Angeklagte in der Polizeistation an der Marktstraße, um den Beamten zu sagen, er habe die Leiche entdeckt. Eine Viertelstunde zuvor war er noch am Bahnhof, zeigen Aufnahmen von Überwachungskameras. Der Tatort ist rund 40 Fußminuten, drei Kilometer, von der Wache entfernt.


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