Streit mit Telekom kein Einzelfall Delmenhorster hat Angst vorm Ende der alten Telefonie

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Die Telekom will im Laufe des Jahres ihr komplettes Netz von analoger und ISDN-Telefonie auf "Internet Protocol" umgestellt haben. Symbolfoto: Matthias Balk/dpaDie Telekom will im Laufe des Jahres ihr komplettes Netz von analoger und ISDN-Telefonie auf "Internet Protocol" umgestellt haben. Symbolfoto: Matthias Balk/dpa

Delmenhorst. Weil die Telekom die analoge und die ISDN-Telefonie einstellt, fürchten Verbraucher um ihren Anschluss. Für einen Delmenhorster begann sogar ein Streit mit dem Konzern.

Unerwartete Post bekam Manfred Schmidt (Name geändert) Ende August vergangenen Jahres. Die Telekom teilte ihm nach eigenen Angaben mit, dass sein Anschluss gekündigt werde. Der 79-jährige Delmenhorster geriet in Sorge: Würde er bald nicht mehr telefonieren können?

Telekom stellt Netz um

Das ist kein Einzelfall. Die Telekom will nach eigenen Angaben ihr Netz im Laufe des Jahres komplett umstellen von Telefonkabeln auf Internetleitungen. Analoge und ISDN-Anschlüsse gibt es bald nicht mehr, stattdessen wird die Technologie „Internet Protocol“, kurz „IP“, genutzt. Wer weiterhin telefonieren und im Internet surfen will, muss deshalb in der Regel einen neuen Tarif abschließen. Oft wird dazu auch ein neuer Router benötigt. 

Mit seinem Kündigungsschreiben bekam Schmidt ein Angebot von der Telekom. Weil er keine Ahnung von den Tarifen habe, sagt der 79-Jährige, sei er in die Delmenhorster Telekom-Filiale zur Beratung gegangen. Dort habe eine Mitarbeiterin schlechte Nachrichten für ihn gehabt: „Dass tatsächlich Ende des Jahres mein Telefonabschluss abgestellt wird, wenn ich nicht sofort einen neuen Tarif abschließe.“ Die Angestellte habe ihm ein Angebot gemacht, jedoch ein anderes als das im Schreiben. Schmidt vertraute ihr.

Chaos bei Vertragsabschluss

Wozu das führte, zeigen Kopien der Verträge, die unserer Zeitung vorliegen: Der Delmenhorster bekam schnelleres und damit teureres Internet, als das ursprüngliche Angebot vorgesehen hatte. Darüber klärte ihn seine Tochter auf, die deshalb bei ihrem nächsten Besuch in der Stadt mit ihm zusammen zu der Filiale ging. Was dabei auch herauskam: Ein Router wurde angemietet und ein „Smart Home“ eingerichtet, sodass Schmidt sein Zuhause künftig per App steuern könnte. Dabei hat der 79-Jährige nicht einmal ein Smartphone. All das hatte natürlich seinen Preis und zwar einen höheren als im Schreiben der Telekom vorgeschlagen: Monatlich würden rund 45 statt 35 Euro fällig.

Schmidt beteuert im Widerruf, dass er weder für den Router noch für das „Smart Home“ unterschrieben habe. „Einen Nachweis, dass ich das in Auftrag gegeben hätte, konnte man mir nicht zeigen.“ Bald erreichte den Delmenhorster wieder ein Schreiben der Telekom, das nur einen Tag nach seinem Vertragsabschluss in der Filiale verfasst wurde. Sein Anschluss würde erst zum 1. März abgestellt. „Wozu also diese Eile von [der Mitarbeiterin], die fälschlicherweise behauptet hat, dieses würde Ende des Jahres erfolgen?“, wundert sich Schmidt im Widerruf.

Probleme insbesondere für Senioren

„Gerade mit dem Kündigungsschreiben kommt Zeitdruck auf“, erklärt Christel Lohrey vom Regionalzentrum Oldenburg der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Dadurch würden viele Betroffene die Verträge weniger genau prüfen. Generell beobachtet Lohrey: „Verbraucher bekommen oft umfassendere und damit teurere Verträge angeboten, als sie benötigen.“ Und bei der Telekom würden teurere Kombi-Pakete offensiv beworben. Dabei sei die IP-Telefonie nicht unumstritten.

Probleme der IP-Telefonie

Laut der Verbraucherzentrale Niedersachsen birgt die IP-Telefonie auch einige Risiken:
  • Bei Stromausfall kann nicht mehr telefoniert werden (auch keine Notrufe), außer Router und Telefon besitzen Akkus.
  • Ist die Internetverbindung gestört, ist das Telefonieren auch nicht mehr möglich.
  • Alarmanlagen und Hausnotrufsysteme funktionieren nach der Umstellung auf IP-Telefonie häufig nicht mehr, weshalb sich Nutzer an die Anbieter wenden sollen.

Insbesondere ältere Menschen sind laut dem Sozialen Dienst für Senioren Delmenhorst für überteuerte Angebote anfällig. „Viele verstehen die Tarife und Leistungen nicht“, heißt es bei der Auskunft. Erschwerend komme die Angst hinzu, nicht mehr telefonieren zu können. Denn gerade Senioren würden das Festnetz gegenüber Smartphones bevorzugen.

Tipps der Verbraucherzentrale

Lohrey von der Verbraucherzentrale rät Betroffenen, sich nicht zu stressen. Sie sollten sich Angebote geben lassen, anstatt Verträge direkt abzuschließen. Router zu mieten, wie Schmidt es tat, habe zwar den Vorteil, dass die Telekom für Reparatur oder Austausch zuständig sei. Doch umgerechnet sei die Miete oft teurer als der Kauf. Außerdem kann sie jeden beruhigen: Die Telekom müsse jedem zumindest ein Tarifangebot für einen Telefonanschluss machen. Und wer kein Internet habe, müsse aus tariflichen Gründen sowieso keinen neuen Vertrag abschließen. Viele andere Anbieter sind laut Lohrey übrigens schon zur IP-Technik gewechselt, manche nutzen allerdings die Netze der Telekom und müssen deshalb jetzt umstellen.

Für alle, die in Filialen unliebsame Verträge abgeschlossen, werde es schwierig, sagt Lohrey, weil es dort allgemein kein gesetzliches Widerrufsrecht gebe. Ausnahmen sind ihr zufolge nachweisliche Falschberatung oder – bei Menschen, die betreut werden – mangelnde Zustimmung des Betreuers. Oder Kulanz. Schmidt hatte Glück. Zwar behauptete die Angestellte der Filiale ihm zufolge, dass er alles verstanden hätte und eh nicht widerrufen könne. Doch der Kundenservice der Telekom erkannte seinen Einspruch an.

So reagierte die Telekom

Auf Nachfrage unserer Zeitung erklärt Stefanie Halle, Pressesprecherin des Konzerns, dass die Telekom auch Fälle, in denen beispielsweise überforderte Senioren Verträge abschließen würden, prüfe und gegebenenfalls storniere. Halle entschuldigt sich für eine mögliche Falschberatung Schmidts. „Eventuell ist es während des Gesprächs zu Missverständnissen gekommen zwischen dem Shop-Mitarbeiter und dem Kunden“, schreibt sie. „Wir werden hier nachschärfen.“

Für Schmidt hat die Telekom damit richtig reagiert. Viel Hin und Her gab es trotzdem. Und das nur, sagt seine Tochter, weil ihr Vater nicht wollte, dass sein Telefon abgestellt würde.


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