Delmenhorsterin steht zu ihrer Glatze Schönheit braucht für diese junge Frau keine langen Haare

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Annika Gotra leidet unter „Kreisrundem Haarausfall“. Früher reichten ihre Haare bis zur Taille, heute geht sie mit ihrem veränderten Aussehen selbstbewusst um. Foto: Sascha Sebastian RühlAnnika Gotra leidet unter „Kreisrundem Haarausfall“. Früher reichten ihre Haare bis zur Taille, heute geht sie mit ihrem veränderten Aussehen selbstbewusst um. Foto: Sascha Sebastian Rühl

Delmenhorst. Annika Gotra leidet an Kreisrundem Haarausfall. Die junge Delmenhorsterin hat einen langen Leidensweg hinter sich und zeigt der Welt heute selbstbewusst, dass man auch ohne Haare schön sein kann.

Als Annika Gotra eines Morgens aufwacht, bricht eine Welt für sie zusammen. Wo vorher taillenlange, gesunde Haare wuchsen, ist jetzt eine faustgroße kahle Stelle. „Ich könnte schon wieder heulen, wenn ich jetzt daran zurückdenke“, sagt die 20-jährige Delmenhorsterin heute, anderthalb Jahre nach dem Anfang ihres Leidenswegs. Innerhalb weniger Monate wurde die kahle Stelle breiter, bis sie schließlich kaum noch zu verheimlichen war. „Ich habe versucht, das zu verstecken. Eine Freundin hat mir Zöpfe geflochten, wir haben die Lücken mit Lidschatten aufgefüllt.“ Täglich rollten die Tränen. „Es wurde jeden Tag schlimmer, ich habe noch nie vorher so eine schlimme Zeit gehabt.“

Haare fallen bei Stress aus

Was Gotra heute weiß: Sie leidet unter „Kreisrundem Haarausfall“, auch bekannt als Alopecia Areata. Ihr Körper reagiert auf Stress, indem er die Haarwurzeln als Ursache dafür erkennt und abstößt, erklärt Gotra. Stress habe es ohnehin genug gegeben. „In dem Jahr habe ich eine Ausbildung abgeschlossen und den Führerschein gemacht.“ Der Haarausfall sorgte für wesentlich mehr. „Ich hatte Selbstzweifel, war unzufrieden, fühlte mich beobachtet und unwohl“, fasst sie ihre damalige Stimmung zusammen. Auch für ihre Familie begann eine schwierige Zeit. „Meine Mama hat jedes Mal mit mir geweint, meine Brüder waren überfordert – und für meinen Freund war die Situation komisch.“ Er blieb an ihrer Seite, betont sie.

Medizin für sie keine Hilfe

Verschiedene Hautärzte hätten ihr nicht helfen können. „Da wurden mir nur Mittel verschrieben. Ich habe mich hilflos gefühlt und in der Praxis geweint. Man konnte mir nicht erklären, warum das passiert – und ich habe die Hoffnung verloren“, erinnert sich Gotra. Heute habe sie einen besseren Arzt gefunden, eine Behandlung aber noch nicht.

1,5 Millionen Deutsche betroffen

Nach Angaben des Vereins Alopecia Areata sind vermutlich 1,5 Millionen Deutsche in unterschiedlichen Formen von der Krankheit betroffen. Bei jungen Menschen trete sie häufiger in Erscheinung.

Perücke für sie keine Lösung

Nach drei Monaten, im Oktober 2017, nachdem sie viele Mittel getestet hatte, blieb ihr nur noch ein dünner Haarkranz. „Ich habe dann eine Perücke ausprobiert, aber ich fühlte mich damit noch unwohler als mit der Glatze.“ Ab dem Moment ging sie offen mit ihrer Krankheit um. „Damit habe ich mich dann abgefunden.“ Und da der Stress weg war, begannen die Haare wieder zu wachsen. Im April waren sie auf dem ganzen Kopf und schon wieder etwas länger. „Dann ist meine Oma gestorben, und sie sind wieder ausgefallen. Und dazu die Wimpern und Augenbrauen.“ Eine weitere schwere Zeit lag vor ihr, bis zumindest die wieder nachwuchsen. „Die Haare können auch die nächsten drei Jahre bis zu den Schultern wachsen, aber beim nächsten Stress sind wieder alles weg. Ich kann mich ja nicht in eine Vitrine stellen. Jeder Mensch hat mal Stress.“ Heute geht sie wieder zur Schule und macht ihr Abitur.

Glatze hat auch Vorteile

Heute ist sie selbstbewusster. „Ich finde mich ganz toll und bekomme viel Zuspruch und Respekt. Und ich spare Geld, weil ich keine Haarpflegeprodukte mehr brauche und ich mir vor dem Urlaub nicht mehr die Beine rasieren muss“, scherzt Annika Gotra. Was nicht aufhöre, seien aber auch dumme Sprüche, ob sie Krebs habe zum Beispiel, oder „Meister-Propper-Witze“, erzählt die Abiturientin. Sie arbeite in Bremen nebenberuflich an einer Supermarkt-Kasse. „Da hat so mancher Kunde Hausverbot bekommen, wenn ich wieder Sprüche zu hören bekommen habe“, freut sie sich über die Unterstützung von Vorgesetzten und Kollegen.

Völlig verändertes Auftreten

Menschen behandeln sie heute anders als vor dem Haarausfall. „Früher habe ich beim ersten Eindruck oft arrogant gewirkt, heute bin ich vielen erstmal sympathisch – und dann packen sie mich mit Samthandschuhen an.“ Was gar nicht nötig wäre, betont sie. Erst kürzlich habe ihr ein Mann in Delmenhorst aus heiterem Himmel Respekt für ihr Selbstbewusstsein ausgesprochen.

Selbsthilfe im Internet

Mit ihrem neuen Selbst möchte die 20-Jährige anderen in ihrer Situation helfen. Regelmäßig stellt sie auf der Fotoplattform Instagram Bilder von sich ins Internet. Ihre Botschaft: Schönheit braucht keine Haare. „Auch Leute aus Amerika und Australien gefallen meine Bilder. In einer Gruppe motivieren wir uns gegenseitig. Ich will anderen Mut machen“, erzählt sie. In den Bildern zeigt sie, wie Perücken ihr Aussehen verändern und wie sie auch mit einer Glatze schön und weiblich wirken kann. Über 1000 Menschen interessieren sich im Internet für die Bilder der Delmenhorsterin.


Die Selbsthilfegruppe „Kopf hoch – Leben mit kreisrundem Haarausfall“ trifft sich einmal im Monat in Bremen, Faulenstraße 31. Weitere Informationen per E-Mail kopf-hoch-bremen@gmx.de.

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