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Bilanz am fünften Verhandlungstag Ex-Pfleger Högel suchte nach „geeigneten“ Patienten

Jan Eric Fiedler und Ole Rosenbohm

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43 Morde hat Niels Högel vor Gericht zugegeben. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa43 Morde hat Niels Högel vor Gericht zugegeben. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Oldenburg. Zu genau 100 Fällen hatte sich der einstige Krankenpfleger Niels Högel nach viereinhalb Verhandlungstagen bis Mittwochmittag geäußert, chronologisch nach den Todesdaten der ehemaligen Patienten auf den Intensivstationen des Klinikums Oldenburg und des Klinikums Delmenhorst.

Die Bilanz seiner Befragung, des ersten Teils des bis Mai angesetzten Prozesses: In 43 Fällen gab Högel Manipulationen zu, in fünf Fällen wies er jede Schuld an den Todesfällen von sich, 52 Mal hätte er keine Erinnerungen, schloss aber auch ausdrücklich eine Manipulation, sprich Vergiftung, nicht aus. Er könne sich nur nicht mehr erinnern.

Letzter Mord am 24. Juni 2005

Seine letzte Patientin will Högel am 24. Juni 2005 umgebracht haben. Sie wurde von mit dem Verdacht einer Lungenembolie gebracht, musste direkt reanimiert werden. Eine dramatische Situation: Herzdruckmassage, Beatmung, chemische Wiederbelebung. Högel setzte mit seiner Spritze noch einen drauf. Die Patientin hatte keine Chance.

Högel arbeitete trotz Aufdeckung weiter

Der Fall dieser Frau ist ein entscheidender, wenn es womöglich in weiteren Prozessen um eine Mitschuldfrage gegen Angehörige des Klinikums geht. Denn nur zwei Tage zuvor war eine „Manipulation“ des heute 41-jährigen Ex-Pflegers schon aufgeflogen. Am Weiterarbeiten hinderte Högel aber niemand, weswegen er sein letztes Opfer fand. Kurz danach ging er in den Urlaub. Am 1. Juli erstattete das Klinikum Anzeige gegen seinen Angestellten. Am 7. Juli wurde Högel verhaftet. Er gab nichts zu, gleichwohl sei es eine Befreiung gewesen, sagt er. Er habe erstmal eine Woche fast nur geschlafen. Später wurde er wegen des einen erst aufgeflogenen Falles letztlich zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. 2014 folgte dann der zweite Prozess. Aber erst jetzt scheinen die wahren Dimensionen des Falles deutlich zu sein.

Große Lücken in den Patientenakten

Högel hat sich vorbereitet auf die ersten Prozesstage, Akten zu jedem Fall gelesen. Er antwortet ruhig, überlegt, wie ein Sachverständiger auf einem juristisch-medizinischen Kongress, wenn auf den beiden Leinwänden (die normalerweise den Angeklagten zeigen) über den erhöhten Richterplätzen Patientenblätter eingeblendet werden. Manche Akten aus Delmenhorst weisen so große Lücken auf, dass auf ihnen kaum zu sehen ist, welche Medikamente wann verabreicht wurden. Aus Oldenburg kenne er sowas nicht, da sei der Stationsleiter regelmäßig rumgegangen und habe Kurven auf Vollständigkeit überprüft. In Delmenhorst nicht. In einigen Fällen kann sich Högel, sagt er, auch deshalb nicht erinnern, weil ihm Anhaltspunkte aus den Akten fehlen. Högel antwortet routiniert. Es ist unmöglich zu sagen, wann er die Wahrheit sagt oder lügt.

Das Risiko wurde gesteigert

Högels letzte Monate auf der Station nehmen Raum ein an diesem Mittwoch im vom Landgericht für den Prozess genutzten Festsaal der Oldenburger Weser-Ems-Hallen. Högel berichtet, wie er das Risiko immer weiter steigerte, ihm Krankheitsverläufe zunehmend egal wurden, er gebrauchte Ampullen nicht mehr in dafür vorgesehene Behälter warf, sondern sie in Mülleimer in Patientenzimmern, wo sie auch in mindestens einem Fall von einem Kollegen entdeckt wurden. Er erzählt über die Skepsis in den Blicken der anderen, über das Tuscheln über ihn. Er habe gespürt, beobachtet zu werden von den Kollegen. „Aber niemand fragte mal. Niemals. Niemand.“ Auch in seinen zwei Jahren in Oldenburg Zeit nicht.

Suche nach „geeigneten“ Patienten

2005 in Delmenhorst wuchs die „Sehnsucht nach dem Ende“, sagt er. Aber selber Schluss machen wollte er es auch nicht, eine Gratwanderung zwischen „Ich komme schon durch“ und „Sollen sie mich doch endlich erwischen“. „Wenn es um Drogen gehen würde, würden wir von Sucht sprechen“, versucht es der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann mit einem Vergleich. Sucht nach Anerkennung nach erfolgreichen Reanimationen, auch wenn die Motivation, „auf Platz eins oder dem Podest zu stehen, war nicht mehr ausgeprägt“ gewesen sei. Oder die Sucht zu töten? In diesen letzten Monaten machte Högel Rundgänge auf der Station, um zu sehen, wo geeignete Patienten für die nächsten Manipulationen liegen. Alle zwei, drei Tage habe er irgendwen manipuliert. Auch wenn zwischen den angeklagten Fällen drei Monate liegen und er keinen Urlaub hatte und auch nicht krank war. Man wird wohl nie erfahren, wie viele Menschen er wirklich getötet hat.

Am 3. Januar wird der Prozess fortgesetzt. Als erster Zeuge tritt ein leitender Ermittler der Polizei auf.


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