Delmenhorster Helfer selbst in Nöten Betreuer springen ein, wenn Entscheidungen überfordern

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Haben über die Arbeit und Nöte des Betreuungsvereins diskutiert: (von links) Michael Gellermann, Ingeborg Hübscher (beide FDP-Vorstand), Geschäftsführer Heino Bleydorn und Ehrenamtlicher Jürgen Stöver vom Betreuungsverein, Christian Dürr, stellvertretender FDP-Bundestagsfraktionchef, und seine Wahlkreisbüro-Leiterin Marion Vosteen. Foto: Sonia VoigtHaben über die Arbeit und Nöte des Betreuungsvereins diskutiert: (von links) Michael Gellermann, Ingeborg Hübscher (beide FDP-Vorstand), Geschäftsführer Heino Bleydorn und Ehrenamtlicher Jürgen Stöver vom Betreuungsverein, Christian Dürr, stellvertretender FDP-Bundestagsfraktionchef, und seine Wahlkreisbüro-Leiterin Marion Vosteen. Foto: Sonia Voigt

Delmenhorst. Viele Menschen können durch Krankheit oder Behinderung nicht mehr selbstständig über Finanzen oder Gesundheitsfragen entscheiden. In über 300 Fällen hilft der Delmenhorster Betreuungsverein. Doch die Aktiven beklagen zu viel Arbeit für zu wenig Geld.

Die 25-Jährige mit Schulden bei 90 Gläubigern. Der Messie, in dessen Wohnung Müllstapel und Ratten ihn und andere gefährden. Der alte Mann, der allein zuhause nicht mehr klarkommt, aber nicht ins Heim will. Sie alle haben eins gemeinsam: Für sie hat das Amtsgericht eine Betreuung angeordnet. Über 300 Menschen begleitet der Delmenhorster Betreuungsverein aktuell, längst nicht alle sind so in Not wie die eingangs genannten, aber sie alle können ihr Leben aufgrund einer Krankheit oder Behinderung nicht mehr allein regeln. Und nun steht der Verein, der ihnen hilft, vor Problemen, denn die seit 2005 nicht angehobene Finanzierung reicht nicht mehr aus.

In schwierigen Fällen übernehmen Berufs-Betreuer

Insgesamt gibt es über 1000 Betreute in Delmenhorst, schätzt Betreuungsverein-Geschäftsführer Heino Bleydorn. Oft übernimmt ein Angehöriger die Aufgabe, manchmal ein Rechtsanwalt. Aber rund 200 Fälle bleiben, in denen Ehrenamtliche, sowie 125 in denen Berufs-Betreuer des 1994 gegründeten Vereins einspringen, je nachdem wie schwierig das Gericht die Lage einschätzt. Sie treffen für die Betreuten Entscheidungen über Finanzen, ärztliche Behandlungen oder auch den Wohnort, manchmal auch gegen den Willen der Familie. „Wir müssen die Wünsche und das Wohl des Einzelnen im Blick behalten“, betont Bleydorn. Toleranz ist gefragt, nicht jemandem die eigenen Lebensverhältnisse überzustülpen. „Aber bei einer Eigen- oder Fremdgefährdung ist die Grenze erreicht“, sagt der 2016 gestartete Geschäftsführer, der selbst aktuell 27 Menschen betreut.

Viel Erreichtes, aber auch viel Verantwortung

„Hier kann ich wirklich etwas bewirken, aber man spürt auch die Last der Verantwortung“, beschreibt Bleydorn die Aufgabe. Daher findet er es noch problematischer, dass er den drei Mitarbeitern, die sich die 125 schwierigsten Betreuungsfälle mit ihm teilen, eine immer höhere Arbeitsbelastung zumuten muss. „Die Betreuungsvergütungen von 44 Euro pro Stunde sind seit 2005 nicht gestiegen“, erklärt der Diplom-Kaufmann. Sie machen aber 80 Prozent der Gesamteinnahmen des Vereins aus. Die ebenfalls seit der Gründung stagnierenden Stadt- und Landesmittel reichen nicht, um die übrigen Aufgaben wie Gewinnung, Ausbildung und Begleitung von Ehrenamtlichen sowie die Beratung zu Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen zu finanzieren. „Deshalb müssen wir immer mehr Betreuungen selbst übernehmen und häufen Überstunden an“, kritisiert Bleydorn, der eine „Burn-out-Gefahr“ für seine Mitarbeiter sieht.

Ehrenamt bringt mit schweren Schicksalen in Berührung

Die Unterstützung der über 100 ehrenamtlichen Betreuer ist eine der zentralen Aufgaben des Vereins. Ohne ginge es nicht, ist auch Jürgen Stöver überzeugt. Er ist seit 20 Jahren ehrenamtlicher Betreuer und zur Zeit für fünf Menschen zuständig. Vielen sei am Anfang nicht klar, dass jede Entscheidung des Betreuers gerichtlich überprüft wird und dieser bei Fehlern auch haftet. Hierfür gibt es aber über den Verein eine Versicherung. „Wir Betreuer unterstützen uns auch untereinander“, berichtet Stöver. Zum Teil sei zusätzlich anwaltlicher Rat nötig. Sein Ehrenamt füllt er spürbar mit Herzblut aus, doch Stöver weiß auch, dass nicht nur Haftungsfragen, sondern auch die Begegnung mit schweren Schicksalen und die manchmal nötigen Nacht- und Wochenendeinsätze Helfer abschrecken. Die Aufwandspauschale für Ehrenamtliche von 399 Euro im Jahr reiche da nicht aus.

Wer Angehörige entscheiden lassen will, muss aktiv werden

Auch Beratung oder Vorträge zu Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen, die verhindern können, dass eine Betreuung überhaupt angeordnet werden muss, findet Bleydorn wichtig. Vor allem, wenn es durch den demografischen Wandel immer mehr ältere Menschen mit Betreuungsbedarf gibt. Denn das Gesetz sieht keinen Automatismus vor: Nur wer es aktiv so regelt, kann durch Angehörige vertreten werden. Für Bleydorn ein wünschenswerter Weg – wenn die Angehörigen dann bei komplexen Fragen, die vom Schuld-, Miet- und Familienrecht bis zum Erbrecht reichen, auf Hilfe zählen können. Etwa durch einen gut ausgestatteten Betreuungsverein.


Der Delmenhorster Betreuungsverein an der Lahusenstraße 9 ist unter der Telefonnummer (04221)8009992 erreichbar.

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