Delmenhorster Musikschulleiter im Interview Nur wer singt, bekommt die Frau

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Musikschulleiter Michael Müller findet, deutsche Männer sollten mehr mit ihren Söhnen singen. Foto: Kai HasseMusikschulleiter Michael Müller findet, deutsche Männer sollten mehr mit ihren Söhnen singen. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Der Delmenhorster Musikschulleiter Michael Müller sieht Potenzial, was das Singen in Deutschland angeht. Warum Männer nicht gern singen, und warum sie deshalb Chancen vergeben, erklärt er im dk-Interview.

Michael Müller, 55, ist seit Abizeiten bei der Musikschule Delmenhorst – erst als Honorarkraft, seit 2005 als Leiter. Er hat in Bremen und Berlin Gesang studiert. Das Quempassingen (Samstag, Lutherkirche an der Hohensteiner Straße, und Sonntag, Allerheiligen-Kirche in der Wildeshauser Straße, je 18 Uhr) macht er seit 39 Jahren mit.

Herr Müller, Sie wollen am Samstag und Sonntag wieder das Quempassingen machen. Tut es Ihnen manchmal in den Ohren weh, was da gesungen wird?

Nein. Nur sechs Prozent der Menschen können nicht singen. Bei ihnen fehlt eine Verbindung zwischen Ohr und Gehirn, weshalb sie nur schwer Töne treffen. Die paar fallen nicht auf.

Moment, das heißt: 94 Prozent können singen?

Ja.

Also auch 94 Prozent der Männer!

Ja!

Das sollte man ihnen mal einschärfen. Mein Eindruck: Die Deutschen singen ungern, speziell die Männer. Ein Jammer. Warum ist das so?

Man muss in die Geschichte gucken. Wenn man zum Beispiel in Frankreich auf Familienfesten ist, wird irgendwann einfach gesungen: „Aux Champs-Elysées!“, Jung und Alt. Ich war mal vollkommen aus der Tüte, als ich in Straßburg war. Ein Straßenmusiker spielte Lieder von Georges Brassens. Da kamen Jugendliche dazu. Jugendliche! Und die sangen lauthals mit, alle Strophen. Und in Deutschland zerbrechen die Chöre, auch weil die Männer fehlen. Das kommt aus der Zeit Anfang des 19. Jahrhunderts, als die „Liedertafeln“ entstanden, die erinnern sollten an die Ritter der Tafelrunde – ein Bündnis von Gleichgesinnten. Es stand immer eine Idee dahinter, es ging um einen Aspekt der Heimatverbundenheit, der Romantik.

Aber das ist doch Männern von heute eher egal...?

Aber in dieser Institutionalisierung von damals wurzelt das Problem. In damals entstehenden Chören – Männerchören – steckte viel Sinnsuche, Suche nach einer Idee von Nation und Patriotismus. Die Nazis instrumentalisierten das. Der Takt des Singens wurde zum Marschieren genutzt: zwo, drei, Viervierteltakt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel das weg. In den 50ern und 60ern wurde das Singen zum Teil wiederbelebt.

Peter Alexander, Heintje?

Genau. Aber die 68‘er brachen dann mit dieser Tradition. Da sang man dann nicht mehr unorganisiert. Nur noch in Vereinen. Wir haben 9000 Männerchöre in Deutschland, aber das ist ja heute alles domestiziert. Da steht nicht einfach einer vorn, der was von Musik versteht, und alle legen los. Da muss sich ein Chorleiter mühevoll zertifizieren und viele Prüfungen absolvieren.

Aber warum geht das „undomestizierte“ Singen bei Frauen im Alltag besser? Wegen der oft noch so präsenten Erziehungsrolle?

Richtig. Mütter beruhigen, trösten, holen runter. Sie singen leichter, auch um des Singens willen. Männer singen nur, wenn sie eine Idee dahinter sehen. Im Weserstadion, da grölen sie mit. Oder machen ernst bei der Nationalhymne mit. Eben eine Idee dahinter.

Kleine Jungs haben aber mit solchen Ideen nicht viel am Hut. Warum singen die dann nicht genauso wie die Mädchen?

Sie sind geprägt von den Vätern. Der Vater findet singen doof – und schickt den Sohn lieber zum Sport. Deshalb singt dann auch der Sohn nicht. Und wenn sie einmal singen, kommt dann etwas später der Stimmbruch. Die Stimme und die Füße wachsen in der Pubertät ja zuerst. Stellen Sie sich den Stimmbruch so vor: Sie haben einen VW Käfer, und den kennen Sie. Plötzlich steht in der Garage auf einmal ein Gelenkbus, mit dem sie ausparken sollen, und da brettern Sie überall gegen. Das macht Jungs vorsichtig. Und sie finden auch ihre Stimme nicht mehr schön. Das ist ein Bruch. Die Stimme ist sehr essenziell, so besonders wie ein Fingerabdruck, sehr privat. Das erste Mal alleine singen im Gesangsunterricht ist für viele Menschen ein wenig wie sich ausziehen. Nackt und intim. Weil so viele Emotionen drin stecken. Hinter Worten kann man sich verstecken, hinter der Stimme nicht. Frauen fällt das Emotionen zeigen leichter. Männer dürfen sowas immer nicht.

Aber irgendwie wollen sie es doch, es kommt nur nicht raus. Mein Eindruck: 80 Prozent der männlichen Teenager kaufen sich ne Gitarre, lernen fünf Akkorde, aber dann hapert es daran, dass man „Let it be“ auch singen muss.

Es sind glaube ich weniger mit Gitarre (Anmerkung: In Müllers Büro steht eine Gitarre). Aber Singen ist auch eine höhere Hürde als ein Instrument spielen. Ein Instrument ist ein technisches Gerät, das man beherrschen kann. Die Stimme ist intim. In Jungszimmern steht heute viel eher eine Spielkonsole. Jugendliche sind obendrein stark beeinflusst von dem, was sie hören. Musik gibt es heute überall – man muss sie nicht mehr selber machen. Es gibt ein konsumptives Verhalten. Selbstverständlich müssen junge Männer aber irgendwann ihren Emotionen ein Ventil geben. Ich hatte mal einen Mann da, der nach sehr langem Üben in einem Schubert-Lied schließlich diesen einen hohen Ton traf. Der war so glücklich. Bei ihm liefen die Tränen. Es ist eine Emotion, und er konnte sie rauslassen. Und das sollten sich Männer auch nicht nehmen lassen.

Wie beim Quempassingen.

Ich versuche, Lockerheit rüberzubringen. Sie waren ja im letzten Jahr dabei, Sie haben das gesehen.

Ja, es ist schön! Und sie hüpfen beim Einsatzgeben recht hoch für Ihre Größe.

Es soll Spaß machen, und das versuche ich zu transportieren. Die Männer sitzen da aber schon recht reserviert. Der Bankfilialenchef will nicht so sehr, dass seine Mitarbeiterin zwei Sitze weiter durch das Singen merkt, wie er ist – wer er ist. Es ist recht privat.

Finden wir mal einen Zweck oder eine Idee für Männer, Singen gut zu finden. Haben Sie welche?

Es macht Spaß. Es ist schön. Es dient der Seelenhygiene. Männer zwingen sich nach einem schweren Arbeitstag zum Chor, und danach kommen sie nach Hause, als wären sie zur Therapiesitzung gegangen.

Oder: Man kann damit Frauen betören!

Das wissen wir seit dem Minnegesang: Frauen stehen auf Stimmen! Gucken Sie in die Literatur aus Oper und Operette: Der Tenor ist am Ende immer der, der die dicke Frau bekommt. Viele Männer wollen zwar gern Bass singen, aber: Wer betören will, muss Tenor sein. Ich hatte im Musiktheater so einen, der wunderbar singen konnte. Die Frauen schmolzen dahin.

Wie kommen wir also dahin, dass die Deutschen so singen wie die Franzosen?

Es wäre sinnlos, etwas neu etablieren zu wollen, was man einmal über Bord geschmissen hat. Wir können nur vormachen, und es zeigen, es uns aber nicht vornehmen.

Also sollten Väter wieder mit ihren Söhnen singen?

Das tun sie auch. Wir haben in den Eltern-Kind-Gruppen Väter dabei, und wir sagen ihnen, dass sie das zu Hause auch vormachen sollen. Das tun sie. Und man kann gerade beim Quempassingen sehen: Das hat mir gut getan. Das sollte ich öfter machen.


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