Delmenhorster Konvertiten berichten Wenn der Islam zur neuen Heimat wird

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Haben sich dem Christentum ab- und dem Islam zugewendet: Kimberly Ripke (16) ist erst seit wenigen Jahren Muslima, Holger Hilke (56) ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Moslem (im Bild fehlt Barbara Yildirim). Sie sind Konvertiten der Mevlana-Gemeinde in Düsternort. Foto: Frederik GrabbeHaben sich dem Christentum ab- und dem Islam zugewendet: Kimberly Ripke (16) ist erst seit wenigen Jahren Muslima, Holger Hilke (56) ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Moslem (im Bild fehlt Barbara Yildirim). Sie sind Konvertiten der Mevlana-Gemeinde in Düsternort. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Sie haben die katholische Kirche verlassen und stattdessen den Islam angenommen – und teilweise den Bruch mit der eigenen Familie hinnehmen müssen. Drei Delmenhorster haben dem dk erzählt, warum sie konvertiert sind.

Ein frommes Leben, ein tiefes Gemeinschaftsgefühl, Antworten auf drängende Fragen des Lebens: Drei Delmenhorster haben ihren christlichen Glauben abgelegt und sind zum Islam übergetreten. Dem dk haben sie erzählt, was sie zu dem Schritt bewegt hat – und was sie an der islamischen Gemeinschaft schätzen.

Für Kimberly Ripke (16) war der Schritt zum Islam ziemlich spontan. Mit dreizehneinhalb ist die junge Delmenhorsterin konvertiert, hat den islamischen Glauben „mit dem Herzen“ angenommen, wie sie sagt. „Ich war zu dieser Zeit ziemlich depressiv. Meine Eltern hatten sich getrennt, in der Verwandtschaft waren einige Familienmitglieder gestorben.“ Die junge Frau mit Wurzeln in Polen hat nur wenig Familie hier in der Stadt, zu ihrem Vater hat sie kaum Kontakt. Eine muslimische Freundin lud sie erst in ihre Familie ein, dann zu Treffen der islamischen Mevlana-Gemeinde. Die heute 16-Jährige suchte nach Halt – und fand ihn bei Mevlana. „Die Menschen hier sind für mich zu einer zweiten Familie geworden“, sagte sie. Mit 15 Jahren trat sie förmlich zum Islam über: per Gelöbnis vor Zeugen in der Moschee.

„Leichtfertige, aber richtige Entscheidung“

„Der Übertritt zum Islam war leichtfertig. Das gebe ich zu“, sagt Kimberly Ripke heute. „Aber ich bin froh über diese Entscheidung.“ Denn die katholisch aufgezogene Frau habe Islam Antworten auf ihre Fragen gefunden. „Warum sind wir auf der Welt? Das habe ich mich lange gefragt. Das Christentum hat mich da nicht angesprochen.“ Die Autorität eines Pastors in einer christlichen Gemeinde habe nie nachvollziehen können. Das empfindet sie im Islam freier. Das kann auch daran liegen, dass eben kein Geistlicher dabei ist, wenn Kimberly Ripke mit anderen gläubigen Frauen in wöchentlichen Treffen zusammenkommt, um beispielsweise über Geschichten des Propheten Mohammed zu sprechen. Der Koran, seine Übersetzungen und Erläuterungen sowie seine religiöse Interpretation ist zu einer Regelmäßigkeit für die 16-Jährige geworden. Dafür lernt sie gerade auch Arabisch.

Mit all dem zusammen hängt auch ein frommes Leben. Etwas, was Kimberly Ripke in ihrer Familie nicht vorgelebt worden sei. Als Beispiel nennt sie den Alkoholkonsum. Sie selbst trägt nun seit zwei Jahren ein Kopftuch. „Das hätte ich vorher nie von mir geglaubt.“

Über die Sinnkrise zum Islam gefunden

Dass Barbara Yildirim (36) einmal eine Muslima sein würde, war für sie als junge Frau schier undenkbar. Yildirim wurde in der bayrischen Provinz streng katholisch erzogen. „Jeden Sonntag in die Kirche, jedes Jahr ein großes Weihnachts- und Osterfest, das war ganz typisch für mein Leben.“ Als Jugendliche erfasste sie dann eine Sinnkrise. Die Beichte, die Dreifaltigkeit, das Fegefeuer. Diese zentralen Säulen des (katholischen) Christentums ergaben für sie keinen Sinn. „Ich habe meinen Eltern viele Fragen gestellt. Die Antwort war: ,Du musst halt dran glauben.‘“

Langsam und schrittweise den Koran entdeckt

Barbara Yildirim wendete sich von der Religion ab, lebte „gottlos“, wie sie heute sagt. „Über den Islam hatte ich eine schlechte Meinung: Die Frau wird unterdrückt, sie darf ihre Schönheit nicht zeigen. Ich war voller Vorurteile.“ Dann lief der gebürtigen Allgäuerin ihr späterer Ehemann über den Weg, als er beruflich in Bayern unterwegs war. Dass der Islam mit dem Judentum und dem Christentum einen Ursprung teilt, dass sich Korantexte mit denen der Bibel oder der Tora teilweise decken, sei eine vollkommen neue Erkenntnis für Yildirim gewesen. Sie wurde neugierig, besorgte sich eine Koranübersetzung. „Warum sind wir auf der Welt? Der Islam hat darauf eine simple und verständliche Antwort: Diene Gott, führe ein gottgefälliges Leben, tue Gutes, sei friedvoll – dann kommst Du ins Paradis.“ Ein gerechtes System, wie die Yildirim findet.

Die Überzeugung kam mit dem gemeinsamen Gebet

Und eines, dass Regeln mit sich bringt. „Mein späterer Mann trank keinen Alkohol. Um Regeln zu beachten, braucht es Konsequenz. Das hat mich damals sehr beeindruckt.“ Trotzdem habe es gedauert, bis Yildirim zum Islam konvertierte: Der Schlüsselmoment hierzu liegt für sie an einem Tag im Winter 2001: Im Fastenmonat Ramadan besuchte sie eine Bremer Moschee. „Das gemeinsame Gebet der vielen Menschen hat in mir eine sehr starke Überzeugung ausgelöst.“ Einen Tag später spricht sie das islamische Glaubensbekenntnis und wird Muslima.

Eine Lebensentscheidung, die zum Bruch mit ihrer Familie führt. „Es war eine schwierige Zeit. Ich habe alle meine Freunde verloren. Als ich seit 2003 begann, ein Kopftuch zu tragen, waren meine Eltern geschockt. Sie wollten mich nicht mehr sehen.“ Erst als die Enkelkinder zur Welt kamen, Yildirim ist fünffache Mutter, änderte sich die Haltung ihrer Eltern. „Leider ist das Verhältnis heute trotzdem kühl.“ Eine Ersatzfamilie fand Yildirim in der muslimischen Gemeinde. „Ich habe zu vielen eine geschwisterliche Beziehung. Es ist viel mehr als eine Gemeinschaft.“

„Kirchensteuer zahlen? Das habe ich nicht eingesehen“

Waren es bei den beiden Frauen die Fragen, auf die sie in der katholischen Kirche keine Antworten fanden, war für Holger Hilke (56) der Grund, aus der Kirche auszutreten, der reine Frust. „Ich hab in meiner Lehrzeit gesehen, wie viel Geld von meinem Lohn für die Kirchensteuer abgezogen wird. Das fand ich unverschämt.“ Auch sonst, findet der Handelsvertreter, halte die Kirche gerne die Hand auf. „Ich habe es einfach nicht eingesehen.“ Mit 15 trat er aus der Kirche aus.

„Ich wurde schnell in der Gemeinde akzeptiert“

Es sei ja nicht so, dass in der islamischen Gemeinde kein Geld benötigt werde, „aber werden zum Beispiel neue Trikots für die Fußballer gebraucht, dann wird das auch so mitgeteilt.“ Der 56-Jährige, der in der Gemeinde nur Hamza gerufen wird, benannt nach dem Onkel des Propheten Mohammed, findet das transparenter. Hilkes Offenheit gegenüber dem Islam lässt sich auch mit seiner Frau erklären, die aus der Türkei stammt, und mit der er seit 30 Jahren verheiratet ist. „Ihre Eltern waren nicht begeistert, dass ihre jüngste Tochter mit einem Deutschen nach Hause kommt“, erzählt Hilke. „Aber das war vor 30 Jahren.“ Hilke wuchs ganz vorsichtig rein, wie der sagt. Nach acht Jahren Beziehung wurde er Moslem, ließ sich beschneiden, lernte das Beten von seiner Frau. „Als einziger Blondschopf in der Gemeinde wurde ich schnell akzeptiert“ sagt er.

Eine besondere Verbundenheit

Vor allem wiegt das Gemeinschaftsgefühl in der Gemeinde für den Handelsvertreter schwer. „Ich kann kommen, wann ich will, ich bin immer willkommen. Es gibt hier eine besondere Wärme. Die gibt für mich den Ausschlag. Ich fühle mich einfach sauwohl“, sagt Hilke. Ob beim Arbeitsdienst im Fastenmonat Ramadan, beim Fußballverein der Gemeinde, beim regelmäßigen Grillen: Hilke spürt zu vielen Gelegenheiten eine besondere Verbundenheit.

Das gilt besonders für das gemeinsame Gebet: Früher sei der 56-Jährige oft aufbrausend gewesen, heute habe sich das gelegt. Das Gebet sei wie eine Meditation, es verleihe Ruhe, aber auch „einen richtigen Vitaminschub“, schildert er. „Hier sind Geschäftsmänner mit Krawatte oder Männer, die Hartz-IV beziehen. Und alle berühren beim Gebet mit dem Kopf den Boden. Alle sind gleich, niemand ist besser als der andere. Das“, sagt Hilke überzeugt, „ist für mich ein ganz besonderes Gefühl.“


Die Mevlana-Gemeinde in Düsternort hat nach eigenen Angaben fünf konvertierte Frauen und drei konvertierte Männer in ihren Reihen. Insgesamt hat sie 450 Mitglieder, zu denen noch einmal rund 100 Geflüchtete kommen. fred

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