Zur Pogromnacht vor 80 Jahren Zeugen beriefen sich vor Gericht auf Erinnerungslücken

Von Sönke Ehmen

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Delmenhorst. In diesen Tagen wird der Opfer der Pogromnacht von 1938 gedacht. In Delmenhorst wurde nach Anweisungen der lokalen NS-Leitung die Synagoge an der Cramerstraße in Brand gesteckt.

Gegen 1 Uhr in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird die Delmenhorster Feuerwehr zu einem Brand an der Cramerstraße gerufen: Die Synagoge der jüdischen Gemeinde steht in Flammen. Doch die Feuerwehr beschränkt sich, auf Befehl von höherer Stelle, auf den Schutz der nebenstehenden Häuser. Und auch die etwa zeitgleich auf Motorrädern ankommende Polizei unterlässt alle Maßnahmen zur Rettung des Gebäudes.

Feuer zieht Schaulustige an

Der Schein der niederbrennenden Synagoge zieht schon bald Beobachter und Schaulustige an. Unter denjenigen, die sich das furchtbare Schauspiel ansehen, ist auch Bernhard Himmelskamp. 1928 hatte er die Synagoge im Auftrag der jüdischen Gemeinde bauen lassen und nun erlebt er, wie diese vom braunen Mob niedergebrannt wird. Andere Zuschauer haben sich, um das Geschehen besser beobachten zu können, auf das Dach des Schützenhofes begeben. Einer von ihnen ist der SA-Truppführer Otto Wilhelm Raddeck. Nach dem Krieg wurde er vom Oldenburger Schwurgericht angeklagt, letztlich aber aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

SA-Führer zu Haftstrafe verurteilt

Anders verhielt es sich bei Paul Emil Ross, SA-Führer von Delmenhorst und dessen Umland. Bei ihm sah das Gericht die Beweise für ausreichend an und verurteilte ihn daher zu einer Haftstrafe von einem Jahr und fünf Monaten. Doch zeigen die Dokumente des späteren Gerichtsverfahrens, dass neben diesen beiden und NSDAP-Kreisleiter Gustav Sturm nahezu die gesamte lokale NS-Elite und mit ihr auch Vertreter staatlicher Stellen teils aktiv und teils passiv an den Ereignissen jener Nacht beteiligt waren.

Attentat in Paris als willkommener Anlass

Der Hass auf Juden war für die Nationalsozialisten zentraler Bestandteil ihrer Weltanschauung. Nach der Machtergreifung 1933 steigerten sie von Jahr zu Jahr den Druck auf die jüdischen Mitbürger. Als ein Beamter der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, am 7. November 1938 Opfer eines Attentats durch den nach Frankreich emigrierten, in Deutschland aufgewachsenen polnischen Staatsbürger Herschel Grynszpan wurde, war dies der willkommene Anlass, den Druck erneut zu verstärken.

Jahrestag des Hitlerputsches

Von München aus, wo sich die NS-Elite zum Gedenken an den gescheiterten Hitlerputsch von 1923 versammelt hatte, ging an alle Dienststellen des Reiches der Befehl, einen spontanen Volkszorn zu inszenieren. So auch an Delmenhorst. Dort hatten sich am Abend des 9. November, einem Mittwoch, die örtlichen NS-Vertreter im Schützenhof versammelt, um den Jahrestag des Hitlerputsches zu begehen. Gegen 21.30 Uhr löste sich die Versammlung allmählich auf und ein Teil der SA-Angehörigen ging in ihre Sturmlokale.

In Zivilkleidung zur Burginsel

Emil Ross zog es mit seinen Adjutanten Beltin und Prunk ins Fitgerhaus am Marktplatz. Gegen 22.30 Uhr suchte sie eine Ordonnanz von Kreisleiter Sturm auf und wies sie an, ins nahe gelegene Restaurant Bretthauer zu kommen. Dort angelangt erhielten sie vom anwesenden Sturm die Anweisung, umgehend Zivilkleidung anzuziehen und sich sodann auf den Weg zur Burginsel zu machen. Auf diese Weise versammelten sich zwischen 23 und 23.30 Uhr etwa 20 bis 30 Mann in den Räumen der dortigen Berufsschule, in der auch Dienststellen der NSDAP untergebracht waren. Neben Ross, Prunk und Beltin zählten zu den Anwesenden Nicolaus Fink, Karl Segelhorst, Heinrich Grünhagen, Claus Hutfilter, Kurt Zielezniak, Heinrich Thümler, der Kaufmann Hermann Warrelmann und Dietrich Osterthun – allesamt Personen mit höheren SA-Dienstgraden oder Parteiämtern.

Order zur Brandstiftung von ganz oben

Nach einiger Zeit des Wartens erschien Sturm gemeinsam mit seinem Adjutanten Niehaus. Nachdem an die Anwesenden durch Hermann Warrelmann zwei Flaschen Korn und Zigaretten verteilt worden waren, trat der Kreisleiter vor und berichtete den Zuhörern, dass von höchster Stelle der Befehl ergangen sei, als Rache für das Attentat auf vom Rath die Synagogen des Landes anzuzünden, somit auch in Delmenhorst. In kleineren Trupps von zwei bis vier Mann sollten sich alle unauffällig zur Synagoge an der Cramerstraße begeben.

Feuerwehr sollte nur benachbarte Häuser schützen

„Im Anschluss hieran legte er den Anwesenden die Verpflichtung auf, über das Geschehene und über die Personen unbedingtes Stillschweigen zu bewahren. Zur Bekräftigung mussten sie den rechten Arm heben und einen Eid leisten“, heißt es über die Abläufe jenes Abends in einem Bericht der oldenburgischen Staatsanwaltshaft aus dem Jahr 1948.

Kurz nachdem sich der Saal der Berufsschule geleert hatte, erschien der Kreisfeuerwehrführer der Stadt, Karl Stöver. Kreisleiter Gustav Sturm unterrichtete diesen von der geplanten Aktion. Nach einem kurzen Einwand lenkte Stöver schließlich ein, der Feuerwehr den Befehl zu erteilen, im Brandfall lediglich die angrenzenden Häuser zu schützen.

Mit Benzin von der Tankstelle nachgeholfen

Im Anschluss machte sich Sturm auf den Weg zur Synagoge, wo er mit SA-Führer Ross zusammentraf. Es sollte nicht lange dauern, bis sie von namentlich nicht bekannten Männern erfuhren, dass die Synagoge nicht brennen wolle. Daraufhin begaben sich beide gemeinsam zur Tankstelle von Karl Walsemann, welche keine 200 Meter von der Synagoge entfernt war. Nach einigem Hin und Her konnten sie Walsemann zur Herausgabe von etwa 15 bis 20 Liter Benzin überreden, welches von anderen Männern sofort in Eimern zur Synagoge gebracht wurde. Als Walsemann am folgenden Tag seiner Frau Rosa von den Ereignissen der letzten Nacht erzählte, stellte diese die Kosten für das herausgegebene Benzin Ross in Rechnung. Später wurde der Betrag durch die Oldenburger SA-Standarte beglichen.

Bänke und Stühle in die Flammen geworfen

Nachdem das Feuer durch das herbeigebrachte Benzin seine ganze Kraft entwickelt hatte, wurden aus der angrenzenden jüdischen Schule Bänke und Stühle herausgeholt und in die Flammen geworfen.

Wer den Brand konkret legte, konnte im Prozess gegen Ross nicht festgestellt werden. Immer wieder beriefen sich die Zeugen auf Erinnerungslücken oder gaben an, bestimmte Abläufe nicht gesehen zu haben. Zugegeben wurde nur das, was absolut nicht zu leugnen war.

Mob zerstört Fensterscheiben

Neben dem Brandanschlag auf die Synagoge sind von Schaulustigen „in den Morgenstunden nach dem Brande dann die beiden Schaufensterscheiben des jüdischen Möbelgeschäftes Fink in der Langenstrasse im Zentrum der Stadt eingeschlagen worden. Wahrscheinlich hat man auch noch einige Scheiben von Privatwohnungen einiger Juden eingeworfen, jedoch lässt sich Näheres hierüber heute nicht mehr feststellen“, heißt es in einem Bericht der Kriminalpolizei Delmenhorst vom Dezember 1948.

Kein Platz mehr zum Leben in Deutschland

Bilder postierender SA-Männer, wie sie aus anderen Städten überliefert sind, gab es in Delmenhorst nicht. Vielmehr durchwühlten diese die Privatwohnungen der verschiedenen jüdischen Mitbürger auf der Suche nach interessanten Dingen. Zugleich sind durch die Gestapo in Zusammenarbeit mit der Kriminal- sowie der örtlichen Schutzpolizei 16 jüdische Mitbürger verhaftet und zunächst im Gerichtsgefängnis untergebracht worden. Einige Tage später kamen sie dann nach Oldenburg und von dort nach Esterwegen beziehungsweise Farge. Nach 14 Tagen konnten sie wohl zurückkehren, doch hatten ihnen die Ereignisse mit furchtbarer Deutlichkeit gezeigt, dass für sie in Deutschland kein Platz mehr zum Leben war.


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