Gedenken in Delmenhorst Zusammen für ein „Nie Wieder“

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Delmenhorst. Vor 80 Jahren haben in ganz Deutschland die Synagogen gebrannt. Die Jüdische Gemeinde Delmenhorst, Vertreter aus Politik und Religion und zahlreiche Schüler gedenken am Freitag der Reichspogromnacht.

Es ist eine kleine Geste, die Rabbinerin Alina Traiger zu Tränen rührte: Schüler der zehnten Klasse der Integrierten Gesamtschule (IGS) legten Steine auf den Mauern des jüdischen Friedhofs ab. „Wir wussten, dass das ein alter jüdischer Brauch ist. Das wollten wir auch machen“, sagte die 15-jährige Schülerin Ezra. Mitschüler Nico sah auch praktische Gründe: „Blumen verwelken, die Steine bleiben und erinnern.“ Und die Erinnerung an die Verbrechen der NS-Zeit, da waren sich die Schüler einig, sei ebenso wichtig wie Aufklärung in der Schule. „Natürlich wusste ich schon einiges“, sagte der 15-jährige Nico. Aber es sei schlicht unglaublich, dass die Juden für die Schäden der Reichspogromnacht selbst aufkommen mussten. Seit Anfang des Schuljahres beschäftigen sich die Zehntklässler der IGS mit dem Nationalsozialismus. „Ich glaube, dass auch heute noch viele Menschen rechte Gedanken haben“, ergänzte Nico. Sie suchten Schuldige für Probleme und da seien Minderheiten willkommene Opfer. Der 15-Jährige sagte: „Deswegen ist es auch gut, aber auch traurig, dass Kameras am jüdischen Friedhof hängen.“

Kreispfarrer Althausen warnt vor Phrasen

Dass rechtes Gedankengut aktueller denn je sei, stellte Kreispfarrer Bertram Althausen in seiner Rede in der Synagoge klar: „Rassistische Aussagen vergiften Familien und Freundeskreise.“ Da gebe es keine Floskeln oder Übertreibungen; die Wehrmacht dürfe zum Beispiel nicht neu bewertet werden. „Wir müssen das ernst nehmen“, forderte er.

„Es gibt Juden, die über Auswanderung nachdenken“

Pedro Benjamin Becerra, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, zeigte sich erschrocken über die gesellschaftliche Entwicklung. „Wer hätte gedacht, dass es wieder No-go-Areas für Juden in Deutschland geben würde?“, fragte er sich. Er erinnerte an Schändungen von jüdischen Friedhöfen, Polizisten vor Synagogen und Beleidigungen von jüdischen Kindern auf Schulhöfen. Es sei kein Wunder, dass Juden wieder über Auswanderung nachdenken. Dann wurde Becerra deutlich: „Ich bin nicht bereit, Deutschland zu verlassen, nur weil es hier Rechte gibt.“ Vielmehr müssten jetzt Fragen beantwortet werden: „Warum herrscht so viel Unwissenheit um die Geschichte des Landes? Ist es nicht mehr zeitgemäß, sich mit dieser Episode der deutschen Geschichte zu beschäftigen?“, zählte er die Fragen auf.

Schüler treten rechter Hetze entgegen

Anknüpfend an eine alte jüdische Tradition legen die Schüler Steine auf die Friedhofsmauer. Foto: Melanie Hohmann

Die Schüler der IGS sind entschlossen, rechten Gedanken entgegenzutreten. „Da ist Kindern noch bevor das Leben angefangen hat ihr Leben genommen worden“, begründete die 15-jährige Ezra ihre Entschlossenheit. Wenn viele so handeln, seien irgendwann auch keine Kameras an jüdischen Friedhöfen nötig.


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