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Ex-Pfleger gesteht Mordserie Prozessauftakt stellt die Frage nach Glaubwürdigkeit Högels

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Niels Högel kam mit seiner Anwältin Ulrike Baumann in den Gerichtssaal. Dabei versteckte er sein Gesicht hinter einer Akte. Foto: Julian Stratenschulte/dpaNiels Högel kam mit seiner Anwältin Ulrike Baumann in den Gerichtssaal. Dabei versteckte er sein Gesicht hinter einer Akte. Foto: Julian Stratenschulte/dpa 

Delmenhorst/Oldenburg. Todespfleger Niels Högel hat schon zum Prozessstart in Oldenburg umfassend ausgesagt und einen Großteil der ihm vorgeworfenen 100 Morde gestanden. In den nächsten Wochen wird es auch um die Glaubwürdigkeit Högels gehen.

Am ersten Verhandlungstag gegen den mutmaßlichen Serienmörder Niels Högel hat sich der Angeklagte selbst geäußert. Dabei ging es nicht um die ihm vorgeworfenen 100 Morde im einzelnen, sondern um seine Kindheit in Wilhelmshaven, um die erste Zeit als Krankenpfleger im Oldenburger Klinikum – und um die Ursprünge seines Medikamentenmissbrauchs.

Högel räumt die vorgeworfenen Taten mehrheitlich ein

Die wohl wichtigste Frage stellte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, nachdem sich Högel detailliert geäußert hatte: „Treffen die Vorwürfe Ihnen gegenüber mehrheitlich zu?“. „Ja“, antwortete er. Um Einzelfälle ging es nicht. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor die Anklage verlesen. 100 Fälle wurden - so kompakt es eben ging - kurz und knapp dargestellt. Von 9.30 bis 10.50 Uhr zog sich deren Verlesung hin.

(Weiterlesen: Live-Ticker zum Prozessauftakt der Högel-Morde)

Högel habe „Potenzial für mehr“

Högel sprach ausführlich über seine Zeit als Kind, Heranwachsender und junger Erwachsener in Wilhelmshaven. Er erzählte davon, wie er schon früh durch seinen Vater und seine Großmutter geprägt worden sei, die ebenfalls in der Krankenpflege tätig waren, wie sich sein Berufswunsch schon früh herausgebildet habe. Einen Druck, die Erwartungen dieses traditionellen Familienbildes zu erfüllen, habe er aber nie gespürt. Mit 17 begann er 1994 seine Ausbildung im St. Willehad-Hospital in Wilhelmshaven, 1997 schloss er sie ab. Bis 1999 legte er berufsbegleitend eine Ausbildung zum Rettungsassistenten nach. Högel gehöre auf eine Intensivstation, habe Potenzial für mehr, habe ihm damals der damalige Pflegedirektor der Klinik gesagt, schilderte der Angeklagte. Eine Station, die es in dem kleinen Krankenhaus in Wilhelmshaven nicht gab. „Im Grunde hat er recht“, resümierte der ehemalige Pfleger vor Gericht. Der Vorgesetzte empfahl ihm, ans Oldenburger Klinikum zu gehen.

Angeklagter wollte zur Pfleger-Elite der Station gehören

Högel folgte dem Rat, wenngleich er sich in Wilhelmshaven mit Krankenpflegerjob und als Rettungsassistent ausgefüllt fühlte, wie er sagte. Am Oldenburger Klinikum sei ihm gleich eine sehr angespannte Stimmung in der Intensivstation aufgefallen. „Pflegekräfte fehlten, es herrschte ein großer Leistungsdruck.“ Högel sprach von einer „Pflegerelite“, zu der er gehören wollte, eine Gruppe besonders fähiger Krankenpfleger mit „besonders dickem Panzer“. In dieser Zeit steigerte sich sein Medikamentenmissbrauch auf ein problematisches Niveau. Kam er schon in seiner Ausbildung mit Opiaten in Kontakt, nahm er nun immer mehr. „Mit den Medikamenten fiel es mir leichter, mit dem Leistungsdruck und dem Stress umzugehen. Ich fühlte mich ein Stück weit euphorisch“. Und er sagte auch über seine Tätigkeit: „Ich habe gegen das verstoßen, was ich in der Ausbildung gelernt habe.“ Die Sprache auf der Intensivstation verdingliche die Patienten, die Pflege am Menschen rücke in den Hintergrund, die Abläufe hätten einfach funktionieren müssen. Wie es zur ersten „Manipulation am Patienten“ kam, wie Högels Morde vor Gericht genannt werden, wurde nicht angesprochen.

Persönliches Trauma und Leistungsdruck

(Weiterlesen: Themenportal zu den Taten des Ex-Pflegers Niels Högel)

In dieser Zeit trennte sich seine damalige Freundin von Högel, mit der er in Wilhelmshaven zusammenlebte. „Ein traumatisches Erlebnis, wie mir erst später bewusst wurde“, sagte er in der Rückschau. Högel suchte sein Heil in der Arbeit. Auch wenn er heute sagt, dass er nicht auf die Intensivstation gehört hätte, gestand er sich das damals nicht ein. „Wenn die Kollegen das auch können, dann ist das eben so. Dann muss ich es auch schaffen.“ Dass er im problematischen Maße Opiate einnahm, sei niemandem aufgefallen. Er habe nicht gesehen, dass er immer mehr nahm, dass sich seine Persönlichkeit geändert habe. „Ich war nie cholerisch, aber schneller reizbar.“

Kardio-Konferenz: Högel fühlt sich ertappt

Vor Gericht fragte Richter Sebastian Bührmann genauer nach der sogenannten Kalium-Konferenz: Nach Schilderung Högels soll in Oldenburg im August 2001, kurz bevor er von der Intensiv- zur Anästhesiestation gewechselt sei, der Fall eines Verstorbenen mit gesteigerten Kaliumwerten debattiert worden sein. Eine Situation, in der Högel gedacht habe: „Jetzt kommen sie mir auf die Schliche.“ Einen konkreten Verdacht gegen ihn soll es aber nicht gegeben haben.

Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand

In den kommenden Wochen wird es vor Gericht auch um die Glaubwürdigkeit von Högels Angaben gehen. Dass daran in einigen Punkten Zweifel bestehen, wurde zur Auftaktverhandlung deutlich. Ganz besonders an diesem Punkt: Högel hatte in den Verfahren in den Vorjahren nur von Taten in Delmenhorst gesprochen, nie aber über seine Verbrechen im Oldenburger Klinikum. Högel habe aus Scham geschwiegen, aber auch, weil er sich schlicht nicht mit den Taten befassen wollte, er habe sie verdrängt. Erst als er sich in Haft mit den Krankenakten aus der Oldenburger Zeit befasst habe, sei die Erinnerung zurückgekommen. Eine Antwort, die das Gericht und auch die Nebenklage nicht zufriedenstellte.

Högels Wechsel nach Delmenhorst verlief zufällig

Enormes Medieninteresse: Opfer-Anwältin Gaby Lübben gab vor dem Prozessauftakt Interviews. Foto: Sascha Sebastian Rühl.

Högels Wechsel nach Delmenhorst, mit gutem Zeugnis aus Oldenburg, verlief eher zufällig: Er habe sich in der Region beworben, Delmenhorst sagte am schnellsten zu. „Eigentlich wollte ich mit den Manipulationen nicht wieder anfangen. Im Gegenteil.“ Högel habe die Stelle in Delmenhorst als letzte Chance gesehen, „sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, trotz aller Taten“. Dann aber wird er bei einer Notsituation gefordert, sagte er vor Gericht: Ein Patient habe seiner Schilderung nach Atemschwierigkeiten gehabt. Die Aufgabe zu Intubieren, überlässt der Arzt Högel. Dieser übernimmt die Aufgabe widerwillig. Der Patient überlebt. „Es gab viel Lob für mich. Das euphorische Gefühl war wieder da.“ Dies ist der Auftakt der Mordserie in Delmenhorst. Sieben Tage nach Dienstantritt im Dezember 2002 tötet Högel laut Staatsanwaltschaft das erste Mal im früheren Delmenhorster Klinikum.


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