Interview vor Högelprozess Christian Marbach: „Sehe verletzende Ignoranz gegenüber Angehörigen“

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Erwartet mehr Aufklärung im Justizversagen im Fall Högel: Christian Marbach von der Interessengemeinschaft Klinikmorde, der seinen Großvater an Högel verloren hat. Sein Angehöriger wurde auf dem Friedhof in Deichhorst begraben. Foto: Frederik GrabbeErwartet mehr Aufklärung im Justizversagen im Fall Högel: Christian Marbach von der Interessengemeinschaft Klinikmorde, der seinen Großvater an Högel verloren hat. Sein Angehöriger wurde auf dem Friedhof in Deichhorst begraben. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst/Oldenburg. 126 Angehörige von Opfern des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel werden am Dienstag, 30. Oktober, zu Prozessbeginn erwartet. Im Interview mit unserer Redaktion erzählt Christian Marbach über seinen persönlichen Verlust, warum er sich mehr Verbundenheit zwischen Angehörigen und Josef-Hospital wünscht – und wann er selbst mit dem Fall abschließen kann.

Wenn am Dienstag, 30. Oktober, der Prozess gegen Niels Högel beginnt, ist dies auch ein Schritt für die Angehörigen der Opfer, ihr Leid zu verarbeiten. Christian Marbach (48) hat seinen Großvater an Högel verloren. Der Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Klinikmorde erzählt im Interview mit dem dk, wie er zum heutigen Delmenhorster Josef-Hospital und früheren Klinikum steht, was er sich von dem Prozess erhofft – und warum er denkt, dass Högel doch noch gegen ehemalige Kollegen aussagen wird.

Christian Marbach (48) verlor seinen Großvater 2003 an Niels Högel. Der Banker und Diplom-Kaufmann tritt seit 2014 als Sprecher der IG Klinikmorde in Erscheinung und ist somit Stimme für viele Angehörige von Högels Opfern.

dk: Herr Marbach, unter der Woche hat das Oldenburger Staatstheater angekündigt, den Fall Högel auf die Bühne zu bringen. Der Intendant Christian Firmbach hat sich entschuldigt, nicht vorher die Angehörigen der Opfer informiert zu haben. Nehmen Sie die Entschuldigung an?

Christian Marbach: Ja, ich bin damit zufrieden. Wir haben unsere Kritik klar gemacht. Wir wollen nun ausloten, ob und wie es eine Zusammenarbeit zwischen Theater und Angehörigen geben kann. Das Theater wird nicht gegen unsere Interessen arbeiten.

Was erwarten Sie vom Prozess?

Nach dem Prozess wird Högel nie mehr ein freier Mann sein. Wenn das Urteil gesprochen ist, werden wir Angehörige mit dem Thema hoffentlich abschließen können. Das ist das eine. Das andere ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Polizei und Staatsanwaltschaft wussten seit 2005 alles, sie hatte den Mörder, sie hatten Zeugen, aber die Staatsanwaltschaft tat nichts. Es wird darum gehen, dieses Justizversagen noch genauer aufzudecken. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wurde über Jahre wie ein Saustall geführt, eine Dienstaufsicht war nicht vorhanden.

Wie, glauben Sie, wird sich Högel im Prozess verhalten?

Niemand weiß mehr darüber, wer ihm die Morde ermöglicht hat, als Högel selbst. Bislang schweigt er, was die Mitschuld von ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten betrifft. Ich stehe brieflich mit ihm in Kontakt. Er hat mir versprochen, im Folgeprozess auszusagen und sie alle reinzureißen.

Sie haben ihren Großvater durch Högel verloren. Können Sie uns Ihren Fall kurz schildern?

Im Herbst 2003 wurde er ins Delmenhorster Klinikum eingeliefert. Eine Magen-Darm-OP, nichts Lebensgefährliches. Nach 14 Tagen sollte er entlassen werden. Dann musste er plötzlich reanimiert werden. Von Högel, wie wir später erfuhren. Zwei Tage später noch einmal, da starb er an Herzversagen. Högel hat meinen Großvater quasi zweimal ermordet. Meine Tante arbeitete als Schwester in dem Krankenhaus. Als Högel 2005 gefasst wurde, besorgte sie sich seine Dienstpläne. Da hatten wir Gewissheit. Unser Wissen haben wir damals auch an die Polizei weitergegeben.

Hegen Sie einen Groll gegen das Delmenhorster Krankenhaus?

Sehen Sie, das Tragische ist, dass Högels Morde in keiner Weise die Arbeit der Menschen betreffen, die heute dort arbeiten. Die allermeisten leisten gute Arbeit. Das Klinikum war immer unser Klinikum. Viele in meiner Familie sind dort geboren. Trotzdem werfe ich einzelnen Verantwortlichen vor, Zeugen und ehemalige Kollegen Högels einschüchtert zu haben, um Schaden von dem Haus abzuwenden. Und ich wüsste nicht, warum es diese Einschüchterungskultur heute nicht mehr geben sollte. Zur Aufklärung hat das Klinikum bislang nichts beigetragen. Die wussten ja auch seit 2005 von den über 200 Todesfällen.

Aber Konsequenzen wurden doch gezogen: Die zweite Leichenschau wurde eingeführt, es gibt einen Stationsapotheker, ein anonymes Meldesystem für Mitarbeiter ...

Das ist sicher richtig. Und diese Maßnahmen halte ich für sehr gut. Aber einen richtigen Schulterschluss zwischen Krankenhaus und Angehörigen und auch der Stadt Delmenhorst, den vermisse ich bis heute. Die Vertrauensbasis fehlt. Dabei würde sie allen Beteiligten guttun. Generell bemerke ich eine verletzende Ignoranz gegenüber den Angehörigen. Nehmen Sie die Gedenkstätte für Högels Opfer in der Graft. Sie ist schäbig und dezentral. Ein solches Denkmal gehört an die Klinik oder ans Rathaus.

Wird es einen Zeitpunkt geben, an dem Sie sagen, der Fall ist zu Ihrer Zufriedenheit erledigt?

Ich persönlich sehe Meilensteine: 1. Die Taten Högels sind durchverhandelt. 2. Die Schuldigen für den Tod unserer Familienmitglieder werden zur Verantwortung gezogen – das sind für mich neben Högel die früheren Verantwortlichen des Klinikums Oldenburg, die ihn nach Delmenhorst weglobten. Und 3.: Alles Erlebte in dem Fall, also nicht nur das strafrechtlich relevante, werde ich in einem Buch aufschreiben und veröffentlichen. Bis dahin kann es aber noch Jahre dauern.


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