1968: OB von der Heyde tritt zurück Hoher Respekt am Ende einer Ära im Delmenhorster Rathaus

Von Sönke Ehmen

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Delmenhorst. Er hat die Entwicklung Delmenhorsts nach dem Krieg entscheidend mitgeprägt: Wilhelm von der Heyde. Im Oktober 1968 trat der Sozialdemokrat als Oberbürgermeister zurück.

Alle Anwesenden spürten die Besonderheit des Augenblicks, als Senator Gustav Brickwede vor dem versammelten Rat die Stimme erhob: „Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister von der Heyde! Das war soeben Ihre letzte Amtshandlung. Sie scheiden nunmehr aus dem Rat der Stadt Delmenhorst aus, dem sie von 1919 bis 1933 und nach dem Zweiten Weltkrieg von 1946 bis zum heutigen Tag angehört haben. Als Zeichen unserer Ehrerbietung erheben wir uns alle von den Plätzen, wenn Sie den Saal verlassen.“

Begleitet von Brickwede und Oberstadtdirektor Wilhelm Rathje schritt Wilhelm von der Heyde, „der große alte Mann der Delmenhorster Kommunalpolitik“, sodann aus dem großen Sitzungssaal des Rathauses.

Die Nöte der Menschen im Blick

Mit diesem Tag, dem 28. Oktober 1968, endete eine Ära der Delmenhorster Stadtgeschichte. Fast 50 Jahre hatte der Sozialdemokrat das politische Leben der Stadt begleitet und mitbestimmt, davon über 20 Jahre in der Funktion des Oberbürgermeisters.

Die Nöte der Menschen im Blick haben, das war zeitlebens Maxime seines Handelns. „Man muss diese Unzufriedenheit begreifen, angesichts der großen Ungleichheit von Milliardären auf der einen und 200-DM-Rentnern auf der anderen Seite, angesichts des in weiten Teilen der Welt wie in Südamerika und Afrika noch heute in Reinkultur herrschenden Feudalismus und angesichts der noch immer existierenden Ungleichheit der Bildungschancen.“ Diese Worte, die von der Heyde 1968 in einem Interview äußerte, haben auch nach 50 Jahren nichts an Bedeutung verloren und verraten etwas über seine Besonderheit als Politiker.

Schwierige Situationen gemeistert

Verständnis haben, weil es eben nicht allein eine Wahrheit gibt, zuhören können und sich erst sodann ein Urteil bilden – immer wieder kam ihm diese Überzeugung in schwierigen Situationen zugute. So auch, als am 3. Februar 1968 Teile der Delmenhorster Jugend lautstark gegen die Fahrpreiserhöhungen des Busunternehmens Sager protestierten. Angeführt von dem 17-jährigen Gymnasiasten Hilmer Hedenkamp hatten sich zahlreiche Jugendliche am Nachmittag auf dem Rathausplatz versammelt, um gegen die neuen Bustarife zu protestieren. War die Protestaktion anfangs noch in ruhigen Bahnen verlaufen, so drohte sie am Ende doch noch zu kippen.

1968 Unmut in ruhigere Bahnen gelenkt

Auf der Koppelstraße blockierte der jugendliche Fahrer eines Motorradrollers einen Omnibus und völlig unvermittelt warf sich ein anderer Demonstrant vor die Räder eines bereits haltenden Busses. Zeitgleich demonstrierten lautstark andere Jugendliche auf der Bismarckstraße und hinderten die Busse an der Weiterfahrt. Spontan verließ von der Heyde in dieser so schwierigen Situation seine Amtsräume und ging auf die Demonstranten auf dem Rathausplatz zu. Noch heute zollen die Bilder Achtung und Respekt gegenüber dem Mut des 82-jährigen Oberbürgermeisters. Eingerahmt von einer ganzen Traube Jugendlicher, hörte er sich deren Einwände an und verstand es, dank seiner Glaubwürdigkeit, den Unmut aufzufangen und in ruhigere Bahnen umzuleiten.

Rückkehr in die Politik nach den NS-Jahren

Woher wir kommen, erzählt viel über den Weg, den wir gehen. Die Erfahrungen, welche von der Heyde im Laufe seines Lebens gesammelt hatte, gerade in seinen frühen Lebensjahren, halfen ihm, den Blick für soziale und gesellschaftliche Probleme zu öffnen.

Geboren am 14. Dezember 1885 in Hadmersleben in Sachsen-Anhalt als Sohn eines Lagerverwalters, führte ihn der „Protest gegen die Unterbewertung des arbeitenden Menschen“ in die Politik. Aktive Schritte ins politische Leben unternahm er jedoch erst nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs, als er erstmals in den Rat der Stadt Delmenhorst gewählt wurde.

Unter den Nazis alle Ämter verloren

Der Machtantritt der Nationalsozialisten hatte für ihn den Verlust all seiner politischen Ämter zur Folge und erschütterte ihn auch existenziell, er verlor seine Anstellung im Bauamt. Ungebrochen begann er sich aber sofort nach Ende der NS-Herrschaft wieder politisch zu engagieren.

Es war daher der Ausdruck einer tiefen Dankbarkeit für sein lebenslanges Wirken, als ihm am 13. Dezember 1968 das Ehrenbürgerrecht durch den Rat der Stadt verliehen wurde. Und tief waren Trauer und Betroffenheit unter den Delmenhorstern, nachdem sich am 24. Februar 1972 die Nachricht von seinem Tode herumgesprochen hatte.


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