Versorgungslage im Ersten Weltkrieg Als in Delmenhorst Lebensmittel immer knapper wurden

Von Paul Wilhelm Glöckner

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Delmenhorst. Versorgungsengpässe erschwerten den Delmenhorstern im Ersten Weltkrieg zunehmend den Alltag. Mit Bezugsscheinen wurden wichtige Lebensmittel rationiert.

Selten wohl ist es den Delmenhorster Einwohnern so schlecht gegangen, wie in den Jahren zwischen 1914 und 1918. In seiner Stadtgeschichte hat darüber Edgar Grundig ausführlich berichtet. Es war daher wohl zwangsläufig, dass die Stimmung immer mehr sank und schließlich auch hier sich Anfang November 1918 die Revolution Bahn brach.

Dass es anders als während des Zweiten Weltkrieges zu immer neuen Engpässen bei der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Kleidung, Feuerung und dergleichen mehr kam, lag nach Grundig vor allem an der völlig unzureichenden Vorbereitung der Verwaltung auf einen Krieg: „Es handelte sich dabei um Neuland, das nie zuvor betreten worden war, zögernd und tastend tat man die ersten Schritte.“ Niemand hatte unter den Verantwortlichen wohl auch damit gerechnet, dass die englische Flotte mit ihrer Seeblockade die notwendigen Importe unmöglich machen würde.

Es gab kaum noch Mehl zu kaufen

Schon kurz nach Kriegsausbruch brachten Angstkäufe die ersten Versorgungsengpässe mit sich. Auch fehlte es an Klein- und Hartgeld. Bohnen und Erbsen verknappten sich, und es gab kaum noch Mehl zu kaufen, weil die Mühlen nur noch für den Heeresbedarf liefern durften. So war die Brotversorgung gefährdet. Und Anfang 1915 durften Kuchen nur noch 50 Prozent Roggen- oder Weizenmehl enthalten. Die Backmasse war durch Kartoffel- oder Reismehl zu ergänzen.

Vom Stadtmagistrat wurde eine Brot- und Mehlverbrauchsordnung erlassen und bald darauf die Brotkarte eingeführt, die zunächst von den Schülern verteilt worden ist. Wöchentlich standen Kindern 1,5 Kilo Brot zu, die Erwachsen erhielten 2,25 Kilo, Schwerstarbeiter etwas mehr. 1916 hat sich diese Quote allerdings für kurze Zeit verbessert.

Preisspekulation bei Kartoffeln

„Ein wahres Kreuz“, so Grundig, ist auch die Kartoffelversorgung gewesen. Es gab nie genug von den Knollen, daher setzte hier besonders die Preisspekulation ein. Höchstpreisverordnungen halfen nicht, „Spätkartoffeln wurden zu früh gerodet, Futterkartoffeln kamen als Speisekartoffeln auf den Tisch“. Aus der schlechten Ernte 1916 resultierte dann der sogenannte Steckrübenwinter, die Zeitungen überboten sich mit Rezepten für diese Ersatzfrucht, in den Haushalten mochte man sie trotzdem bald nicht mehr essen.

Seit Ende Januar 1917 hat auch die Stadt Steckrüben verkauft. Ein Zentner kostete vier Mark, als aber auch hier die Vorräte versiegten, wurden die Reste beschlagnahmt und wer noch welche hatte, durfte nach der Anordnung täglich nur noch ein Pfund davon verbrauchen. Ein wenig besser scheint es 1918 nach den Worten eines Ratsherrn mit der Kartoffelversorgung geworden zu sein.

Dänische Mastochsen verbesserten die Lage

Naturgemäß brach auch bald die Fleischversorgung ein. Futtergetreide fehlte, den Städten und Gemeinden wurde eine Vorratshaltung von Dauerwaren auferlegt. Vor allem Leberwurst wurde von der Stadt vorgehalten und verkauft. „In Gastwirtschaften durften montags und donnerstags keine mit Fetten gebratenen Fleisch- und Fischgerichte angeboten werden, an Sonnabenden keine aus Schweinefleisch.“ Nach der 1916 eingeführten Fleischkarte wurden wöchentlich pro Kopf 375 Gramm Fleisch und 125 Gramm Wurst verteilt, Kinder waren ausgenommen.

Da auch die Butter sehr knapp war, gab es hierfür seit 1916 Gutscheine, Schmalz und Margarine sollten aushelfen, wurden aber immer schlechter in ihrer Qualität. Die Stadt verkaufte auch Speck und versorgte sich mit dänischen Mastochsen, sodass kurzzeitig eine bessere Lage eintrat, was aber eine Berliner Zeitung übel vermerkte, da es dort natürlich noch viel schlimmer aussah.

„Raffgier und Not reichten sich die Hände“

Jenen Schwankungen hat die Delmenhorster Bevölkerung mit vielen Hamstereinkäufen im ländlichen Umland zu begegnen versucht. Aber „Raffgier und Not, Rücksichtslosigkeit und schamlose Selbstsucht reichten sich (dabei) die Hände“, berichtet Grundig und klagt über deren Auswüchse.

Und auch für Bekleidung gab es im dritten Kriegsjahr Bezugscheine, daher hatte noch vor Einführung der Kleiderkarte in Delmenhorst ein „gewaltiger Ansturm“ auf die Geschäfte eingesetzt. Sammelaktionen sollten hier helfen, doch damit konnte der Bedarf nicht befriedigt werden, zumal es auch Schuhe immer weniger gab. Das Leder fehlte, selbst Papier wurde zur Herstellung genommen.

Am 8. November 1918 wehten rote Fahnen

Zu diesen immer schlechter werdenden Verhältnissen trat auch noch die Kohlennot hinzu. Delmenhorst erhielt im Monat 600 bis 800 Kilo, das reichte natürlich nicht. Um Strom zu sparen, wurden wieder Petroleum und Karbidlampen eingesetzt. 1917 gab es erste Gassperrungen, Lichtreklame wurde verboten, die Straßenbeleuchtung eingeschränkt.

Es wurde immer trostloser, sodass der Ruf nach baldigem Kriegsende innerhalb der Bevölkerung immer mehr zunahm, zumal auch viele Familien längst den Verlust ihrer Lieben an der Front zu beklagen hatten.

Der lange vorhandene Glaube an den Sieg schwand auch in Delmenhorst immer mehr. Am 8. November 1918 wehten rote Fahnen über der Stadt, Tausende von Demonstranten versammelten sich auf dem Neuen Markt zu einer revolutionären Großkundgebung. Über diese Demonstration und deren Folgen wird noch zu berichten sein.


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