dk-Interview zum Missbrauchsskandal Delmenhorster Pfarrer: „Ich schäme mich für meine Kirche“

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Die Missbrauchsstudie der katholischen Studie legte die mehr 3700 Vergehen offen. Symbolfoto: Uwe Zucchi/dpaDie Missbrauchsstudie der katholischen Studie legte die mehr 3700 Vergehen offen. Symbolfoto: Uwe Zucchi/dpa

Delmenhorst. Tausende Missbrauchsfälle erschütterten und erschüttern die katholische Kirche. Die Missbrauchsstudie legte fast 3700 Vergehen offen. Der leitende Pfarrer in Delmenhorst äußert sich zur Studie.

Guido Wachtel entschied sich früh für den Priesterberuf: 1988 legte er sein Abitur ab und studierte anschließend Theologie in Münster. 1996 empfing er die Priesterweihe durch den späteren Papst Benedikt XVI. Im dk-Interview spricht er über Missbrauch, Moral und Glaubwürdigkeit.

3677 Kinder und Jugendliche wurden von katholischen Priestern, Ordensleuten und Diakonen zwischen 1946 und 2014 in Deutschland sexuell missbraucht. 4,4 Prozent aller Kleriker in diesem Zeitraum werden beschuldigt. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Zahlen hören?

Guido Wachtel: Ich bin geschockt, ärgerlich und frage mich, wie das passieren kann. Die Gemeinde war für mich immer ein Schutzraum, auch in meiner Jugend. Die Kirche predigt hohe Ideale – und einige Priester halten sich nicht dran. Die Fallhöhe zwischen Anspruch und Realität ist deswegen besonders hoch. Es kann niemand mehr behaupten, es seien Einzelfälle. Wir reden über jahrelanges Systemversagen.

Hat sich Ihr Verhältnis zur Kirche verändert?

Teilweise, ich schäme mich für meine Kirche. Ich glaube nicht, dass ich persönliche Schuld auf mich geladen habe, aber ich hänge in dem Laden mit drin. Das Grundvertrauen ist nicht mehr bei allen da.

Unterhalten Sie sich mit anderen Priestern über die Missbrauchsstudie?

In Dienstgesprächen ist das immer wieder ein Thema. Aber auch mit anderen Kollegen und hier vor allem mit älteren Priestern. Die Studie reicht ja 70 Jahre zurück.

Die Studie führt die strikte Sexualmoral nicht als Grund, aber als begünstigend für Missbrauch an. Was denken Sie über diese Schlussfolgerung?

Die Wissenschaftler legen nahe, dass sich Menschen mit einer unausgereiften Sexualität in den Priesterberuf flüchten. Für mich ist das daher ein großes Thema in der Priesterausbildung. Diese Kandidaten müssen ausgesiebt werden.

Kann sich die Kirche überhaupt noch leisten Priester abzulehnen?

Das muss sie. Aber eine Mehrheit verlässt ohnehin das Priesterseminar, weil sie feststellt, dass es nicht passt.

Auch der Zölibat wird als begünstigend angeführt. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ich habe diese Lebensform mit sehr viel Liebe gewählt. In der katholischen Kirche und anderen Kirchen gibt es auch andere Modelle. Wenn Priester heiraten, kann ich ohne Neid darauf schauen.

Das ist keine Entbehrung?

Manchmal schon. Ich erlebe die gleichen Dinge wie verheiratete Menschen. In einer Ehe werden auch nicht alle Wünsche erfüllt. Das sind bei mir die gleichen Dynamiken. Natürlich fällt es mal leichter und mal schwerer.

Auch Homosexualität wird in der Studie thematisiert. Wäre es hilfreich, wenn sich die Kirche ihnen gegenüber öffnet?

Ja, und ich glaube, da ist viel in Bewegung. Wir müssen offen darüber reden, dass es Homosexualität gibt – und diese Menschen dürfen nicht abgewertet werden. Soweit sind wir aber noch nicht.

Hat sich Ihre Loyalität zu der Kirche verändert?

Nicht unbedingt. Wenn sich seit den ersten Fällen 2010 nichts geändert hätte und sich auch jetzt nichts verändert, dann wäre ich schwer enttäuscht. Das Bistum Münster hat aber in den vergangenen fünf Jahren alle Hauptamtlichen geschult und Selbstverpflichtungen aufgesetzt. Ich selbst war erst vor zwei Wochen auf einer Auffrischungsschulung in Sachen Prävention.

Was ist Inhalt der Schulung?

Zwei Fachfrauen, die seit über 20 Jahren im Rahmen der Therapie und Justiz mit Opfern und Tätern arbeiten, haben uns die Muster des Täters erklärt. Kein Missbrauch ist zufällig: Die Täter bauen ein Vertrauensverhältnis zu dem ausgesuchten Opfer aus und wiegen das Umfeld in Sicherheit. Dafür wurden wir sensibilisiert. Im zweiten Teil ging es um Handlungsweisen: Wie ist die Meldekette? Wer sind die Ansprechpartner? Einen hundertprozentigen Schutz kann es laut Experten nicht geben, aber wir können es den Tätern schwerer machen. Hier ist das Bistum Münster schon sehr weit. Außerhalb der Schulungen müssen wir ein institutionelles Schutzprogramm schreiben.

Ist es nicht traurig, dass die Kirche eine Vorreiterrolle in Sachen Prävention sexuellen Missbrauch einnehmen muss?

Wir müssen es tun, wenn wir nicht jede Glaubwürdigkeit verlieren wollen. Der Missbrauch zerstört Leben. Natürlich ist das eine große Aufgabe, aber bislang konnten schon 50.000 Menschen im Bistum geschult werden. Außerdem gibt es unabhängige Ansprechpartner.

Wie tragen Sie das Thema in die Gemeinde?

Ich habe zwei Predigten gehalten – und ich habe die Tatsachen deutlich benannt. Ich habe auch klargestellt, dass ich verstehe, wenn Menschen austreten. Der Missbrauch ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Jährlich werden 13.000 Fälle angezeigt. Aber ich habe über die Präventionsmaßnahmen gesprochen, die Mut machen.

In Delmenhorst kamen 2011 mehrere länger zurückliegende Missbrauchsfälle durch einen Kirchenmann ans Licht. Sind Sie mit dem Thema vertraut?

Ja, ich wohne am Tatort. Das Thema kommt mir also räumlich sehr nah, und der Missbrauch ist nichts Theoretisches mehr. Es ist fast eine tägliche Erinnerung.

Ist das Thema in der Gemeinde wieder hochgekocht?

Ich habe eine der Predigten in der Kirche Allerheiligen gehalten. Das ist mir in der St.-Marien-Kirche leichter gefallen. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder die Gottesdienstbesucher hören zu oder verlassen unter Protest den Saal. Alle sind geblieben, und es war ein Bedürfnis darüber zu sprechen.

Wie waren die Reaktionen?

Ich habe nachher gehört, dass viele die Offenheit der Predigt geschätzt haben. Einige sagten aber auch: „Das hätte ich mir früher gewünscht“.

Sehen Sie sich in einer besonderen Verantwortung?

Natürlich, es ist meine Aufgabe das Thema präsent zu halten. Auf der Website und in der Kirche sind die Ansprechpartner für Missbrauch zu sehen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Kirche?

Pfarrer Guido Wachtel ist leitender Pfarrer der katholischen Gemeinde in Delmenhorst. Foto: Marie Busse

Offenheit. Wir müssen offen in die Vergangenheit blicken. Und auch Offenheit für die Zukunft: Das Thema muss präsent bleiben. In dieser Offenheit kann ein Schutzraum für Kinder und Jugendliche entstehen.


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