Besuch im Autismuszentrum Delmenhorst Wie es ist, mit Autismus zu leben

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Im Autismuszentrum lernt Mark (Name geändert) von Bettina Paul, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Dabei helfen die Gefühlskarten. Foto: Vincent BußIm Autismuszentrum lernt Mark (Name geändert) von Bettina Paul, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen. Dabei helfen die Gefühlskarten. Foto: Vincent Buß

Delmenhorst. Autismus prägt das Leben – sowohl von Betroffenen als auch von deren Angehörigen. Während Therapiegesprächen im Autismuszentrum Delmenhorst wird das deutlich.

Katzenfutter ist nicht unbedingt bekannt dafür, Unruhe zu stiften. Doch den Zwölfjährigen Mark (Name geändert) belastete es eine lange Zeit: Der Delmenhorster dachte, Katzenfutter bestünde aus Katzen. „Das wäre ja schlimm“, findet er. Mark nimmt Ausdrücke oft wörtlich, denn er ist Autist. Seit eineinhalb Jahren kommt er deshalb zur Sozialpädagogin Bettina Paul in ihr Delmenhorster Autismuszentrum zur Therapie.

„Autisten können nicht gut intuitiv erschließen“, erklärt Paul. Das macht sich nicht nur bei Sprichwörtern, Redewendungen und Ironie bemerkbar, sondern zum Beispiel auch bei non-verbaler Kommunikation. Die Sozialpädagogin verwendet in der Therapie deshalb sogenannte Gefühlskarten: Auf diesen sind Personen gemalt, die über Mimik und Gestik bestimmte Gefühle ausdrücken. Ein herzhaftes Lachen erkennt Mark, Trauer schätzt er als Ärger ein, Skepsis kann er gar nicht zuordnen. „So geht er den ganzen Tag durch die Welt“, sagt Paul.

Probleme im Alltag

Das sorgt für Probleme. Neulich schlug ihm ein Mitschüler im Spiel die Tür vor der Nase zu. Mark dachte, der Junge suchte Streit und wurde sehr wütend. Solche Vorfälle kennt die Delmenhorster Mutter Andrea Schmidt (Name geändert) zur Genüge. Ihre Söhne Erik und Ole (Namen geändert) sind beide Autisten, auch sie kommen zu Paul zur Therapie.

Der 16-jährige Ole sei extrem extrovertiert und habe auch „legendäre Wutausbrüche“, erzählt die 46-Jährige. Der 20-jährige Erik hingegen sage fast gar nichts. „Wenn er überfordert ist, geht er schlafen.“ Während der Kindergarten- und Schulzeit gab es laut Schmidt deswegen immer wieder Anrufe: „Ole hat mal wieder ein Kind in der Kita gebissen, Erik ist in der Schule eingeschlafen.“

Autismus ist nicht immer gleich

Dass Schmidts Söhne so unterschiedlich sind, zeigt, wie die Ausprägungen von Autismus variieren. Deshalb lautet der Oberbegriff für diese Entwicklungsstörungen des Gehirns Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Laut einem Ratgeber des Bundesverbandes Autismus Deutschland haben die meisten Betroffenen Probleme mit sozialer Interaktion, Kommunikation und sich wiederholenden Verhaltensverweisen.

„Wenn Regeln nicht eingehalten werden, können Autisten das nicht ertragen“, weiß Paul. Gleichzeitig hätten sie oft selbst Probleme, sich an die Vorschriften anderer zu halten. Schmidt liefert ein Beispiel: Ole durfte kein Schwert kaufen, bekam dann aber eins von einem Freund geschenkt. „Schenken ist nicht kaufen“, habe er ihr dann erklärt. Außerdem muss die Mutter für alle Alltagsaufgaben genaue schriftliche Anweisungen geben. „Für jeden einzeln, am besten noch per SMS.“ Sonst breche Chaos aus. „Wenn mein Mann und ich mal wegfahren, ist das Haus mit Zetteln zugepflastert.“

Langer Weg bis zur Diagnose

Schmidt weiß, was zu tun ist. Doch bis sie auch wusste, was die Ursache für das Verhalten ihrer Söhne ist, verging viel Zeit. Dass ihre Kinder anders sind, merkte Schmidt schon früh. Und für deren Verhalten musste sie viel Kritik einstecken: Sie sei eine schlechte Mutter, ernähre die Kinder nicht korrekt, hätten sie impfen lassen müssen – oder eben nicht. „Alles ist angeblich falsch“, erinnert sich Schmidt. Dabei versuchte sie vieles: Ergotherapie, Logopädie, Kunsttherapie, Verhaltenstherapie.

Bis ihre Söhne mit Autismus diagnostiziert wurden: Bei Ole war es vor drei Jahren, bei Erik sogar erst vor einem. „Sehr introvertierte Personen ohne Aggression, wie Erik, werden seltener diagnostiziert“, sagt Paul. Daher bleibe bei Mädchen Autismus häufig ebenfalls unentdeckt. Eine Sache betont die Sozialpädagogin immer wieder: „Autismus ist kein Erziehungsfehler.“

Das wird in der Therapie gemacht

Während der Therapie arbeitet Paul dann vor allem an der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Betroffenen. Sie lernen nicht nur, sich mithilfe der Gefühlskarten in andere hineinzuversetzen, sondern auch, was genau ihre Form des Autismus auszeichnet. Und im besten Fall, ihn zu akzeptieren. Die ambulante Therapie reicht der Sozialpädagogin zufolge nicht immer aus, manchmal hilft nur eine Wohngruppe: „Wenn ich das Gedankenkonstrukt, das sich der Patient seit jeher aufgebaut hat, nicht mehr durchbrechen kann.“

Mark hingegen weiß mittlerweile, was der Autismus mit ihm macht. Zum Beispiel, dass ihn gebrochene Regeln stören: „Ich habe meinen Freunden gesagt, dass sie sagen sollen, ob und wann sie zu mir kommen“, sagt der 12-Jährige. „Das bringt mich sonst durcheinander.“


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