Prozess vor dem Landgericht 44-Jähriger hätte in Delmenhorst fast eigenes Kind erwürgt

Von Ole Rosenbohm, 11.09.2018, 17:23 Uhr
Für das Gericht stand bereits vor Prozesseröffnung fest: Der Mann ist schuldunfähig, die Einschätzung stützt sich auf zwei psychiatrische Gutachten. Foto: David-Wolfgang Ebener

Oldenburg/Delmenhorst. Der Mann zerrte seinen neunjährigen Sohn aus dem Bett und würgte ihn, bis er blau anlief. Die geschiedene Ehefrau und Nachbarn rissen ihn von dem Jungen weg – in vielleicht letzter Sekunde.

Das Drama, das sich am 8. April in Delmenhorst-Adelheide abspielte, wurde im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Oldenburg beim Hören der Notrufanrufe deutlich. „Der Mann dreht durch“, meldete sich ein Nachbar bei der Großleitstelle, im Hintergrund verzweifeltes Schreien, Kreischen, Weinen. Dann sagt er: „Ich muss da jetzt mit ran“ und übergibt das Telefon an seine Frau. Der Mann, der da durchdrehte, hatte an diesem Sonntagabend sein Kind so lange gewürgt, bis es um die Augen blau und schwarz anlief. Das Kind überlebte, aber es war knapp: Eine Zeugin dachte, es sei schon tot. Am Dienstag eröffnete das Landgericht Oldenburg den Prozess gegen den 44-Jährigen.

Dramatische Szenen

Der Mann, ein Tschetschene, war einen Tag zuvor aus Russland angereist, um seine vier Kinder und die von ihm getrennt lebende Ehefrau besuchen. Was sich kurz vor 22 Uhr im zweiten Stock des Hauses abspielte, berichteten die Zeugen: Der Mann betrat er das Kinderzimmer, warf einen zusammengerollten Teppich auf seinen Neunjährigen im obersten Etagenbett, legte seine Hände um den Hals und zerrte ihn vom Bett. Wenig lag er auf dem Boden auf ihm und drückt immer weiter zu, die Augen starr auf seinen Sohn gerichtet; der mit weit aufgerissenen Augen, aus dem Mund blutend und blau anlaufend. Um ihn herum schrie die Mutter, zog an ihm, bekam ihn nicht weg.

Geschwister, die Mutter, die Nachbarin und der Mann von nebenan schafften es dann doch. Der Junge floh in die Nachbarwohnung, doch sein Vater bekam ihn dort im Flur erneut zu fassen, drückte wieder seine Hände um den Hals. Jetzt waren auch die beiden älteren Söhne von unten da, die drei Männer und die Mutter befreien das Kind, zerren den Mann ins Treppenhaus.

Zeugen zeigen Zivilcourage

„Ohne die Nachbarn hätte er ihn erwürgt“, sagte die Mutter später bei der Polizei aus. Auch der Vorsitzende Richter lobte jetzt im Prozess mehrfach die Zivilcourage der Zeugen. Der Junge konnte das Krankenhaus nach drei Tagen wieder verlassen. Er hat keine bleibenden Schäden, zumindest keine körperlichen.

Warum der Mann das offenbar tat, ist völlig unklar. Er selber sagte, er könne sich nicht mehr erinnern, ihm sei das unerklärlich, der Neunjährige auch noch sein Lieblingskind. Sonst psychisch laut Ex-Frau nicht auffällig, benahm er sich schon das ganze Wochenende panisch. Er habe sich schon auf dem Weg nach Delmenhorst verfolgt gefühlt, sagte er selber, in der Wohnung hing er dann Bilder ab, schmiss Blumen weg, rollte Teppiche zusammen. Seine Ex-Frau versuchte, ihn zu beschwichtigen: Sie würden zu ihm zurückkommen, log sie ihm vor. „Ich wollte, dass er wieder abfährt.“

Mann ist schuldunfähig

Für das Gericht stand bereits vor Prozesseröffnung fest: Der Mann ist schuldunfähig, die Einschätzung stützt sich auf zwei psychiatrische Gutachten. Weil er schuldunfähig ist, gilt er formal auch nicht als Angeklagter, auch wenn er in Handschellen in den Saal geführt wurde und zurzeit in der Geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses einsitzt. Um eine mögliche – oder wahrscheinliche– Sicherungsverwahrung geht es jetzt auch im Prozess. Das Urteil soll noch in dieser Woche gesprochen werden.

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