Ehemaliger Delmenhorster Krankenpfleger Fall Niels Högel: Vorbereitung auf einen unbegreiflichen Prozess

Von Frederik Grabbe, 10.09.2018, 19:31 Uhr
Ort der Verhandlung: Der Festsaal in den Weser-Ems-Hallen. Hier werden 98 mutmaßliche Morde durch den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel verhandelt. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst/Oldenburg. In knapp sieben Wochen startet der größte deutsche Mordprozess der Nachkriegszeit. Dem ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel werden 98 Morde vorgeworfen, die er in Delmenhorst und Oldenburg verübt haben soll. Das Landgericht Oldenburg zeigt, wie es sich auf diesen Prozess vorbereitet.

Es ist eine Gerichtsverhandlung, die in vielerlei Hinsicht jegliche Vorstellungskraft sprengt. Das gilt für den Tatvorwurf als auch für die Logistik um den Prozess herum. Ende Oktober startet der Mordprozess gegen Niels Högel. Angeklagt ist der ehemalige Krankenpfleger des früheren Städtischen Klinikums Delmenhorst wegen Mordes an 98 Patienten. Konkret geht es um 63 mutmaßliche Morde im früheren Delmenhorster Klinikum und 35 im Oldenburger Klinikum. Die Dimensionen, die der Fall aufweist, passen in kein Gerichtsgebäude.

Hunderte Prozessbeteiligte finden in den Weser-Ems-Hallen Platz

(Weiterlesen: Themenportal zu den Taten des Ex-Pflegers Niels Högel)

Oldenburg, Weser-Ems-Hallen. Der größte deutsche Mordprozess der Nachkriegszeit wird in einem Festsaal verhandelt. Andere Orte, die vorab geprüft wurden, waren schlicht zu klein, erläutert der Vorsitzende Richter am Landgericht Oldenburg, Sebastian Bührmann. Knapp sieben Wochen vor Prozessauftakt hat das Gericht Journalisten am Montag eingeladen, um ihnen die neuen, im Rahmen einer Gerichtsverhandlung unvertrauten Räumlichkeiten zu zeigen und um so „ein Zeichen für Transparenz zu setzen“, so Bührmann. Rund 200 Plätze im Saal sind für die Öffentlichkeit bestimmt, 80 davon für Journalisten, neben ihnen finden knapp 120 Nebenkläger, also Angehörige von Högels Opfern, Platz. Zudem 17 Anwälte der Nebenkläger. Und Niels Högel selbst.

Gericht will Angehörige möglichst schonen

„Wir wissen, welche Belastung die Verhandlung für die Nebenkläger bedeutet“, sagt Gerichtssprecherin Melanie Bitter. Das Gericht wolle darum die Abläufe möglichst schonend gestalten. Das bedeutet zum Beispiel, dass Nebenkläger durch ein elektronisches System erfasst werden, wenn sie die Weser-Ems-Hallen betreten. „Es ist Pflicht, die Teilnahme der Nebenkläger an der Verhandlung festzuhalten“, sagt die Sprecherin. Bitter nimmt den Love-Parade-Prozess in Düsseldorf als Beispiel. Die Registrierung der vielen Angehörigen habe jeden Morgen eine halbe Stunde gekostet. Mit dem neuen System wolle man die Situation für die Angehörigen entzerren. Zudem werden sich Vertreter des Opferhilfevereins Weißer Ring und der Stiftung Opferhilfe um Angehörige kümmern. Und die Nebenkläger werden einen anderen Eingang benutzen als die Öffentlichkeit und die Medien.

Viel Aufwand für die Verhandlung

Zwischen Oktober und Mai sind zunächst 23 Verhandlungstage angesetzt. Um Zeit zu sparen, sind die Verhandlungstage in Doppelterminen angesetzt. Auf einen Verhandlungstag folgt gleich der nächste. Zwischen diesen Doppelterminen liegen drei Wochen Abstand. Zudem hat der Vorsitzende Richter Bührmann das Selbstleseverfahren eingesetzt. Das heißt, vor einem Verhandlungstag werden den Nebenklägern die Unterlagen zur Verfügung gestellt, um das Verlesen im Saal zu ersetzen und um so Zeit zu sparen. „Deshalb brauchen wir auch diese gespreizten Zeiträume zwischen den Verhandlungstagen“, sagt Bührmann.

Akten füllen 15 Umzugskartons

All dieser Aufwand bedeutet hohe Kosten. Zwar betont der Vorsitzende Richter, die Ressourcen vor Ort nutzen zu wollen – die Schränke für die 15 Umzugskartons füllenden Akten des Falls wurden etwa speziell für dieses Verfahren von der Tischlerei der Oldenburger Justizvollzugsanstalt gefertigt und sollen später wiederverwendet werden – doch die Kosten für diesen Jahrhundertprozess gehen weit über das normale Budget des Gerichts hinaus. Wie Gerichtssprecherin Bitter sagt, kommt für diese Justizkosten am Ende das Land Niedersachsen auf. Also der Steuerzahler.

Högel hat bereits die höchste Strafe im deutschen Strafrecht erhalten

Warum all der Aufwand? Der Angeklagte Niels Högel hat zwischen 2000 und 2005 Patienten Medikamente gespritzt, um absichtlich lebensbedrohliche Herzprobleme auszulösen und um bei der anschließenden Reanimation seiner Opfer als Held dazustehen. Dafür ist er bereits wegen sechsfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden, zudem wurde eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Die höchste Strafe im deutschen Strafrecht. Nun geht es um viele weitere Fälle. „Wir wollen Klarheit schaffen. Wir wollen die Wahrheit suchen und hoffen, so viel wie möglich zutage zu bringen“, sagt Bührmann. Der Weg dahin sei mühselig. Gutachten müssten eingeholt, die Ergebnisse der Sonderkommission Kardio betrachtet werden, um objektive Beweise zu erhalten. Bührmann betont aber auch: „Ich habe auch Högels Rechte zu wahren. Er ist solange unschuldig, bis ein rechtskräftiges Urteil fällt.“

Högel könnte in Verfahren gegen Ex-Kollegen bestimmende Rolle einnehmen

Nach dem Prozess ist vor dem Prozess: Der Vorsitzende Richter blickt bereits auf folgende Verhandlungen gegen frühere Kollegen Högels: Gegen frühere Kollegen des Krankenpflegers in Delmenhorst sei Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen erhoben worden, gegen Mitarbeiter des Oldenburger Klinikums werde derzeit ermittelt. Im zuerst genannten Fall mache Högel als Angeklagter von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und sagt nicht aus. Dieses Recht erlischt nach einer Verurteilung. „Dann muss Högel aussagen“, so Bührmann.

Die Weser-Ems-Hallen sind der Verhandlungsort im Prozess gegen Niels Högel. Foto: Frederik Grabbe

Um die mögliche Schuld der anderen zu ergründen, müssen also sämtliche Verbrechen Högels aufgearbeitet werden. Das ist der Weg zur Wahrheit, den das Gericht gehen will.

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