Minijobs und Teilzeitarbeit Tausenden Frauen in Delmenhorst droht die Altersarmut

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Tausende Frauen in Delmenhorst steuern derzeit auf die Altersarmut zu. Das zeigen Daten der Agentur für Arbeit.   Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpaTausende Frauen in Delmenhorst steuern derzeit auf die Altersarmut zu. Das zeigen Daten der Agentur für Arbeit. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Delmenhorst. Tausende Frauen in Delmenhorst steuern derzeit auf die Altersarmut zu. Das zeigen Daten der Agentur für Arbeit. Nehmen Frauen nicht in zunehmendem Maße eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf, könnten sie im Alter in die Grundsicherung rutschen.

7150 Minijobs oder geringfügig Beschäftigte am Wohnort Delmenhorst gab es zuletzt. Das sind jene Stellen, die gemeinhin mit 450 Euro im Monat vergütet werden und die einer Befristung unterliegen. Von den insgesamt 7150 Frauen und Männern im Minijob war dies für 4660 die einzige Beschäftigung. Unter ihnen sind Frauen massiv überrepräsentiert: Rund 2380 Frauen und 1830 Männer hat die Agentur zuletzt gezählt. Damit machten diese Frauen gemessen an allen Beschäftigten, sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sowie ausschließlich geringfügig Beschäftigte, 19,2 Prozent aus (Männer: 11 Prozent). Laut Claudia Zimmermann, Sprecherin der Agentur, ist auffällig, dass sich Männer besonders im Rentenalter als Minijobber betätigen.

Frauen in der Familienphase besonders oft im Minijob

Frauen hingegen sind gerade in der sogenannten Familienphase überrepräsentiert: Im Alter zwischen 35 bis 45 und von 45 bis 55 Jahren verdient fast jede sechste Beschäftigte ihr Geld in einem Minijob. Jeder 25. ist es nur bei den Männern. Und auch in der Teilzeitarbeit sind Frauen überverhältnismäßig vertreten: 6280 Frauen arbeiteten in Delmenhorst zuletzt in Teilzeit, 1700 waren es bei den Männern. Teilzeitbeschäftigungen haben in der Stadt in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen: Die Zahl der Beschäftigten stieg insgesamt um 50 Prozent auf 7976 (+2709).

„Minijob mag komfortabel sein, aber für die Rente fatal“

(Weiterlesen: Delmenhorst will Zeichen gegen Armut setzen)

„Steuerlich ist ein Minijob auf den ersten Blick eine schöne Sache“, sagt Claudia Zimmermann, Sprecherin der Agentur. Denn Abgaben wie für die Kranken- oder Pflegeversicherung fallen aus. Überspitzt gesagt, hat man mehr von seinem Geld. „Das mag für den Moment komfortabel sein, wirkt sich im Alter aber fatal auf die Rente aus“, so Zimmermann. „Frauen denken oft an alle anderen in der Familie und stellen ihre eigenen Interessen zurück“, sei eine Erfahrung der Agentur. Das sagt auch Claudia Becker, Leiterin der Koordinierungsstelle Frauen und Wirtschaft (KOS). „Die Haupterziehungslast liegt bei den Frauen. Und arbeiten sie erst einmal im Minijob, kommen sie nur schwer davon los.“ Über die Gründe, warum Frauen lange Zeit in Mini- oder in Teilzeitjobs verhaftet bleiben, und seltener in Vollzeit arbeiten, kann laut Zimmermann nur spekuliert werden. „Liegt es am Selbstbild der guten Mutter? Oder an Rollenvorstellungen in der Familie? Das ist schwer zu sagen.“

Frauen tragen größeres Risiko

Fest steht, dass gerade nach langer Zeit im Minijob der Rentenbescheid mickrig ausfällt. Und das ist ein Risiko. Zimmermann spricht eine steigende Scheidungsrate an. Oder eine mögliche Erkrankung oder Arbeitslosigkeit des Mannes in Familien, in denen er der einzige Absicherer ist. „Mit solchen Szenarien müssen Frauen rechnen“, betont Zimmermann. Im schlimmsten Fall sind sie am Ende auf die Grundsicherung im Alter angewiesen, die dann gezahlt wird, wenn die Rente nicht für Lebensunterhalt ausreicht. In Delmenhorst sind das aktuell 885 Frauen und 760 Männer. Laut Stadtverwaltung werden sie allein im Jahr 2018 mit 10,5 Millionen Euro unterstützt. „Dieses Verhältnis wird sich künftig noch mehr zu Ungunsten der Frauen entwickeln“, sagt KOS-Leiterin Becker voraus.

Appell für eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung

Zimmermann und Becker appellieren beide an Frauen, sich beraten zu lassen, um in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu wechseln und so selbst mehr für ihre Rente zu tun. Zimmermann: „Ein Minijob kann bestenfalls einen ersten Schritt für die Rückkehr in den Beruf bedeuten. Mehr aber nicht.“


Beratung

Die Agentur berät beispielsweise unter (0441) 2281221 zum Wiedereinstieg in den Beruf. Bei der KOS in Delmenhorst können unter (04431) 85472 Termine ausgemacht werden. Die KOS hat ihr Weiterbildungsangebot in diesem Halbjahr hier veröffentlicht. Mehr Infos gibt es hier.

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