Umfassende Befragung Zu- und Fortzüge – Neun Erkenntnisse über Delmenhorst

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Eine Belebung der Innenstadt wünscht sich mit Abstand ein Großteil der Ex-Delmenhorster. Foto: Marco JuliusEine Belebung der Innenstadt wünscht sich mit Abstand ein Großteil der Ex-Delmenhorster. Foto: Marco Julius

Delmenhorst. Was zieht Menschen nach Delmenhorst? Und was drängt sie in eine andere Kommune? Diesen Fragen haben sich nun Regionalforscher angenommen. Ihre Ergebnisse zeigen auf, wie immens der Zuzug aus Bremen ist – und in welchen Feldern sich die Stadt verbessern kann.

Was zieht Menschen nach Delmenhorst? Und was drängt sie in eine andere Kommune? Diese Fragen treiben die Stadtverwaltung und die Ratspolitik schon lange um – und waren bis zuletzt ein zentraler, aber fehlender Baustein bei der politischen Umsetzung der städtischen Wohnungsmarkt-Strategie. Nun haben sich Regionalforscher des Hamburger Instituts Gewos mit diesen Wanderungsmotiven befasst. Ihre Ergebnisse geben kleinteilig vielerlei Antworten – und zeigen auf, welche Probleme Delmenhorst lösen müsste, um attraktiver zu werden.

530 Menschen gaben Antworten

Befragt wurden dieses Frühjahr insgesamt rund 530 Menschen, die Delmenhorst im Laufe des Jahres 2017 entweder verlassen haben oder in die Stadt gezogen sind. Angeschrieben wurden rund 4400. Angaben des Fachdienstes Bürgerservice zufolge sind vergangenes Jahr 4860 Menschen nach Delmenhorst gezogen, 4230 haben die Stadt verlassen. Zu 100 Prozent aussagekräftig sind die Ergebnisse der Befragung aber nicht: Zum einen beruhte die Teilnahme Freiwilligkeit. Zum anderen gaben die meisten aller Befragten, rund ein Drittel, an, einen Hochschulabschluss zu besitzen, jeder vierte hat das Abitur als höchsten Bildungsabschluss. Das weist auf gewisse Verzerrungen hin. Und direkt aus dem Ausland hierher gezogene oder ins Ausland verzogene Haushalte wurden beispielsweise aus praktischen Gründen nicht befragt.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

1. Gutverdiener verlassen tendenziell eher die Stadt

42 Prozent der Fortgezogenen verfügen im Monat über 3000 Euro und mehr (Nettohaushaltseinkommen). Zugezogene zählen nur zu 32 Prozent zu den Gutverdienern. Hingegen sind Neu-Delmenhorster bei den mittleren (41 Prozent, 1500 bis 3000 Euro) und geringen Einkommen (27, unter 1500 Euro) im Vergleich stärker vertreten. Arbeitsuchende (9 Prozent) und Empfänger von Transferleistungen (20 Prozent) ziehen vergleichsweise häufig in die Stadt. Auf der anderen Seite verlassen untypisch viele Rentner und Auszubildende/ Studenten (je 14 Prozent) Delmenhorst.

2. Besonders Bremer Häuslebauer drängen nach Delmenhorst

Zuzügler stammen vor allem aus Bremen. Ein Viertel aller befragten Zugezogenen, um genau zu sein. Auf der anderen Seite zieht es rund ein Drittel aller Weggezogenen in den Landkreis Oldenburg. Beide Werte liegen konkurrenzlos vor Städten wie Bremen, Oldenburg oder dem übrigen Niedersachsen. Auffällig ist: Jeder zweite Bremer, der nach Delmenhorst zieht, lebt in einem wohlhabenden Haushalt – das liegt deutlich über dem Schnitt. Zudem kommen untypisch viele Bremer Paare ohne sowie mit Kindern in die Stadt. Und: In erster Linie kommen Bremer, weil sie Bauland oder ein Eigentum gekauft haben (33 Prozent), um so letztlich die eigene Wohnsituation zu verbessern. Günstige Mieten (33) und Häuserpreise (23) haben für Hansestädter darum besonders häufig den Ausschlag pro Delmenhorst gegeben.

3. Landkreis Oldenburg zieht Gutverdiener aus Delmenhorst an

Was die Bremer für Delmenhorst sind, sind Delmenhorster für den Landkreis Oldenburg: Jeder zweite Haushalt, der die in Richtung Landkreis verlässt, zählt zu den Gutverdienern. Vergleichsweise häufig trifft das auf Familien (30 Prozent) und Paare ohne Kinder (42) zu. Fortgezogene im Landkreis sind zu allererst unzufrieden mit ihrem alten Wohnumfeld in Delmenhorst (35) gewesen. „Haushalt wird größer“ (27), „Wohnung war zu klein“ (26) und der Kauf von Eigentum oder Bauland (22) waren weitere wichtige Gründe.

4. Es ziehen untypisch viele mit Migrationshintergrund nach Delmenhorst

Jeder dritte Haushalt zugezogene Haushaltsvorstand hat einen Migrationshintergrund. Aber nur jeder sechste, der die Stadt verlässt. Weiter hat jeder fünfte Zugezogene eine ausländische Staatsbürgerschaft, die größte Gruppen bilden vor allem Syrer, Türken, Polen und Rumänen. Auf der anderen Seite ist jeder 25., der die Stadt verlässt, Ausländer. Delmenhorst wird also zunehmend internationaler. Das deckt sich mit Erkenntnissen der jüngsten Bevölkerungsprognose.

5. Zum Arbeiten geht es eher nach Bremen

Die Hansestadt Bremen nimmt bei der Frage nach Arbeit eine zentrale Rolle ein: 43 Prozent aller Berufstätigen, die nach Delmenhorst ziehen, arbeiten in Bremen. In Delmenhorst arbeiten nur 30 Prozent. Fortgezogene verdienen ebenfalls am häufigsten in Bremen ihr Geld (36 Prozent), oder außerhalb der Region (29). Delmenhorst (10) und der Landkreis Oldenburg (13) sind in dieser Gruppe abgeschnitten.

6. Delmenhorst punktet mit Wohnangebot – ist aber wenig attraktiv

Der Erwerb von Eigentum und Baugrundstücken hat jedem fünften Zugezogenen eine Rolle gespielt, sich für Delmenhorst zu entscheiden. Fast gleichauf liegen die Gründe „Haushalt wird größer“ oder „Wohnung war zu klein“. Die neuen Bedürfnisse konnten also in der Stadt gedeckt werden. Wenig schmeichelnd für Delmenhorst: Häufige Gründe (25 Prozent) bei jenen, die der Stadt den Rücken gekehrt haben, waren „Unzufriedenheit mit dem Wohnumfeld“ und „Kein Arbeitsplatz vor Ort“ (17 Prozent). Auffällig: Der Erwerb von Eigentum oder Baugrundstücken folgt erst auf Platz sechs (13 Prozent). Um näher bei Verwandten oder Freunden zu sein, ist in beiden Kategorien ein wichtiger Umzugsfaktor (22 und 19 Prozent).

7. Soziales Umfeld und Arbeit nehmen ausschlaggebende Rollen ein

An dieser Stelle wird die Befragung schwammig: Denn bei der offen gestellten Frage, welcher Grund letztendlich für den Umzug nach Delmenhorst geführt hat, zählen andere Gründe: Die Nähe zum Arbeitsplatz (27 Prozent), zur Familie (27) und günstige Mieten (20) waren für Neu-Delmenhorster ausschlaggebend. Wichtigste Gründe, Delmenhorst zu verlassen, sind ein fehlender Arbeitsplatz (24), fehlende(r) Partner/Familie (22), die Sozialstruktur der Stadt (11) und fehlende Ausbildungs- oder Studienplätze. Interessant: Hohe Miet- oder Häuserpreise oder fehlende Baugrundstücke werden übrigens kaum von Fortgezogenen genannt.

8. Delmenhorst muss dringend die Innenstadt beleben

Dieser Wunsch steht bei den ehemaligen Delmenhorstern einsam an der Spitze. Fast ein Drittel (28 Prozent) gab an, die Stadt würde durch eine belebtere Innenstadt attraktiver. Wünsche nach besserem Wohnangebot (10), mehr Sicherheit (10) oder verbesserter Sozialstruktur (10) sind untergeordnet. Dazu konnten die Befragten sich zu anderen Aspekten äußern: Besonders schlechte Bewertungen handelte sich Delmenhorst von Fortgezogenen neben der Innenstadt beim Image der Stadt, der Sozialstruktur, der Sicherheit und dem Arbeitsmarkt ein. Zugezogene schätzen besonders Einkaufsmöglichkeiten, Anbindung an Bus und Bahn oder Dienstleistungen.

9. Familien auf Häusersuche – Gutbetuchte ziehen eher in Häuser

Die meisten Zu- oder Wegziehenden kommen in Mehrfamilienhäusern unter. Aber: Haushalte mit Kindern, die die Stadt verlassen, ziehen untypisch häufig (zu 59 Prozent) in Einfamilien- (46) oder Doppel- bzw. Reihenhäuser (13). In Delmenhorst trifft das nur 42 Prozent der zugezogenen Familien zu. Betrachtet man die Gruppe der Einkommenstarken, zeichnet sich ab, dass diese vornehmlich in Einfamilien-, Doppel- oder Reihenhäuser ziehen. Für Delmenhorst trifft das für Zugezogene Gutverdiener sogar noch mehr zu (56) als für Fortgezogene (53).


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