Nach Vorschlag von Jens Spahn Organspende: Das ist die Situation in Delmenhorst

Von Marie Busse und Vincent Buß

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Derzeit warten in Niedersachsen laut Eurotransplant 848 Menschen in Niedersachsen auf ein Spenderorgan. Symbolfoto: Soeren Stache/dpaDerzeit warten in Niedersachsen laut Eurotransplant 848 Menschen in Niedersachsen auf ein Spenderorgan. Symbolfoto: Soeren Stache/dpa

Delmenhorst. Die Diskussion um Organspenden ist wieder entbrannt. Eine Widerspruchslösung soll für mehr Spender sorgen. Auch in Delmenhorst warten Menschen auf ein Spendeorgan. Doch Vertreter aus Kirche und Ärzteschaft sind skeptisch.

Die Forderung von Gesundheitsminister Jens Spahn, bei der Organspende eine Widerspruchslösung einzuführen, hat zu einer erhitzten Debatte geführt. Eine solche Lösung würde jeden im Falle des Hirntods zum Spender machen, es sei denn, man selbst widerspricht. Auch in Delmenhorst gibt es Betroffene.

Betroffene in der Region

„In der Region gibt es Menschen, die auf ein Organ warten“, sagt Veronika Vahlhaus-Rutayungwa, die als Ärztin im Delmenhorster Dialysezentrum am JHD arbeitet. Rund 80 Delmenhorster haben ihrer Schätzung nach eine beschädigte Niere und sind somit auf die Dialyse angewiesen. Doch nicht alle landeten auf der Warteliste für Organe: Darüber entscheiden überregionale Transplantationszentren, so Vahlhaus-Rutayungwa. Dabei sei die Erfolgsaussicht der Operation entscheidend. Wie viele Menschen in der Stadt genau ein Organ benötigen, sei unklar, weil die Daten nach Bundesländern zusammengefasst würden.

848 Menschen aus Niedersachsen auf der Warteliste

Niedersachsenweit warten laut Eurotransplant derzeit 848 Menschen auf eine Spenderniere. Damit wird das Organ mit Abstand am häufigsten benötigt. Zum Vergleich: 58 Patienten warten auf ein Herz, 18 auf eine Lunge und 39 auf eine Leber. Doch von allen Organen gibt es zu wenige. Die Zahl der Organspender nimmt kontinuierlich ab.

Diesen Missstand will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mit der Widerspruchslösung aufheben. Aktuell gilt in Deutschland bisher die Zustimmungsregelung: Nur Personen, die sich einen entsprechenden Ausweis besorgt haben, kommen für die Organspende infrage. In der Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten gilt die Widerspruchsregelung. Dort gibt es beispielsweise Register, in denen die Ablehnung der Organspende dokumentiert wird. In Deutschland ist die Deutsche Stiftung Organspende (DSO) für die Transplantation zuständig. Nach der Zustimmung zur Spende meldet sie die Daten an Eurotransplant mit Sitz in den Niederlanden. Von der aus werden die Organe europaweit verteilt.

Bislang eineOrganentnahme im JHD

Im JHD wurde in den vergangenen zehn Jahren ein Organ entnommen. In dieser Zeit ist nur zwölfmal der Hirntod – bei der Wiederspruchslösung wesentliche Voraussetzung für eine Spende – festgestellt worden. Das ist nach Klinikangaben ein durchschnittlicher Wert bei Krankenhäusern, die keine Neurochirurgie haben.

Auch wenn Spahns Vorschlag die Zahl der Spenden erhöhen könnte, sind in Delmenhorst skeptische Stimmen zu hören. So äußert sich die Delmenhorster Ärzteschaft kritisch: „Die Verfassung schützt das Leben und eine Widerspruchslösung wäre ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht“, sagt Ärztesprecher Jan Friedrich Christiansen. Statt einer Widerspruchslösung spricht er sich für mehr Aufklärung auf. „Der Staat darf nicht ergreifen,“ stellt er klar.

Kritik von Delmenhorster Kirchen

Die Kirchen der Stadt reagieren ebenfalls skeptisch auf Spahns Vorstoß: Thomas Meyer, Pfarrer der evangelischen Stadtkirche: „Ich persönlich denke, so kann man nicht vorgehen.“ Menschen sollten auch weiterhin im Vorfeld ausdrücklich bejahen müssen. Er merkt an: „Wenn alle zustimmen und Menschenleben gerettet werden, dann widersprechen Organspenden nach dem Tod keiner Glaubensregel.“ Gesundheitsminister Jens Spahn hat mit seiner Forderung nach einer Widerspruchslösung eine Diskussion losgetreten. Er fordert, dass jeder Bürger automatisch Organspender ist. In Delmenhorst äußern sich Glaubensvertreter kritisch zu dieser Idee.

Guido Wachtel, leitender Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde St. Marien, sagt: „Es kann niemand zwangsverpflichtet werden.“ Der Organspende allgemein stehe seine Kirche aber positiv gegenüber. „Das ist Nächstenliebe über den Tod hinaus.“ Durch den Vorstoß des Gesundheitsministers erhofft sich Wachtel eine breite Debatte. Wenn jeder Bürger sich bewusst mit dem Thema beschäftige und eine Entscheidung für oder gegen eine Organspende treffe, sei viel gewonnen.

Jüdische Gemeinde ist skeptisch

Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde hält nichts von der Widerspruchsregelung: „Ich selbst bin nicht für einen Automatismus“, sagt Pedro Benjamin Becerra. Generell sei die Organspende eine persönliche Entscheidung. „Unmittelbare Einschränkungen“ durch das Judentum gebe es nicht. Bis auf eine: Die Rabbiner würden persönlich entscheiden, ob die Leichname von Menschen, die Organe gespendet oder bekommen haben, nach dem Tod gewaschen werden. Abgesehen davon würden die Körper gleich behandelt. Becerra begrüßt es, wenn durch Organspenden Leben gerettet werden. „Wir sind eine lebensbejahende Religionsgemeinschaft.“

Die Stellungnahme des Sprechers der islamischen Gemeinden in Delmenhorst lag bis zum Redaktionsschluss nicht vor.

Unterschiedliche Reaktionen bei Facebook

Auf der Facebook-Seite des dk hingegen stimmen viele Nutzer Spahns Vorschlag zu. Melanie Vöge schreibt etwa: „Ich finde das super. Ich hab zwar einen Ausweis, weiß aber auch, dass einige aus meinem Bekanntenkreis keinen haben, obwohl sie spenden würden.“ Petra Geldner vermutet: „Mangels Aufklärung und diverser Transplantationsskandale funktioniert das bisherige Prinzip nicht.“ Wer kein Organ spenden wolle, könne bei Spahns Idee widersprechen, betonte sie.

Bedenken äußert beispielsweise Uwe Conrads: „Meine Organe sind mein Eigentum und jemand entwendet diese ohne meine ausdrückliche Erlaubnis.“ Marcus Walther sieht das ähnlich: „Durch die Widerspruchslösung wird man ungefragt zum Organspender, bis man widerspricht.“


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