Rollenbilder in den Medien Delmenhorster Fachtag befasst sich mit Alltagssexismus

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Fünf Frauen, ein Anliegen: Martina Gaebels vom Fachdienst Jugendarbeit der Stadt (v.li.), Tanja Opitz von der Landesstelle Jugendschutz, Geschlechterforscherin Dr. Stevie Schmiedel, Delmenhorsts Gleichstellungsbeauftragte Petra Borrmann und Christina Körner von der Jugendhilfe-Stiftung kämpfen gegen überholte Rollenbilder von Mädchen und Jungen. Foto: Bettina Dogs-PrößlerFünf Frauen, ein Anliegen: Martina Gaebels vom Fachdienst Jugendarbeit der Stadt (v.li.), Tanja Opitz von der Landesstelle Jugendschutz, Geschlechterforscherin Dr. Stevie Schmiedel, Delmenhorsts Gleichstellungsbeauftragte Petra Borrmann und Christina Körner von der Jugendhilfe-Stiftung kämpfen gegen überholte Rollenbilder von Mädchen und Jungen. Foto: Bettina Dogs-Prößler

Delmenhorst. Rosa für Mädchen, Blau für Jungs: Im Jahr 2018 sollten alte Rollenbilder eigentlich längst überholt sein. Wie sehr sie das nicht sind, zeigte am Donnerstag ein Fachtag in der Markthalle zu dem Thema.

Deutschland im Spätsommer 2018: Seit 13 Jahren wird das Land von einer Frau regiert – doch laut einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) streben 63 Prozent der neun- bis elfjährigen Zuschauerinnen von Germany’s Next Topmodel eine Karriere auf dem Laufsteg an. Mehr als 60 Prozent der befragten 16-Jährigen würden sogar noch weitergehen und ihre eigene Mutter eintauschen. Gegen? Ja, tatsächlich: gegen Heidi Klum.Was also ist passiert in den vergangenen 30 Jahren, in denen immer mehr rechtliche Grundlagen zur Gleichberechtigung der Frau geschaffen wurden, fast jede Kommune eine Gleichstellungsbeauftragte hat, die Mädchen aber lieber einem ewigjugendlichen Topmodel nacheifern?

Bekannte Hamburger Forscherin spricht in Delmenhorst

Eine Frage, mit der sich am Donnerstag rund 80 Fachkräfte beim Fachtag mit dem etwas sperrig klingenden Titel „Alltagssexismus und Rollenbilder in der medialen Darstellung von Mädchen und Frauen“ in der Markthalle beschäftigt haben. Initiiert wurde die Veranstaltung vom Mädchenarbeitskreis „Gemeinsame Sache für Mädchen in Jugendarbeit und Schule (GeSa)“, der es zu seinem 20. Jubiläum zudem geschafft hatte, die bekannte Hamburger Geschlechterforscherin Dr. Stevie Schmiedel nach Delmenhorst zu holen.

Prinzessin Lillifee – die Ikone des rosa Zeitalters

Schmiedel, die sich mit ihrer privaten Organisation „Pinkstinks“ massiv gegen überholte Rollenbilder und Sexismus in der Werbung einsetzt und mit verschiedenen Projekten auch gegen Germany’s Next Topmodel vorgeht, zeichnete in einem gehaltvollen Vortrag ein Bild, dass nach Jahrzehnten vermeintlicher Emanzipation nur verstören kann. „Für Mädchen gibt es heute Prinzessin Lillifee, die Ikone des rosa Zeitalters, dünn, leicht und immer süß und niedlich, die sich liebevoll um ihren Kleiderschrank und ihre Tiere kümmert“, so die 47-Jährige. Für Jungs hingegen gebe es Käpt’n Sharky, der gleich auch etwas mehr auf den Rippen haben dürfe, der Befehle gibt und bei dem die Tiere Untertan sind. „Sexismus fängt bei einem auf Geschlechter bezogenen Marketing an und wirkt länger, als man denkt“, warnte die Forscherin. Das Paradoxe: Mädchen, die sich schließlich im Netz aktiv gegen Klischees wehrten und sich nicht auf Körper, Klamotten und Schminktipps reduzieren lassen wollen, würden zum Teil heftig angegangen.

Nur wenig Neues für das Fachpublikum

Etwas weniger deutlich kamen bei dem Fachtag die Ausführungen von Tanja Opitz von der Landesstelle Jugendschutz Niedersachsen daher, die sich in ihrem Vortrag auf die körperliche sowie sexuelle Entwicklung von Jungen und Mädchen in der Pubertät beschränkte. Für das ausschließlich aus Fachleuten bestehende Publikum – unter anderem Sozialpädagogen, Erzieher, Lehrer und Psychologen – dürfte wenig Neues darunter gewesen sein.

Angebot zur Aufklärung zu weit von den tatsächlichen Bedürfnissen entfernt

Stattdessen monierten einige Zuhörerinnen, dass das staatliche Angebot zur Aufklärung zu weit von den tatsächlichen Bedürfnissen der Jugendlichen entfernt sei. „Manchmal hat man den Eindruck, die emanzipatorische Entwicklung sei rückschrittig“, meinte Martina Gaebel vom städtischen Fachdienst Jugendarbeit. Die Gleichstellungsbeauftragte Petra Borrmann konnte das nur bestätigen. „Mit diesem Thema habe ich mich 1981 schon auseinandergesetzt. Leider weiß ich auch nicht, warum wir noch nicht weiter sind.“


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