zuletzt aktualisiert vor

„Das grüne Abitur“ in Delmenhorst Das muss man für den Jagdschein wissen

Meine Nachrichten

Um das Thema Delmenhorst Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Modelle aus dem Unterricht an der Jagdschule präsentieren die Ausbilder Carsten Sauerwein (links) und Andreas Wittenberg. Foto: Vincent BußModelle aus dem Unterricht an der Jagdschule präsentieren die Ausbilder Carsten Sauerwein (links) und Andreas Wittenberg. Foto: Vincent Buß

Delmenhorst. Den Jagdschein zu erlangen, ist angeblich so schwer, dass er auch das grüne Abitur genannt wird. Was müssen angehende Jäger fürs Revier wissen und können?

Wenn sich jemand in der Jagdschule von Carsten Sauerwein anmelden will, stellt der Delmenhorster immer die gleiche Frage: Warum wollen Sie den Jagdschein machen? „Wer sich nur für Waffen interessiert, wird aussortiert“, erklärt der 55-jährige Jäger. Anwärter sollen sich vielmehr für die Natur begeistern und sich um diese kümmern wollen.

Das muss man mitbringen

Laut Sauerwein gibt es verschiedene Typen von Teilnehmern: „Landwirte und Leute aus Jägerfamilien sind die Klassiker“, berichtet er. „Aber sie werden immer weniger.“ Oft kämen mittlerweile auch Laien, die sich einen Jagdhund angeschafft haben. Denn wer seinen Vierbeiner für die Jagd fit machen will, muss bei sich selbst anfangen. Sauerwein zufolge klopfen an der Tür seiner Jagdschule auch viele Leute an, die mehr über die Natur als über das Jagen lernen wollen. „Es sind nicht nur Konservative in Lederknickerbockern“, betont der Jäger.

Eines müssen aber alle gemein haben: ein ordentliches Führungszeugnis. Schon ein Führerscheinverlust wegen Alkoholkonsums kann ein Ausschlussgrund sein. Nach diesen Hürden geht es aber erst richtig los. Wer den Jagdschein machen will, muss in den meisten Bundesländern vorher Kurse besuchen – in Niedersachsen jedoch nicht. „Die Chance, die Prüfung ohne Lehrgang zu bestehen, ist aber gleich Null“, meint Sauerwein.

Das müssen angehende Jäger lernen

Ob über private Jagdschulen wie der von Sauerwein oder etwa über die Kreisjägerschaft – es gibt verschiedene Möglichkeiten, an den Jagdschein zu kommen. Der gelernte Pädagoge Sauerwein bietet Langzeitlehrgänge an, die meist sieben Monate dauern. An zwei Abenden pro Woche stehen je zwei Stunden Theorie in fünf Fachgebieten auf dem Stundenplan.

Die Teilnehmer lernen zum Beispiel, Gewehre zu verstehen und Tiere anhand von Exkrementen zu unterscheiden. Weil sie später möglicherweise auch Pflanzstreifen säen, müssen sie etwa wissen, was auf Sandboden wächst. Im Bereich Jagdrecht kommt auch das Straßenverkehrsgesetz dran – wegen Wildunfällen. Außerdem müssen die Schüler Jagdhundrassen kennen.

Jagdwaffen müssen die angehenden Jäger in Theorie und Praxis beherrschen. Symbolfoto: Bernd Wüstneck/dpa

Nicht nur reine Theorie

Die Ausbildung findet aber nicht nur im Klassenraum statt. Die angehenden Jäger begleiten auch Jagden und Reviergänge. Dabei müssen sie beispielsweise erlegte Tiere „aufbrechen“, also aufschneiden. „Leider ist nicht vorgeschrieben, wie hoch der Praxisanteil sein soll“, klagt Sauerwein. In seiner Jagdschule macht dieser etwa 50 Prozent aus – inklusive Schießausbildung.

Wie bei der Führerscheinprüfung benötigt jeder Prüfling je nach Begabung mehr oder weniger Stunden am Schießstand. „Manchmal haben wir auch Schützenbrüder dabei, die es dann aber gar nicht können“, berichtet Sauerwein lachend. Den anfänglichen Respekt vor Waffen soll man ihm zufolge in jedem Fall beibehalten.

So läuft die Prüfung ab

Nachdem der Unterricht absolviert wurde, steht dann die dreiteilige Prüfung an. Beim Schießen gilt es, stehende und sich bewegende Ziele sowie Tontauben zu treffen. Für den schriftlichen Test werden aus 5000 Multiple-Choice-Fragen 20 pro Fachgebiet ausgewählt. Zu guter Letzt droht die Revierpraxisprüfung. Dabei müssen die Schüler etwa Saatmischungen bestimmen.

Im Gegensatz zum Schießen können die schriftliche und die Revierpraxisprüfung nicht wiederholt werden. Wer es bei Letzteren nicht mindestens die Gesamtnote 4,4 schafft, ist durchgefallen. Aber nicht nur dann. Es gibt auch einige K.O.-Kriterien: etwa eine 4,5 in Wildtierkunde oder Sicherheitsfehler an der Waffe.

Wie viel kostet der Jagdschein?

Insgesamt müssen Prüflinge an der Jagdschule etwa 1500 Euro locker machen. Diese setzen sich zusammen aus der Grundgebühr der Schule, etwa 800 Euro, Kosten in Höhe von rund 400 Euro für die Schießausbildung, Bücherkauf und die Prüfungsgebühr der Stadt, die etwa 200 Euro beträgt.

Und wozu genau berechtigt der Jagdschein überhaupt? Die Inhaber dürfen Jagdwaffen verwenden, jedoch nur im Revier. Wer kein eigenes Revier besitzt, muss sich eine Erlaubnis für ein fremdes besorgen.

So viele Prüflinge fallen durch

Im vergangenen Jahr haben deutschlandweit fast 17.000 Menschen an der Jagdscheinprüfung teilgenommen – 18 Prozent davon fielen durch. Auch von den rund 20 Teilnehmern, die Sauerwein pro Kurs hat, schaffen es ihm zufolge nicht alle. „Man muss etwas dafür tun“, sagt der Delmenhorster. „Interessiert am Unterricht teilzunehmen, reicht nicht.“ Zumal immer mehr Städter an den Kursen teilnähmen: „Da fangen wir bei Null an.“ Sauerwein hat eine Theorie: Weil sich die Menschen immer mehr der Natur entfremden, wollen sie durch den Jagdschein wieder mehr über sie lernen.

Dabei kommt ihm sofort ein positives Beispiel in den Sinn: Eine Hundebesitzerin, die ihren Vierbeiner immer frei durch den Wald laufen ließ und dadurch ständig Ärger mit Jägern bekam. „Dann wollte sie es den Jägern zeigen machte selbst den Jagdschein“, erzählt Sauerwein. „Und dabei hat sie gelernt, warum man seinen Hund anleinen sollte.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN