1968 aus kritischer Perspektive Delmenhorster meiden während Unruhen die Nachbarstadt

Von Folkert Müller

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Delmenhorst/Bremen. Unruhen haben im Jahr 1968 auch Bremen erschüttert. Folkert Müller, dk-Autor und ehemaliger Pastor, blickt kritisch auf diese Zeit des Protests zurück, als mancher Delmenhorster die Hansestadt mied.

Eines Abends im Januar 1968 kommen einige Teilnehmer des Jugendkreises aufgeregt zu unserem Treffen. Sie berichten von Unruhen in der Innenstadt. Ich bin zu der Zeit Pastor an der St.-Ansgarii-Kirche in Bremen. Die Gebühren für Fahrkarten der Straßenbahn waren erhöht worden. Der Unmut bricht sich in nicht genehmigten Demonstrationen Bahn. Die von Tag zu Tag zunehmenden Gewalttätigkeiten lösen zum Beispiel das Demolieren von Autos aus. Mob aus dem Ausland beteiligt sich. Die Polizei wird erst nach etwa einer Woche Herr der Lage.

Erinnerungen an frühere Straßenkämpfe geweckt

Viele Delmenhorster, die in Bremen arbeiten, haben Angst vor der abendlichen Rückfahrt. Einkäufe in Bremer Geschäften unterblieben. Etliche erinnern sich an Straßenkämpfe vor 1933 zwischen Kommunisten und der SA.

Ich erfahre bald, dass Rudi Dutschke diesen Aufruhr mit Gesinnungsgenossen in einer Kneipe im Schnoorviertel generalstabsmäßig vorbereitet hat. In einer Festschrift zum 70. Geburtstag des evangelischen Theologieprofessors Helmut Gollwitzer beschreibt Dutschke die Motive für sein Handeln. Er begründet dieses mit seiner Einstellung als „Radikaldemokrat und Christ“. Durch die Bibel sei ihm soziales Engagement wichtig geworden. Von Karl Marx habe er gelernt, dass Veränderungen nur durch Gewalt erreicht werden. Dutschke sagt, er sei ständig unterwegs gewesen, so auch in Süddeutschland. Schon vor dem Schah-Besuch 1967 in Hamburg hat er dort in Vorgesprächen die Störungen vorbereitet.

Neuer Geist erfasst auch die Schulen

1968 wird dann praktisch von Studenten in West-Berlin die Lawine losgetreten, die bald die ganze Bundesrepublik erfasst. In vielen Universitäten und Schulen breitet sich das sogenannte fortschrittliche Denken aus. Das „vom Kapitalismus geprägte Establishment“ wird bekämpft. Vorlesungen werden gestört, Unruhe wird in die Schulen getragen. Man lehnt sich gegen die spießige bürgerliche Moral auf.

Ich erkenne die Gefahren. Weil in Bremen Staat und Kirche traditionell völlig getrennt sind, werde ich 1969 Schulpfarrer in Kassel. An einem Wirtschaftsgymnasium und einer Beruflichen Schule kann ich Jugend prägen. Der neue Geist hat dort viele Schulklassen infiziert. Die Primaner, die ich zum Abitur führe, besitzen alle die „Mao-Bibel“.

Unterricht mit Marx und Bibel

Sie erklären mir, nur wenn ich den Marxismus behandle, würden sie sich nicht vom Religionsunterricht abmelden. Ich erkläre mich dazu bereit, wenn nach einem Vierteljahr auf dem Programm steht: Kritik am Marxismus aufgrund biblischer Aussagen.

Es wird ein sehr interessanter Unterricht, der Früchte zeigt: Die Schüler nehmen Abstand von dem Gedanken, nach dem Abitur eine WG zu bilden, in der Männlein und Weiblein „freizügig“ miteinander leben.


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