Aktionstag „Platz nehmen“ Akzeptanz für „herumlungernde“ Jugendliche schaffen

Von Kai Hasse und Vincent Buß

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Im öffentlichen Raum bewegt sich der Delmenhorster Drazen Suvajal oft, wie hier am Infostand vor dem Bahnhof. Foto: Vincent BußIm öffentlichen Raum bewegt sich der Delmenhorster Drazen Suvajal oft, wie hier am Infostand vor dem Bahnhof. Foto: Vincent Buß

Delmenhorst. Zwischen Jugendlichen, die in der Öffentlichkeit herumlungern, und Erwachsenen gibt es oft Konflikte. Auch in Delmenhorst sollte deshalb am Freitag, 24. August, der landesweite Aktionstag „Platz nehmen“ für mehr Toleranz sorgen.

Als vor dem Delmenhorster Bahnhof ein Junge laut und scheinbar mit sich selbst redete, fand die Streetworkerin Anne Vermeersch sofort ihr Beispiel für Generationenkonflikte im öffentlichen Raum. „Manche fühlen sich jetzt vielleicht von ihm angesprochen“, erklärte sie. „Aber er telefoniert nur über Kopfhörer.“ So sei eben die junge Generation. Um solche Missverständnisse ging es beim landesweiten Aktionstag „Platz nehmen - mehr Toleranz für Jugendliche im öffentlichen Raum“.

Dazu hatte das Diakonische Werk Delmenhorst/Oldenburg-Land einen Infostand am Bahnhof aufgebaut. Jugendliche bräuchten öffentliche Orte, an denen sie sich ohne soziale Kontrolle entwickeln könnten, informierte die Diakonie. Jedoch fühlten sich Erwachsene häufig von den Jugendlichen gestört, hieß es. „Auch in Delmenhorst gibt es phasenweise Probleme“, berichtete Vermeersch am Freitag. Zurzeit seien viele Pubertierende unterwegs – aller Schichten und aller Nationalitäten. „Und wir sind die Anwälte der Jugendlichen“, beschrieb die Streetworkerin ihre Arbeit.

Wie Jugendliche Erwachsene im öffentlichen Raum wahrnehmen

Um sich ein Bild von der Stimmung zu machen, teilten die Streetworker Fragebögen aus. Sowohl Jugendliche als auch Erwachsene wurden gefragt, wie viele positive und wie viele negative Erfahrungen sie mit der jeweils anderen Gruppe gemacht hätten. Außerdem sollten sie etwa den Bildungsstand des Anderen einschätzen.

„Man wird in der Öffentlichkeit oft schief angeguckt“, berichtete etwa die 15-jährige Lea Gohlke. Nach Meinung der Delmenhorsterin gibt es zu wenige Orte, an denen sich Jugendliche treffen könnten. Der 23-jährige Drazen Suvajal stimmte ihr zu. Er mahnte außerdem: „Erwachsene sollten Jugendliche besser in die Gesellschaft eingliedern.“ Wenn Heranwachsende nur auf Ablehnung stießen, gerieten sie eher auf die schiefe Bahn.

Der Aktionstag fand nicht nur in Delmenhorst zum dritten Mal statt. Unter anderem beteiligten sich auch Hannover und Osnabrück. Initiiert hatte ihn die LAG Niedersachsen-Bremen, ein Zusammenschluss von Organisationen der mobilen Jugendarbeit.

Interview mit Streetworkerin Anne Vermeersch

Was die Jugendlichen im öffentlichen Raum der Stadt bewegt und was sie wollen, erklärt Diakonie-Streetworkerin Anne Vermeersch ausführlich im dk-Interview.

dk: Frau Vermeersch, um was für Jugendliche geht es bei „Platz nehmen“?

Um die Jugendlichen, die sich vor allem im öffentlichen aufhalten. Sie sind teilweise auffällig, laut, man hört und sieht sie. Wir von der Streetwork versuchen, ein wenig Beziehungsarbeit zu leisten, zu beraten und zu helfen. Einige unsere Adressaten leben quasi am Rande der Gesellschaft.

Warum verbringen die Jugendlichen so viel Zeit im öffentlichen Raum?

Einerseits fühlen sie sich in ihren Gruppen wohl. Sie sind unter Gleichgesinnten. Oft kommen sie aus zerrissenen Familien oder es gibt Spannungen zu Hause. Da wollen sie lieber raus. Auf der Straße fühlen sie sich nicht unter Beobachtung. Sie wollen ihre Grenzen ausprobieren, wie viele der heute Erwachsenen früher auch. Dabei wirken sie manchmal frech und schauen gern, wie die Leute auf Provokationen reagieren. Einige Jugendliche leben quasi wohnungslos. Sie schlafen zwar nicht auf der Straße, wechseln aber oft den Ort, wo sie schlafen.

Es gibt das überall als gut empfundene Ziel, „die Jugend von der Straße“ zu holen, beispielsweise in Jugendhäuser oder in Vereinen. Gehen die Jugendlichen da nicht hin?

Erstmal möchte ich betonen, dass Jugendliche zum Stadtleben dazu gehören und dass der öffentliche Raum ein wichtiger Platz ist für die Entwicklung der Jugendlichen. Es gibt viele Kinder und Jugendliche, die beispielsweise im Sportverein sind oder Jugendhäuser besuchen. Von unseren Adressaten spielen nur einige Fußball und nur einige besuchen vor allem in Winter auch die Jugendhäuser. Aber in Vereinen, Organisationen und Jugendhäuser gibt es natürlich gewisse Regeln und soziale Kontrolle, den sich nicht alle Jugendlichen unterziehen möchte. Das soziale Engagement in der Freizeit ist im Allgemeinen leider sehr gering.

Was fehlt den Jugendlichen? Wenn die sich was wünschen dürfen, was wäre es?

Was ich immer wieder höre: Ihnen fehlt vor allem im Winter einfach eine zentrale, trockene und warme Aufenthaltsmöglichkeit in der Innenstadt oder Bahnhofsbereich. Bisher treffen sie sich beispielsweise am Bahnhof und stellen sich dort unter. Dort werden sie irgendwann denn weggescheucht. Dann gehen sie zu Passagen oder Kaufhäusern, bis sie dort wieder weggescheucht werden. Schließlich stehen sie wieder am Bahnhof, und so geht das weiter. Einige sehen darin eine Art Spiel: Ein Kick, von der Polizei weggeschickt zu werden. Für viele ist es aber vor allem ärgerlich.

Was gefällt ihnen?

Sie sitzen gern am Marktplatz. Da gibt es viele Sitzplätze, und es kommen Leute vorbei, die sie beobachten können, und sie werden auch gesehen. Ihnen gefällt auch, dass es da McDonalds und WLAN gibt.

Muss man beunruhigt sein oder sich bedroht fühlen, wenn man in Delmenhorst an einer Gruppe Jugendlicher vorbeigeht?

Nein, bellende Hunde beißen nicht. Vor allem die, die viel Lärm machen und auffällig sind, sind unter dem Strich eher harmlos. Also, keine Angst haben. Klar gibt es in Delmenhorst Kriminalität, wie woanders auch. Ich würde das aber nicht exklusiv „den Jugendlichen“ zuordnen.


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