Gemeinwesenarbeit in Delmenhorst „Wer miteinander spricht, haut sich nicht die Köpfe ein“

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Ein Paradebeispiel für Bürgerbeteiligung: Am Wollepark-Nachbarschaftsbüro können Anwohner Kartoffeln, Petersilie, Tomaten und vieles mehr anpflanzen. Mecide Aygün (li.) und Ismuni Artan beteiligen sich an dem Angebot. Foto: Frederik GrabbeEin Paradebeispiel für Bürgerbeteiligung: Am Wollepark-Nachbarschaftsbüro können Anwohner Kartoffeln, Petersilie, Tomaten und vieles mehr anpflanzen. Mecide Aygün (li.) und Ismuni Artan beteiligen sich an dem Angebot. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Ob Gemüsegarten, Energieberatung oder Müllvermeidung: Nachbarschaftsbüros haben die Aufgabe, das Leben in schwierigen Stadtteilen aufzuwerten. Ein Fachtag hat nun ihre Arbeit beleuchtet.

Einsatz in schwierigen Stadtteilen, Anerkennung für Sozialarbeiter – und ein deutlicher Fingerzeig, wie es in Delmenhorst besser gehen könnte. Der Fachtag Gemeinwesenarbeit der Diakonie in der Markthalle am Dienstag hat viele Einblicke in die Sozialarbeit im Wollepark, in Düsternort und in Hasport sowie Deichhorst geboten.

Vier Standorte in Delmenhorst

Delmenhorst darf von sich sagen, dass es bei der Gemeinwesenarbeit eine gewisse Erfahrung aufbieten kann. Wencke Lüttich, Koordinatorin für die vier Standorte in der Stadt, zeichnete davon ein kleines Bild. Das sind zum einen die Standorte selbst: 1999 entstand das Nachbarschaftsbüro in Düsternort, ein Jahr später jenes im Wollepark, 2018 kamen schließlich die Büros in Hasport und Deichhorst (unter der Regie der Awo) hinzu. In den Jahren dazwischen gab es laut Lüttich jede Menge Projekte, die ihren Ursprung in der Gemeinwesenarbeit der Nachbarschaftsbüros hatte: Unter anderem die Gründung der Tafel 2001 etwa oder die Beratung für EU-Zuwanderer aus Osteuropa 2016. Lüttich: „Die Bedarfe hierfür wurden erst durch Mitarbeiter der Gemeinwesenarbeit ausgemacht.“ Auch in Sachen Ehrenamt haben die Büros einiges angestoßen: Den „Geben & Nehmen“-Laden im Wollepark nannte Lüttich als Beispiel. Die Stadtteile Düsternort, Wollepark, Hasport und Deichhorst nannte sie „Ankommensstadtteile“, weil ein guter Teil der Zuwanderer erst hier Fuß fasse, ehe er in andere Stadtteile oder Kommunen ziehe. „Besondere Herausforderungen“ bestünden hier, insbesondere bei der Integrationsleistung für Migranten, so Lüttich. Diesen Wert, insbesondere in Bezug auf Prävention, hatte auch Oberbürgermeister Axel Jahnz in seinem Grußwort unterstrichen.

„Wer miteinander redet, schlägt sich nicht die Köpfe ein“

Gemeinwesenarbeit an sich ist zunächst ein abstrakter Begriff. Im Grunde steht er für die aufgewendete Mühe, die Lebensverhältnisse in einem Stadtteil zu verbessern, indem die Bedürfnisse aller Menschen – also Kinder, Erwachsene, Senioren und Migranten – berücksichtigt werden, hatte zuvor der Sozialwissenschaftler grob verkürzt Prof. Dr. Lothar Stock referiert. „Gemeinwesenarbeit ermutigt dazu, das Leben selbst anzugehen, ist also eine Hilfe zur Selbsthilfe.“ Dass nicht selten Menschen erst in so einem Projekt eines Nachbarschaftsbüros zum ersten Mal überhaupt an Entscheidungen teilhaben, unterstrich der Professor ebenfalls. Der Zweck des Ganzen: Der Abbau von Vorurteilen und ein konfliktfreieres Zusammenleben. Oder wie Stock es ausdrückte: „Wer miteinander redet, schlägt sich nicht die Köpfe ein.“ Insofern sei Gemeinwesenarbeit ein Mittel, „Eskalation zu vermeiden“ und Kosten von Spätefolgen einzusparen.

Buntes Programm

Wie solche Projekte konkret aussehen, zeigen die Delmenhorster Standorte in schöner Regelmäßigkeit – und die Liste ist lang: Zusammen mit dem Regionalen Umweltzentrum Hollen (RUZ) gibt es beispielsweise eine Energieberatung, die sich später direkt im Portemonnaie der Teilnehmer bemerkbar macht, Migranten und Senioren werden gezielt beraten, es gibt Gemeinschaftsgärten, Teilnahmen an Projekten wie „ Refill “ oder der Europäischen Woche der Abfallvermeidung informieren über den Umgang mit Müll, und für die Nachbarschaftsbüros in der Stadt entsteht gerade das Programm „Gesund und bunt“, mit dem das Delmenhorster Institut für Gesundheitsförderung (DIG) mit regelmäßigen Treffen die Gesundheit von Stadtteilbewohnern stärken will.

Ruf nach längerfristigen Verträgen wird laut

Sprachen über Gemeinwesenarbeit in Delmenhorst: Wencke Lüttich und Saskia Kamp von der Diakonie, Oberbürgermeister Axel Jahnz und die Referenten Prof. Dr. Lothar Stock sowie Heike Binne vom Haus der Zukunft in Bremen. Foto: Frederik Grabbe

Und doch entstand bei dem Fachtag Eindruck, dass die Gemeinwesenarbeit in Delmenhorst noch nachhaltiger verlaufen könnte: So hatte Prof. Stock die Voraussetzungen umrissen, unter denen die Sozialarbeit in Stadtteilen gelingt – und unter anderem langfristige Verträge für die Mitarbeiter als Kriterium genannt. Das nahm die Geschäftsführerin der hiesigen Diakonie, Saskia Kamp, auf und beklagte oftmals nur einjährige Arbeitsverträge für Mitarbeiter. In der aktuellen Konstellation mit der Stadt als Geldgeber sei das nicht anders möglich. Kamp: „In den Köpfen der obersten Vertreter der Stadt müsste einiges bewegt werden, um mit einer langfristigen Förderung die Arbeit gut machen zu können.“ Diese Kritik ging auch an die Ratspolitik, die die Finanzierung der Gemeinwesenarbeit bewilligen müsse, und auch ans Land Niedersachsen, das oft nur kurzlebige Projekte ausschreibe und finanziere. Später nannte Kamp das Beispiel Emden, wo die Gemeinwesenarbeit in einem eigenen Fachdienst aufgebaut und auch finanziert ist.


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