Ganzheitliche Therapie Zehn Jahre Palliativstation am Josef-Hospital Delmenhorst

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Sigrun Beer (re.) arbeitet als Physiotherapeutin auf der Palliativstation des Josef-Hospitals. Bei der Infomesse anlässlich des zehnjährigen Bestehens hat sie über ihre Arbeit in der Palliativversorgung berichtet. Ein Thema, das auch Kollegin Martin Reimann interessiert, die in ihrem Klinikalltag nur wenig mit Palliativmedizin zu tun hat. Foto: Bettina Dogs-PrößlerSigrun Beer (re.) arbeitet als Physiotherapeutin auf der Palliativstation des Josef-Hospitals. Bei der Infomesse anlässlich des zehnjährigen Bestehens hat sie über ihre Arbeit in der Palliativversorgung berichtet. Ein Thema, das auch Kollegin Martin Reimann interessiert, die in ihrem Klinikalltag nur wenig mit Palliativmedizin zu tun hat. Foto: Bettina Dogs-Prößler

Auf der Palliativstation im Josef-Hospital Delmenhorst arbeiten verschiedene Fachrichtungen zusammen, um Schwerkranken den letzten Weg erträglicher zu machen.

Sterben ist kein schönes Thema. Es ist ein Thema voller Angst, Schmerzen, Einsamkeit und Leid, der Tod zum Greifen nah. Sterben ist das Ende. Auf einer Palliativstation geht es viel ums Sterben. Wer auf diese Station im Josef-Hospital Delmenhorst kommt, gilt als „austherapiert“. Dennoch gilt die Palliativstation als Vorzeigeabteilung des Krankenhauses – denn wenn über allem der Tod lauert, geht es hier doch vor allem auch ums Leben. Vor zehn Jahren wurde die Abteilung mit ihren sieben Betten unter der Leitung des Anästhesisten Dr. Ales Stanek gegründet, in der vergangenen Woche hat sie mit Vorträgen, einer Infomesse und einem Fest ihr Jubiläum gefeiert. Ja, tatsächlich: es wurde gefeiert, unter anderem wurde das Thema Tod und Sterben auch kabarettistisch aufgearbeitet.

Begleitung auf dem letzten Weg

Doch was passiert auf der Palliativstation überhaupt? Wer hierher kommt, ist lebensbedrohlich erkrankt, es geht um Tage, Wochen, Monate, in einigen Fällen um Jahre, in denen die Patienten eine gute letzte Zeit haben sollen. Eine Zeit der besonderen Zuwendung, Fürsorge und menschlicher Nähe. „Wir wollen die Lebensqualität der Patienten erhöhen“, sagt Marion Völkers, Leiterin der Ergotherapie, die eine große Rolle auf der Palliativstation spielt. Wie so viele andere Fachrichtungen auch – denn der palliative Bereich im JHD ist ein Zusammenspiel verschiedener Fachrichtungen. „Bei uns geht es nicht darum, die Ursache der Krankheit zu bekämpfen, sondern Menschen auf ihrem letzten Weg so zu begleiten, dass sie und ihre Angehörigen sich besser fühlen.“

Patienten ganzheitlich betrachten

Ärzte, Pfleger und Therapeuten sind seelische Stützen und medizinische Helfer, die ihre Patienten ganzheitlich betrachten und auch den Angehörigen helfen. „Es geht darum, das Leid der Patienten zu verringern und ihre Lebensqualität zu erhöhen“, schildert Physiotherapeutin Sigrun Beer. Neben auf palliative Versorgung spezialisierte Ärzte und Pfleger sind Physio-, Ergo- und Musiktherapeuten, Psychologen, Sozialarbeiter und Seelsorger für das Wohl im Einsatz. Finanziell unterstützt durch einen Förderverein, der Anschaffungen ermöglicht, die über dem üblichen Budget einer Klinik liegen.

90 Prozent sind Tumorpatienten, die durch die Chemotherapie unter starken Schmerzen oder Übelkeit leiden, in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind oder angesichts der Unheilbarkeit ihrer Krankheit an starken Ängsten leiden. „Die Menschen hier stehen vor der Himmelstür, da kommt vieles wieder hoch wie Gewalterfahrungen oder Kriegserlebnisse.“ Ärzte, Pfleger und Therapeuten fangen die Patienten auf, aber nicht nur, in dem sie Medikamente gegen die Schmerzen, Übelkeit oder Ängste verabreichen. Auf der Station, deren Zimmer wohnlicher eingerichtet sind, arbeiten auch zwei Aromapflegerinnen, die die Patienten mit Heilpflanzen und ätherischen Ölen behandeln und so zu einem besseren Wohlbefinden beitragen.

Auch die Seele braucht Hilfe

Außerdem arbeiten Physio- und Ergotherapeuten daran, dass sich die Schwerkranken wieder besser bewegen können und aktivieren das zumeist auch beeinträchtigte Empfindungsvermögen, um ihnen zu mehr Mobilität zu verhelfen. „Die Patienten können so dann zu Hause vielleicht wieder die Treppen steigen oder noch mal raus in den Hof gehen und ihren Bewegungsradius erweitern“, sagt Beer. Manchmal braucht auch die Seele Hilfe, Schuldgefühle kommen hoch und jahrzehntelang Verdrängtes drängt an die Oberfläche – dann helfen Psychologen und Seelsorger und hören zu, arbeiten auf und geben Halt. Wie die katholische Pastoralreferentin Silvia Kramer, die mit der evangelischen Pastorin Gitta Hoffhenke für die ökumenische Seelsorge zuständig ist. „Wir kümmern uns um die seelische Betreuung der Patienten, ihrer Angehörigen, aber auch der Menschen, die hier arbeiten“, sagt sie.

Palliativstation ist kein Hospiz

Auch wenn das Sterben zum Alltag der Palliativstation dazugehört, ein Hospiz ist sie nicht. Stattdessen bereiten die Ärzte, Pfleger und Therapeuten dort die Zeit bis dahin mit viel Fürsorge und menschlicher Zuwendung so, dass sich die Patienten geborgen und umfassend versorgt fühlen können. Einige gehen für den letzten Weg wieder zurück nach Hause oder wechseln auf einen Hospizplatz. Sigrun Beer: „Bei uns geht es nicht um lebensverlängernde Maßnahmen, sondern um eine Erhöhung der Lebensqualität. Aus jedem Blickwinkel wird geguckt: Was ist für den Patienten jetzt wichtig, um sein Leiden zu verringern.“ Manchmal kann das schon eine einfache Berührung sein, getragen von Zuwendung, Verständnis und viel menschlicher Wärme.


Bilanz der Festwoche:

Es ist das erste Mal gewesen, dass sich die Pallitativstation des Josef-Hospitals Delmenhorst (JHD) mittels einer Palliativwoche so umfassend vorgestellt hat. Die Woche, die das zehnjährige Bestehen der Palliativstation zum Anlass hatte, wertet Stationsleiterin BiankaKlein als „vollen Erfolg“.

Infoveranstaltungen, Vorträge, ein gut besuchter Kabarett mit Andre Müller und ein sommerliches Abschlussfest am Samstag: Die Palliativstation hat sich in dieser Woche geöffnet und Einblicke ermöglicht, die mögliche Hemmschwellen abbauen können, ist sich Bianka Klein sicher. „Wir haben viel positive Rückmeldungen bekommen“, sagt sie. Angehörige ehemaliger Patienten seien da gewesen, aber auch Patienten, die derzeit noch auf anderen Station betreut werden, hätten sich informiert. Und auch Menschen, die bislang noch keine Berührungspunkte mit der Palliatuvmedizin hatten, hätten sich vor Ort informiert.

Den größten Anklang hat dabei der Vortrag von Dr. Ales Stanek, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Palliativmedizin und Schmerztherapie und Initiator der Palliativstation, gefunden. Er sprach unter dem Titel „Am Lebensende Schmerz, Angst oder Luftnot – muss ich in die Schweiz, Belgien oder Niederlande reisen? Palliativmedizin aktuell“. „Da sind schon ein paar Tränen geflossen“, sagt Klein, aber auch das gehöre dazu. juls

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