Ein Drittel findet keine Bewerber Unternehmen in Delmenhorst und umzu geht der Nachwuchs aus

Von Frederik Grabbe

Den Betrieben gehen die Bewerber aus: Jedes dritte Unternehmen findet keine Bewerber auf augeschriebene Stellen, stellt die DIHK fest. Foto: Jörg Koch/dpaDen Betrieben gehen die Bewerber aus: Jedes dritte Unternehmen findet keine Bewerber auf augeschriebene Stellen, stellt die DIHK fest. Foto: Jörg Koch/dpa

Delmenhorst. Die Lage spannt sich seit Jahren an: 36 Prozent aller Betriebe in der Region finden keine Auszubildenden. Um gegen den Nachwuchsmangel anzugehen, sprechen Industrie, Handel und Handwerk zunehmend Flüchtlinge und Studienabbrecher an – und blicken bei allen Bemühungen einer enormen Verrentungswelle entgegen.

In Delmenhorst und umzu haben Unternehmen immer mehr Probleme, Ausbildungsplätze zu besetzen. Das geht aus einer Umfrage der Industrie und Handelskammer (IHK) in Oldenburg hervor. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hat zuletzt unter Berufung auf regionale IHKs eine Studie vorgestellt, wonach 34 Prozent aller Unternehmen 2017 keine Auszubildenden für ihre ausgeschriebenen Stellen gefunden haben. Ein bundesweiter Negativrekord.

Dieser Wert ist fast deckungsgleich mit den Zahlen in der Region: 36 Prozent aller hiesigen Unternehmen haben im Jahr 2017 keine Auszubildenden gefunden, teilt Ludger Wester, Assistent der Geschäftsführung der IHK Oldenburg, mit. Für Delmenhorst und den Landkreis Oldenburg liegen laut Wester keine aussagekräftigen Zahlen vor.

Lage spannt sich seit Jahren an

(Weiterlesen: Wirtschaftsboom geht an Delmenhorster Langzeitarbeitslosen vorbei)

Den Betrieben geht der Nachwuchs aus – und diese Problemlage spannt sich seit Jahren an: Daten der IHK zufolge gaben 2012 lediglich 14 Prozent aller Unternehmen an, ihre Lehrstellen nicht besetzen zu können – dieses Jahr profitierte allerdings noch durch den doppelten Abiturjahrgang 2011. Bis 2017 ist dieser Wert nun aufs Zweieinhalbfache gestiegen. Als Ursache nennt Wester eine steigende Zahl von Schulabgängern mit Hochschulreife, die eher einen Studienabschluss anstreben, als eine Ausbildung zu absolvieren. Auch die Handwerkskammer Oldenburg (HWK) sieht das Problem abnehmender Bewerberzahlen, wenngleich zuletzt wieder mehr Azubis unter Vertrag genommen wurden. Zahlen nicht besetzter Stellen kann sie auf Anfrage aber nicht nennen. Fast 80 offene Stellen zählt die Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/Oldenburg-Land – wenige Tage nach Ausbildungsstart – aktuell auf ihrer Internetseite. Ihr Geschäftsführer Hartmut Günnemann hatte zuletzt betont, dass das Handwerk 20 Prozent mehr Ausbildungsstellen besetzen könnte. Er betont aktuell „beste Karriere- und Zukunftsaussichten“ im Handwerk.

(Weiterlesen: Ausbildungsstellen in Delmenhorst gehen deutlich zurück)

Flüchtlinge und Studienabbrecher gehen vermehrt in Ausbildungen

Mit dem Nachwuchsmangel vor Augen wenden sich die Unternehmen zunehmend Studienabbrechern und Flüchtlingen zu: So hat sich die Ausbildungsquote bei Studienabbrechern bundesweit zwischen 2008 und 2014 verdoppelt (22 auf 44 Prozent). Für die Region nennen IHK und HWK keine Zahlen. Beide stellen fest, dass die Zahl der Beratungen von Studienabbrechern infolge einer Kooperation zwischen den Wirtschaftskammern, der Agentur für Arbeit, dem Jobcenter und der Universität Oldenburg spürbar angezogen ist. Klarer ist die Lage bei den Flüchtlingen: Hier sei die Zahl der Ausbildungen stark angestiegen: 63 Geflüchtete begannen laut Wester 2016 eine IHK-Ausbildung, 2017 waren es 104, dieses Jahr bislang 94. Im Handwerk haben zum 1. August 2018 27 Flüchtlinge im Gesamtgebiet der HWK eine Ausbildung begonnen, 14 waren bereits unter Vertrag. Gemessen jedoch an der sinkenden Zahl an Schulabgängern, bilanziert Wolfgang Jöhnk, HWK-Geschäftsbereichsleiter Berufsbildung, kompensieren die Bewerber im Kontext der Fluchtmigration dies nicht einmal ansatzweise.

Ab 2020 wird große Verrentungswelle erwartet

Ob diese Bemühungen ausreichen werden, um auch noch gegen die ab 2020 erwartete Verrentungswelle der Baby-Boomer-Generation zu bestehen, bleibt fraglich. Wie groß dieses Ausmaß in der Region ist, zeigt ein Blick in den Fachkräfteradar der Agentur für Arbeit: So sind in der sogenannten Fachkräfteregion Oldenburg (umfasst das Gebiet der Agenturen für Arbeit Oldenburg-Wilhelmshaven, Ostfriesland und das oldenburgische Münsterland) fast 18 Prozent aller Beschäftigen 55 Jahre und älter. Mit anderen Worten: Mehr als jeder fünfte Arbeitnehmer geht in absehbarer Zukunft in die Rente. Bei insgesamt 351.000 Beschäftigten in der Fachkräfteregion Oldenburg sind das rund 63.000 Frauen und Männer. Bei den Frauen ist die Altersgruppe besonders stark mit 15,5 Prozent in den Gesundheitsberufen vertreten. Bei den Männern ist die Altersgruppe mit 23,4 Prozent bei Verkehrs- und Logistik-Berufen stark repräsentiert.


Jeder Dritte Bewerber hat noch keinen Ausbildungsplatz gefunden

Obwohl Unternehmen einen Bewerbermangel feststellen, gab es allein in Delmenhorst kurz vor Ausbildungsstart am 1. August laut Agentur 256 unversorgte Ausbildungswillige. Insgesamt wurden 773 Bewerber seit Beginn des Berufsberatungsjahres im Oktober 2017 registriert. Jeder dritte Bewerber auf eine Lehrstelle hat also keinen Ausbildungsplatz gefunden. Hartmut Günnemann von der Kreishandwerkerschaft Delmenhorst/ Oldenburg-Land weist darauf hin, „dass nicht alle Schülerinnen und Schüler nach Verlassen der allgemeinbildenden Schulen ausbildungsfähig sind.“

Manchmal kann aber auch ein Blick links und rechts vom gewünschten Beruf helfen: Claudia Zimmermann von der Agentur für Arbeit in Oldenburg empfiehlt Ausbildungswilligen, die bislang erfolglos gesucht haben, den Radius zu erweitern. „In einigen Berufen gibt es viel Konkurrenz um die begehrten Ausbildungsstellen. Da lohnt es sich, verwandte, ebenfalls spannende Berufe in den Blick zu nehmen“, sagt sie. Bei Tiermedizinischen Fachangestellten kommen zum Beispiel sechs Bewerber auf eine Stelle. Mehr Stellen gebe es dort, wo Tiere für Versuchslabors betreut würden, so Zimmermann. Und Tätigkeiten wie Kundenempfang, Abrechnung oder die Assistenz bei Behandlungen gebe es ebenfalls bei Zahnmedizinischen oder Medizinischen Fachangestellten.

Auch der Beruf des Kfz-Mechatronikers ist beliebt – in Delmenhorst kamen zum August auf neun Stellen 48 Bewerber. Allerdings würden andere Spezialisierungen, die nach zwei Jahren gemeinsamer Ausbildung eingeschlagen würden, wie Nutzfahrzeug-, Motorrad- oder Karosserietechnik sowie System- und Hochvolttechnik für neuere Antriebsformen weniger nachgefragt, so Zimmermann. Zudem seien vom Tätigkeitsfeld her Fluggeräteelektroniker oder Land- und Baumaschinen-Mechatroniker eng verwandt.

Über mögliche Alternativen zu den Wunschberufen informiert die Agentur unter www.berufenet.arbeitsagentur.de oder telefonisch auch über Bewerbungsunterlagen und Vorstellungsgespräche unter über die Berufsberatung unter (0800) 4555500 (Mo.-Fr. von 8 bis 18 Uhr).

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