Decathlon-Fachmarkt Gewerbeansiedlung in Stuhr – Delmenhorst sieht Konsens „durchkreuzt“

Von Frederik Grabbe

Sportartikelfachmarkt Decathlon will im Gewerbegebiet Brinkum-Nord eine Filiale errichten. Die Städte Delmenhorst und Bremen legen Protest ein. Archivbild: Decathlon DeutschlandSportartikelfachmarkt Decathlon will im Gewerbegebiet Brinkum-Nord eine Filiale errichten. Die Städte Delmenhorst und Bremen legen Protest ein. Archivbild: Decathlon Deutschland

Delmenhorst/Stuhr/Bremen. Der Streit über die Decathlon-Ansiedlung in Nord-Brinkum zwischen Delmenhorst und Stuhr hat die Landesregierung erreicht. Delmenhorst sieht einen Konsens zur Gewerbeansiedlung in Stuhr „durchkreuzt“. Auch Bremen sieht die Stuhrer Planungen als „äußerst kritisch“. Was ist da los?

Der Streit zwischen Delmenhorst und Stuhr über die umstrittene Ansiedlung des großen Sportartikelfachmarkts Decathlon geht in die zweite Runde – und beschäftigt jetzt das Niedersächsische Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz als oberste Landesplanungsbehörde. Bereits, im Mai, teilt die Stadt Delmenhorst auf Nachfrage mit, gab es ein Gespräch in Hannover über die Gewerbeansiedlung. Das allein sei „durchaus nicht unüblich“, sagt Ministeriumssprecherin Natascha Manski. Warum aber die Städte Delmenhorst, Bremen und der Kommunalverbund Niedersachsen/ Bremen beteiligt waren, und die Gemeinde Stuhr als planende Kommune nicht, kann sie nicht beantworten.

Ergebnisse werden zum Jahresende erwartet

Laut Susanne Krebser, Geschäftsführerin, des Kommunalverbunds, ist der Sachverhalt erörtert worden. „Wir sind mitten in Gesprächen. Bis eine Lösung in der Hand liegt, wird es auch noch eine Weile dauern.“ Die Stadt erwartet am Jahresende „zielführende Ergebnisse“.

Worum geht es? Wie berichtet, plant Stuhr im Gewerbegebiet Nord-Brinkum die Ansiedlung des Sportartikel-Händlers Decathlon, eines der Schwergewichte der Branche. Auf 3800 Quadratmetern Verkaufsfläche sollen unter anderem auch Artikel der Sortimenter Sportartikel und Camping verkauft werden. Und diese sind laut Ministerium im Landes-Raumordnungsprogramm (LROP), das unter anderem dem Erhalt der Innenstädte dient, als zentrenrelevant benannt, sagt Manski. Die Stadt Delmenhorst befürchtet darum „erhebliche nachteilige Auswirkungen auf zentrale Versorgungsbereiche in der Region“ und erwartet, dass das Decathlon-Angebot mehr Kundschaft zum Einzelhandelsstandort Brinkum-Nord bringen würde. „Raumordnerische und städtebauliche Missstände“, die bis dato ohnehin gesehen werden, würden so verschärft, heißt es. Sie prüft derzeit rechtliche Schritte.

Auch Bremen sieht Decathlon-Ansiedlung „äußerst kritisch“

Auch die Hansestadt Bremen legt Protest ein, weil sie Beeinträchtigungen für ihre Innenstadt sowie für das Huchtinger Roland-Center erkennt. Dass Stuhr ein Sortiment als nicht-zentrenrelevant erkläre, obwohl dies klassischerweise allen anderen Gemeinden in der Region tun, sei „fachlich äußerst kritisch“ einzustufen, teilt Tim Cordßen, Sprecher beim Senator für Wirtschaft, mit. Cordßen spricht zudem von einer schädigenden „Summenwirkung“, die mehrere solcher Handelsstandorte mit sich brächten, würde Stuhr künftige weitere solcher Vorhaben planen.

Stuhr darf die Versorgungsfähigkeit der Nachbarn nicht gefährden

Vor diesem Hintergrund hat die Gemeinde Stuhr also darzulegen, „weshalb sie diese Sortimente als nicht zentrenrelevant ansieht“, erklärt Ministeriumssprecherin Manski. Zwar habe die Gemeinde Stuhr die kommunale Planungshoheit, trotzdem sei sie verpflichtet, Einzelhandelsprojekte so zu planen, „dass die Versorgungsfähigkeit eines benachbarten zentralen Ortes nicht gefährdet wird“.

Stuhr erwartet „keine spürbare Schwächung“

Genau das scheint der Streitpunkt zu sein. Denn in Stuhr argumentiert man anders: Die voraussichtliche Umsatzumverteilung durch Decathlon, teilt Bürgermeister Niels Thomsen mit, liege für zentrale Versorgungsbereiche in Stuhr, Bremen und Delmenhorst unter zehn Prozent. Das habe eine Auswirkungsuntersuchung der Analysten des Unternehmens gfk Geomarketing ergeben. Und damit, so Thomsen, liege man im Rahmen der Rechtssprechung. „Eine spürbare Schwächung“ der genannten Bereiche sei „nicht zu erwarten“.

Delmenhorst sieht Konsens zur Gewerbeansiedlung in Stuhr „durchkreuzt“

Was die Gemüter in den Delmenhorster und Bremer Amtsstuben zusätzlich erhitzen dürfte, ist der Umstand, dass man dort mit der geplanten Decathlon-Ansiedlung einen regionalen Konsens aus den Jahren 2013/14 zur Gewerbeentwicklung in Stuhr durch die Gemeinde „durchkreuzt“ sieht, heißt es etwa von der Stadt Delmenhorst. Dieser habe Bebauungspläne zum Gewerbegebiet Brinkum-Nord und Proppstraße am Stuhrer Autobahnkreuz betroffen. Laut Kommunalverbundschefin Krebser ging es damals um eine Bestandsfestsetzung, die verhindern sollte, weiteres Gewerbe mit zentrenrelevanten Sortimenten anzusiedeln. Stuhrs Bürgermeister Niels Thomsen spricht von einem „sortimentsbezogenen Entwicklungskorridor“ mit Verkaufsflächenobergrenze für die Gemeinde.

Auch Bremen teilt die Delmenhorster Kritik: Durch die Decathlon-Ansiedlung sowie durch die Änderung der Stuhrer Sortimentenliste 2018 sei die Grundlage für eine frühere Zustimmung zum Konsens entzogen, so Cordßen. Stuhrs Bürgermeister Thomsen hingegen sieht die Vereinbarung durch aktuelle Planungen „nicht verletzt“.


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