Gymnasiallehrer müssen Lücken füllen Delmenhorst plagt ein Lehrermangel an Grundschulen

Von Frederik Grabbe und Thomas Deeken

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Lücken in den Stundenplänen drohen: Selbst mit den Abordnungen von Gymnasien können an Delmenhorster Schulen nicht alle Stunden abgedeckt werden. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpaLücken in den Stundenplänen drohen: Selbst mit den Abordnungen von Gymnasien können an Delmenhorster Schulen nicht alle Stunden abgedeckt werden. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Delmenhorst. Delmenhorst kämpft mit einem akuten Lehrermangel an Grundschulen. Dieses Schuljahr müssen Gymnasien und IGS insgesamt 134 Unterrichtsstunden in der Woche für Grundschulen abordnen. In Ganderkesee hingegen sind die Schulleiter vollauf zufrieden. Wie passt das zusammen?

Der Lehrermangel an Grundschulen wirkt sich auch in diesem Jahr für Delmenhorst deutlich aus. Bereits vergangenes Jahr mussten Gymnasiallehrer mussten erstmals in Niedersachsen an Grundschulen aushelfen, weil dort der Personalmangel zu groß war. Dieses Jahr können die allgemeinbildenden Gymnasien und die Integrierte Gesamtschule (IGS) ihre personellen Ausleihen gut verkraften. An Grundschulen besteht offenbar trotzdem ein enormer Bedarf an Lehrkräften.

134 Unterrichtsstunden für sechs Grundschulen

Wie viele Unterrichtsstunden in Delmenhorst durch Abordnungen besetzt werden, will die Landesschulbehörde auf Nachfrage mit Verweis auf das laufende Einstellungsverfahren bis 24. August nicht mitteilen. Laut Behörde müssen Lehrkräfte beider Gymnasien sowie der IGS über ein Jahr lang an anderen Schulen stundenweise aushelfen. Sechs Grundschulen profitieren davon. Diese erhalten laut dk-Recherchen aktuell insgesamt 134 Unterrichtsstunden in der Woche. 60 Stunden gehen an weitere Schulen.

  • Allein 98 Unterrichtsstunden in der Woche muss etwa das Gymnasium an der Willmsstraße laut Schulleiter Stefan Nolting abordnen – 30 mehr als im Vorjahr. 70 Stunden davon sind für die Grundschulen Beethovenstraße (20 Stunden), Astrid-Lindgren (20), Marienschule (20) und für die Parkschule (10) bestimmt. 20 weitere gehen an die Wilhelm-von-der-Heyde Oberschule und acht an die BBS.
  • Das Max-Planck-Gymnasium ordnet 40 Unterrichtsstunden wöchentlich ab. Laut Schulleiterin Cordula Fitsch-Saucke unterrichten insgesamt acht Maxe-Lehrer an der Hermann-Allmers-Grundschule (28 Stunden) – als Außenstelle des Gymnasiums den Lehrkräften wohlbekannt – und an der Oberschule Süd (12 Stunden).
  • 60 Stunden ordnet insgesamt die IGS nach ab. Nach Angaben der Rektorin Sigrid Radetzky springen elf IGS-Lehrer an den Grundschulen Bernhard-Rein (14 Stunden), Hermann-Allmers (12), der Parkschule (10) sowie an der Hauptschule (20) ein.

(Weiterlesen: Willms liegt bei Schulen in Delmenhorst ganz vorn)

Gymnasien sehen Abordnungen entspannt entgegen

Laut Nolting seien die Abordnungen für das Willms-Gymnasium gut zu verkraften, zumal zuletzt viele neue Kollegen begrüßt wurden. Allein neun fangen dieses Schuljahr an. Zudem sei die Schule bereits vor den Sommerferien von der Landesschulbehörde über die Abordnungen informiert worden – anders als im Vorjahr, als auf den letzten Drücker die Stundenpläne umgeschmissen werden mussten. Als „sehr gut geordnet“ sieht auch Fitsch-Saucke das diesjährige Verfahren für die Abordnungen von Gymnasialkräften, das eigene Haus sieht sie als „stabil versorgt“ an. Für sie stellt die Hilfe für die Grundschulen eine „pädagogische Selbstverständlichkeit“ dar: „Den Kindern muss geholfen werden.“ IGS-Leiterin Radetzky spricht hingegen von einem „rumpeligen“ Verfahren, weil länger unklar gewesen sei, ob und in welchem Maße Grundschulen, Oberschulen oder die Hauptschule unterstützt werden muss. „Dafür haben wir es gut hinbekommen“, so Radetzky. Sie sagt aber auch: „Im Grundschulbereich ist lange nicht richtig ausgebildet worden. Die Grundschulen sind richtig gekniffen.“

Grundschulleiterin: Abordnungen sind Tropfen auf den heißen Stein

Das kann Insa Nessen, Schulleiterin an der Grundschule an der Beethovenstraße, nur bestätigen: „Es gab bei uns schon einige Schuljahresanfänge, bei denen wir aufwendig planen mussten. Doch so dramatisch wie jetzt, war es noch nie“, sagt Nessen. „Die 20 abgeordneten Stunden vom Willms sind aktuell für uns – bei aller guten Zusammenarbeit – nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“ 60 Unterrichtsstunden in der Woche können aktuell, Stand heute, nicht abgedeckt werden. Nessen: „Damit kriegen wir den Stundenplan nicht gesteckt“. Sie hofft inständig, dass Vertretungslehrer kurzfristig anfangen können. Hier müsste allerdings die Behörde noch Gelder freigeben.

„Junge Lehrer gehen eher nicht nach Delmenhorst“

Das Paradoxe ist: Laut Landesschulbehörde sind für Delmenhorst für das neue Schuljahr bereits 37 von 38 offenen Lehrerstellen besetzt. Warum sind dann Abordnungen von insgesamt 134 Wochenstunden an Grundschulen nötig? „Die Zahl der ausgeschriebenen Stellen ergibt sich durch Prognosedaten der Studienseminare“, erklärt ein Sprecher der Behörde auf Nachfrage. Kommen also wenige Absolventen für Grundschulen nach – wie es der Fall ist – werden entsprechend wenige Stellen ausgeschrieben. „Es ist illusorisch, Grundschulen so viele Stellen zuzuweisen“, sagt der Sprecher. „Im Grundschulbereich besteht grundsätzlich das Problem, dass zu wenige Lehrer ausgebildet werden“, bestätigt Schulleiterin Nessen. „Absolventen können sich ihre Stellen aussuchen – und die gehen im Zweifel eher nicht nach Delmenhorst.“

Andere Zustände als in Delmenhorst: In Bookholzberg kümmert sich ein insgesamt 30-köpfiges Team um die 232 Schüler. Archivfoto: Thomas Deeken

Ganderkesee als Land der Seligen

Damit vergleichen, kann Ganderkesee als Land der Seligen bezeichnet werden: Wir sind sehr entspannt“, sagt Birgit Humberg, Leiterin der kleinen Grundschule in Habbrügge. „Ich bin sehr zufrieden und hoffe, dass es so bleibt“, meint Frank von der Aa, Leiter der Grundschule Dürerstraße in Ganderkesee. „Und wir freuen uns über die gute Versorgung“, ergänzt Grundschulleiterin Dörte Lohrenz. Positiv gestimmt gehen aber nicht nur die drei Grundschulleiter aus Habbrügge, Ganderkesee und Bookholzberg ins neue Schuljahr. Daumen hoch heißt es auch seitens der anderen Schulleitungen. Abgesehen von René Jonker von der Langen Straße sprechen auch alle von 100-prozentiger Unterrichtsversorgung.

Drei neue Lehrer an der Langen Straße

Mit den Prozentzahlen sei das so eine Sache. Da wolle er sich nicht festlegen – vor allem, wenn es dann um Förderunterricht geht, sagt Jonker. Er sei aber froh, dass er inzwischen festes Personal habe und nicht mit Vertretungskräften arbeiten müsse. „Jetzt flicken und überbrücken wir nicht mehr“, erläutert der Schulleiter, der sich über zwei neue Kolleginnen, die von anderen Grundschulen kommen, und über eine weitere Lehrkraft freut, die gerade ihr Referendariat beendet hat. „Durch die neuen Kräfte sind wir jetzt auch in Mathe sehr gut aufgestellt“, freut sich der Schulleiter, dem einschließlich der pädagogischen Mitarbeiter 16 Personen zur Verfügung stehen. Zum Start erwartet Jonker einschließlich Abc-Schützen knapp 220 Schüler.

Etwas über 290 Mädchen und Jungen kommen in den nächsten Tagen zum Schulstart zur Dürerstraße, an der es laut Nachfrage die einzigen Abordnungen im Bereich der Ganderkeseer Grundschulen geben wird. Zwei Kolleginnen von der KGS Rastede beziehungsweise vom Neuen Gymnasium Oldenburg verstärken das insgesamt 23 Lehrkräfte und Sonderpädagogen umfassende Team.

An Grundschule Heide vorher viel überbrückt

Auch Ursula Dunker von der Grundschule Heide freut sich über die 100-prozentige Versorgung. „Vorher haben wir viel überbrückt. Jetzt wurden zwei neue Kolleginnen eingestellt“, informiert die Schulleiterin. Zum Team gehören 14 Kräfte. Rund 200 Schüler werden die Schule besuchen. „Bei uns läuft es super. Wir haben keine Abordnungen mehr und zwei neue feste Kolleginnen“, freut sich Birgit Humberg von der Grundschule Habbrügge. Das Team für die derzeit auf dem Plan stehenden 58 Erst- bis Viertklässler besteht aus sechs Personen.

Zufriedenheit auch in Bookholzberg und Schierbrok

Nach einem schlechten Start im vergangenen Jahr ist Gaby Goetz, Leiterin der Schierbroker Grundschule, diesmal sehr zufrieden – vor allem, weil sie Kolleginnen aus der Elternzeit zurückerwartet. Es gibt laut Schulleiterin 13 Lehrkräfte im Kollegium und vier pädagogische Mitarbeiter. Möglicherweise kommt sogar noch ein fünfter hinzu. Rund 180 Schüler werden erwartet.

„Wir sind ganz glücklich“, sagt Dörte Lohrenz, Schulleiterin in Bookholzberg: „Wir können wunderbar starten.“ Es kommen zwei neue Kolleginnen von anderen Grundschulen sowie eine neue pädagogische Mitarbeiterin hinzu, sodass sich ein insgesamt 30-köpfiges Team um die 232 Schüler kümmern kann.


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