Slam&Jam schlau bis schonungslos Poeten rühren Herz und Lachmuskeln in Delmenhorst

Von Kai Hasse


Delmenhorst. Beim Slam&Jam der Städtischen Galerie Haus Coburg in Delmenhorst am Samstag, 4. August, haben junge Poeten der Region ein lustiges und manchmal nachdenkliches Programm auf die Bühne gebracht. Es ging um Fanta-Korn, das Ansehen von Lehrern, Pornos und Alzheimer.

Zum Abschluss der Sommerferien hat die Städtische Galerie Delmenhorst ihr mittlerweile viertes „Slam&Jam“ auf die Bühne gebracht. Sieben moderne Poeten der Region hatten die junge Kunstvermittlungsinitiative Copartikel und der Moderator Joschka Kuty (alias Joshka Kulty) zusammengebracht. Für etwa 80 Gäste wurde es ein fröhlicher Abend mit Gesellschaftskritik, schonungslosen Zoten, zärtlichen Gefühlen..

Eingebettet in urbane Kunstausstellung

Der Slam&Jam ist der Abschluss eines Vermittlungsprogramms für Kunst, die sich eng an die Ausstellung „Stefan Marx. Memory Palace“ lehnte. Weil „Memory Palace“ – grob gesagt – städtisches Geschehen und Wesen aufgreift und darstellt, diente die Ausstellung als Inspiration und Kulisse für ebenso urbane Kunstformen. Seit Juni gab es somit Kurse wir Pattenauflegen mit einer DJane, Posterdesign, Graffiti oder Design von T-Shirts und Schirmmützen. Die Ausstellung war offen, in der Pause konnten die Besucher des Slam&Jam hinein.

Pornos lieber im realen Setting

Der Poetry-Slam selbst war kurzweilig: Vor der Kulisse der Urbanen Kunst ging es da um die ganz heißen Themen: Bildung, Partnerschaft, Sex und Alkohol. Die Poeten auf der Open-Air-Bühne im Hof schafften es zum Teil, auf den derben Dingen eine Prise Gesellschaftskritik zu geben. Wie Christoph Deuschle alias „Herr Elscheud“. In der Geschichte „Warum liegt hier eigentlich Stroh?“ (Da lachten – na sowas! – auch viele ältere Besucher) prangerte er an, wie stromlinienförmig pornomäßig sich offenbar mittlerweile jeder zurechtoperieren lassen müsse, seinen Körper designen, oder warum man Ananas essen müsse. Das Internet habe vieles Neue gebracht – „vor allem aber erzählt es uns, wie man verdammt nochmal f... muss!“ rief er genervt. Besser aus seiner Sicht: Erotik im Netz, die „reale Settings“ im Bett eines Durchschnittspärchens abbilden solle. Beispielsätze: „Geburtstag? Na gut, aber nur wenn die Champions League nebenbei läuft“, oder „Was zur Hölle macht Dein Finger in meinem ...!?“.

Mehr Respekt für Lehrer

Großen Applaus heimste Sebastian Butte ein, Lehrer aus Bremen, der während des Studiums auch Kinder in Düsternort betreute. Seine Geschichte „Lehrer sein“ erzählte, wie Jemand zwei Werbefilme für den Lehrerberuf in einer Konferenz abspielt. Der eine: Geliebte Lehrer, entspannt, liebe Kinder, Anerkennung, alles in rosa. Wenn da nicht der zweite Film, Titel „realistischere Version“, wäre... Das sorgte für Heiterkeit. Butte schloss mit einem ernsten Appell: dass ein bisschen mehr Respekt vor dem wichtigen und auszehrenden Beruf des Lehrers angebracht wäre. Er räumte viele Punkte ab.

Der überfahrene Ast beschwert sich

Volle Kanne die Lachmuskeln im Visier hatte beispielsweise Shari Töpperwein. Ihr Text rankte sich – in Schlangenlinien – um das Getränk „Fako“, also Fanta-Korn, „das Aperol Spritz des armen Mannes“, das sie in einer kakerlakenverseuchten Partywohnung kennenlernt. Zwischendrin setzt sie Hoffnung in den leckeren Kuchen da – bis zur Schilderung des Rezepts: „Du machst nen normalen Napfkuchen, ersetzt einfach alle Flüssigkeiten mit Stroh-80.“ Der Rückweg auf dem Fahrrad, Unfall, übern Ast gefahren. Dann grummelt der Ast, baut sich auf, beginnt zu sprechen. „Man überfährt nicht einfach Leute!“, sagt der Mann, der aussah wie ein Ast und so da auf dem Feldweg lag.

„Mutterschiff und Tochterboot“

In einem Finale unter dreien setzte sich schließlich die Hannoveranerin Tanja Schwarz durch. Sie beschrieb unter anderem die Alzheimerkrankheit ihrer Oma, wie die im Nebel nach Land in Sicht Ausschau halte, was nicht geschehen werde. Wie sie dennoch an ihrer bleiben werde. „Denn Du bist das Mutterschiff. Und ich das Tochterboot.“ Das traf ins Herz.

Derb bis schlau

Ein schöner Abend. Die Texte mal derb, schonungslos, oft schlau, mancher Ansage-Gag eher ein alter Witz, der schon lange im Internet umhertreibt. Aber das Publikum hat es genossen. Und das zu Recht.


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