Sozial- und Gesundheitsministerin Ministerin Carola Reimann auf Rundreise durch Delmenhorst

Von Frederik Grabbe


Delmenhorst. Medizinische Pionierarbeit, Erinnerungskultur für Frauen, Gesundheitsförderung für sozial Schwache: Die Niedersächsische Sozial- und Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) wird viele positive Bilder aus Delmenhorst mit zurück nach Hannover nehmen.

Gemessen am Medieninteresse, war Reimanns erster von drei Terminen in Delmenhorst im Josef-Hospital (JHD) an der Wildeshauser Straße der hervorstechendste. Dort ließ sich die Ministerin das neue telemedizinische Modellprojekt von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), der Johanniter Unfallhilfe und dem Klinikum Oldenburg zeigen, das Anfang Juli gestartet ist. Mit dem Projekt verbunden ist die Hoffnung, die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser und die Hausärzte dauerhaft zu entlasten, sollte es später Verbreitung finden.

Ärztliche Diagnose per Videoanruf

Das Grundprinzip erläuterte Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der KVN: Benötigt ein Patient medizinische Hilfe, wählt er die Rufnummer des Kassenärztlichen Bereitschaftsdiensts 116117. Über eine Telefonzentrale werden seine Beschwerden abgefragt. Falls nötig, rückt die Johanniter Unfallhilfe mit geschulten Rettungsassistenten aus. Sollten diese beim Patienten feststellen, dass ärztlicher Rat vonnöten ist, kann dieser per Videoschalte zum Klinikum nach Oldenburg eingeholt werden. Das Telemedizingerät liest Vitaldaten direkt am Patienten aus – so kann der Arzt per Videoverbindung eine Diagnose stellen. Im Falle des Falles wird er Patient dann ins Krankenhaus eingeliefert. Wie das praktisch funktioniert, wurde Reimann ebenfalls vorgeführt.

Reimann: Telemedizin bietet zusätzliche Qualität

Die Ministerin betonte, das Projekt wolle nicht Leistungen von Ärzten ersetzen, sondern sie unterstützen. „Die Telemedizin bietet Patienten zusätzliche Qualität. Zudem werden die Notaufnahmen der Krankenhäuser entlastet, die im ganzen Land überlastet sind. „Ich appelliere an alle: Rufen Sie die 116117 an.“ Und KVN-Vorstand Barjenbruch hegte die Hoffnung, dass die Telemedizin ein Argument für Ärzte sein könne, sich auf dem Land niederzulassen, weil sie bei Bereitschaftsdiensten in Notfällen künftig weniger gefordert werden.

26 Patienten im ersten Versuchsmonat erreicht

Die telemedizinische Versorgung greift bislang nur am Wochenende von Freitag, 21 Uhr, bis Montag, 7 Uhr, und deckt die Bereiche Delmenhorst, Ganderkesee oder Lemwerder ab. Der erste Monat verlief laut Klaus-Dieter Berner von der Johanniter Unfallhilfe Stedingen vielversprechend: 26 Patienten wurden versorgt, bei 18 wurde per Telemedizingerät ärztlicher Rat eingeholt. „Bislang stoßen sich die Patienten nicht daran, das kein ausgebildeter Arzt zu ihnen kommt.“ Laut Dr. Daniel Overheu, ärztlicher Leiter der Telemedizin am Klinikum Oldenburg, sei die Technik bereits im Bereich der Offshore-Windanlagen erprobt. Die Projektkosten von 350.000 Euro tragen der Europäischen Sozialfonds, die KVN, die Johanniter und das Klinikum Oldenburg. Zwei Jahre lang soll das Projekt laufen. Dann wird es wissenschaftlich ausgewertet.

Gesundheitsförderung für sozial Benachteiligte

Ebenfalls um Gesundheit drehte sich alles bei Reimanns zweiter Station: Da war die Ministerin im Delmenhorster Wollepark zu Gast. Im Nachbarschaftszentrum der Diakonie ließ sie sich über das Modellprojekt „Gesund und bunt“ aufklären. Das Ziel: „Eine nachhaltige Verbesserung der gesundheitlichen Lage für sozial Benachteiligte ohne Extrakosten“, erklärte Saskia Kamp, neue Geschäftsführerin des hiesigen Diakonischen Werkes. Denn gerade für die gesundheitliche Prävention fehle bei dem „Klientel“ des Nachbarschaftszentrums schlicht das Geld. Im Wollepark habe man häufig mit Migranten, oft mit Osteuropäern zu tun. Kamp: „Die meisten sind nicht krankenversichert und darum umso abhängiger von ihren Arbeitgebern.“ Fatal: Diese Achtlosigkeit gegenüber werde auch den eigenen Kindern vorgelebt.

Beratung und Sport für mehr gesundheitliche Förderung

Das Projekt „Gesund und bunt“, das gerade vom Delmenhorster Institut für Gesundheitsförderung (DIG) unter der Federführung von Dr. Johann Böhmann, ehemaliger Chefarzt der JHD-Kinderklinik, konzipiert wird, will mit kostenlosen Gesundheitstreffen entgegenwirken. So sollen in den Nachbarschaftsbüros der Diakonie im Wollepark, Düsternort und Hasport entsprechende Angebote – etwa von Ernährungsberatern und Sportpädagogen – gemacht werden. Wie die genau aussehen, ist laut DIG-Projektkoordinatorin Anna Stumpe noch nicht klar. „Wir arbeiten gerade an einer Bedarfsanalyse. Diese soll für uns grundlegende Fragen klären.“ Wichtig sei aber, diejenigen, die die Angebote nachher betreffen, bei der Konzipierung mit einzubeziehen. Dies geschehe derzeit in langen Interviews mit Bewohnern.

Großes Interesse am Schwimmen

Einen möglichen Ansatz nannte Böhmann dann doch: Und zwar bestehe ein großes Interesse daran, schwimmen zu lernen – „ein Sport, der in den Herkunftsländern oft mit der sozialen Herkunft verbunden ist“. Böhmann schloss allerdings nicht aus, mit der einen oder anderen Idee zu scheitern und die Bewohner nicht zu erreichen – schließlich lägen die Wanderungsbewegungen in sozial schwachen Vierteln auf einem höheren Niveau, was sich auf die Zielgruppe niederschlage. „Mit Flops werden wir umgehen können. Wir brauchen diese Experimente in diesem Delmenhorster Labor für ein effektives Angebot.“ Die Kosten des bis 2020 laufenden Projekts von 167.000 Euro trägt der Verband der Ersatzkassen (VdEK).

„Wichtiger Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit“

Ministerin Reimann lobte den lokalen Ansatz des Präventionsangebots, das wesentlich von Dr. Böhmann initiiert wurde. Grundsätzlich sei es nicht hinnehmbar, dass Familien mit geringem Einkommen statistisch gesehen häufiger gesundheitlich beeinträchtigt sind. Das Projekt sei darum „ein wichtiger Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit in Deutschland.“

Dickes Lob für Delmenhorster Frauenort

Voll des Lobes war die SPD-Politikerin ebenfalls über eine derzeit entstehende Ausstellung im Fabrikmuseum auf der Nordwolle: Dort arbeiten zwei Mitarbeiterinnen gerade an der Biografie von Ruth Müller und sammeln biografische Gegenstände. Die ehemalige Nordwolle-Arbeiterin und Betriebsrätin soll künftig zum Gesicht der weiblichen Arbeit auf der Nordwolle werden. Der Landesfrauenrat hatte das Museum im Frühjahr zum niedersächsischen Frauenort gemacht, nachdem Vertreter der Stadt Ruth Müller gegenüber dem Landesprogramm vorgeschlagen hatten. „Der erste Vorschlag für eine Frau, die nicht aus der Bürgerschaft, sondern aus der Arbeiterschaft stammt“, sagte Reimann anerkennend. „Mit Ruth Müller lässt sich wunderbar der historische Kontext der Industrievergangenheit auf der Nordwolle transportieren.“

Weibliche Arbeit auf der Nordwolle

Stippvisite im Gemeinschaftsgarten: Das Nachbarschaftszentrum Wollepark hat mit Bewohner des Stadtteils diesen Garten angelegt. Er ist Ort des Austauschs. Sozialministerin Carola Reimann (SPD, vorne) macht sich ein Bild. Foto: Frederik Grabbe

Am 21. September soll die Ausstellung im Fabrikmuseum eröffnet werden. Laut der Museumspädagogin Gerda Hartmann liegt eine beschwerliche Recherche hinter den Mitarbeiterinnen: „Einen Nachlass von Ruth Müller gibt es nicht. In alten Protokollen der IG Metall taucht sie in ihrer Rolle als Betriebsrätin nicht auf.“ Erst der Kontakt zur Familie der 2008 Verstorbenen habe sich als wertvoll erwiesen. Ab Anfang der 60er Jahre waren es vor allem Griechinnen und Spanierinnen, die an den Maschinen des Nordwolle-Industriekomplexes standen. Hartmann: 50 Prozent der Arbeiterschaft waren weiblich. Ein Aspekt, der oft vergessen wird.“


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