Protest vor 60 Jahren Auch in Delmenhorst Kampagne gegen den „Atomtod“

Von Paul Wilhelm Glöckner

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Delmenhorst. Die Angst vor einer atomaren Aufrüstung der Bundeswehr trieb vor 60 Jahren viele Menschen um. Auch in Delmenhorst wurde die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ aktiv.

Es waren vor allem Sozialdemokraten, aber auch politisch ungebundene Bürger von Delmenhorst, Geistliche, Ärzte und Rechtsanwälte, die sich vor 60 Jahren hier zu einer Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ zusammenfanden. Diese Protestbewegung wird in der heutigen Geschichtsschreibung als ein Vorläufer der 68er eingeschätzt.

Kanzler Adenauers Worte lösen Widerstand aus

Wie überall in der Bundesrepublik wurde auch in Delmenhorst Front gemacht gegen die CDU/CSU-Bundesregierung, die plante, die Bundeswehr mit Atomsprengköpfen und Abschussbasen für atomare Kurzstreckenraketen aufzurüsten. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte dieses Vorhaben lediglich als eine Weiterentwicklung der Artillerie verharmlost, er war daraufhin auf den Widerstand von 18 führenden deutschen Atomwissenschaftlern gestoßen.

Delmenhorster Initiatoren treffen sich im Juli 1958

In Folge bildete sich auf Bundesebene unter Führung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), der Oppositionsparteien SPD und FDP sowie unter Mitarbeit von Teilen der Kirchen und namhafter Schriftsteller ein breites Bündnis, welches auch in der Delmestadt aktiv wurde. Am 4. Juli 1958 trafen sich die Initiatoren erstmalig im damaligen Hotel zur Post zwecks Gründung des Arbeitskreises, dem zunächst 21 Personen angehörten.

„Spiel mit dem Tode“

In einen Arbeitsausschuss wurden Pastor Walter Berg, Gerd Menkens (Geschäftsführer), Dr. med. Götting, Oberstudienrätin Gertrude Richter, Rechtsanwalt Dietrich Keuffel und Ludwig Gottfried (SPD) gewählt. Man eröffnete ein Spendenkonto und gab zur Werbung weiterer Mitglieder einen Aufruf heraus. Danach war „das Leben jedes Einzelnen in Gefahr“, weil „Atomrüstung die Flucht in die Katastrophe und ein Spiel mit dem Tode“ bedeute.

Große Demonstration auf dem Marktplatz geplant

Angst hatte man auch vor der Errichtung von Abschussbasen für Atomraketen. Schon damals befürchtete man, in einer Auseinandersetzung zwischen den Supermächten zum Schlachtfeld zu werden. Mit einer großen Demonstration, zu der man alle Bürger der Stadt aufforderte, wollte der Ausschuss dagegen vorgehen. Alle Betriebe, Behörden und der Einzelhandel sollten so rechtzeitig schließen, dass viele Menschen an der Kundgebung teilnehmen konnten. Aus allen Stadtteilen sollten Demonstrationszüge die Bevölkerung zum Marktplatz führen.

Doch dazu ist es nicht gekommen. Denn als das Bundesverfassungsgericht am 30. Juli 1958 eine von der SPD und dem Gewerkschaftsbund beantragte Volksbefragung zum Thema als verfassungswidrig ablehnte, brachen die Initiatoren die Kampagne ab.

Protestler von der SPD zurückgepfiffen

Auch die Delmenhorster Protestler, die schon überall Plakate für die Demo geklebt hatten, sind dann sofort, wie Gerd Menkens später einmal berichtete, „von unserer Partei, der SPD, zurückgepfiffen worden“. Lag es auch daran, dass inzwischen auch Kommunisten und Pazifisten mitgearbeitet hatten? Zwar konnte dies seinen Worten nach in Delmenhorst nicht festgestellt werden, doch ist die örtliche SPD, die ja wesentlich die Bewegung mit aufgebaut hatte, der von oben angeordneten Distanzierung sofort gefolgt.

Die schon stationierten Atomraketen wurden dann nicht der Bundeswehr, sondern der Nato unterstellt. Sie befinden sich noch heute auf deutschem Boden.


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